Binge watching

Kranker Scheiß

d'Lëtzebuerger Land du 31.07.2020

Die Welt ist ein Dorf. Die deutschsprachige Netflix-Serie Dark scheint diese Redewendung wörtlich zu nehmen: Nachdem die Nachricht vom Verschwinden eines kleinen Jungen die Dorfgemeinschaft von Winden erschüttert, werden plötzlich die Gesetzmäßigkeiten des Raum-Zeit-Kontinuums gestört und das Leben von vier Familien wird aus den Angeln gehoben. Die Familien sind auf mysteriöse Weise miteinander verbunden, und nach und nach fördert ein Atomkraftwerk dunkle Geheimnisse ans Licht, die für das Schicksal der Welt bestimmend sind ...

Die Suche nach der verschwundenen Person ist in Dark eine nach Antworten auf die großen Sinnfragen des Lebens: Was ist der Mensch, was treibt ihn an, was ist seine Bestimmung? Die deutsche Serie von Baran bo Odar und Jantje Friese nutzt den zunächst ganz kriminalistischen Plot, um dessen Figuren auf sonderbare Zeitreisen zu schicken. Die Serie profitiert von der Ausbeutung des Achtzigerjahre-Nostalgiefaktors, der bereits Stranger Things auf Netflix zu großer Beliebtheit verhalf. Tatsächlich erleben Bilder von einer Gruppe im Wald stehender Kinder ein Revival, zuletzt noch in dem übersehenen Super Dark Times (2017) von Kevin Phillips. Ihren besonderen Reiz bezieht die erste Staffel aber vor allem aus dem Wissensvorsprung der Zuschauer gegenüber den agierenden Figuren: Wenn der Familienvater noch eine Kindesentführung vermutet, erahnt der Zuschauer bereits die sich andeutenden Reisen durch die Zeit. Die auktoriale Erzählinstanz, die zwischen mehreren Zeitebenen hin- und herwechselt, ist in Dark maßgebend, denn die verlässliche Grenze zwischen dem einen und dem anderen ist längst verschwunden. Nicht einmal auf die Motivationen und Absichten der Figuren ist mehr Verlass. Die filmsprachlichen Mittel sind denn auch ganz auf die formale Transparenz ausgerichtet: Parallelmontage und Split Screen, um Gleichzeitigkeit auszudrücken, visuelle Transitionen durch Match Cut zielen ganz auf die Lesbarkeit der Erzählebenen. Auch die intradiegetisch eingestreuten Songs der Popkünstlerin Nena fungieren da als Stütze, denn bei Nena heißt es ja: „Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an.“ Um die Kontrolle der Zukunft geht es schlussendlich, ähnlich wi in der Mystery-Serie Lost stehen auch hier die Gegensatzpaare Licht und Schatten, Gut und Böse.

Wenn in Staffel eins der Spannungsfaktor nicht zuletzt durch die bedrückende und nervenaufreibende Musik von Ben Frost garantiert wurde, hält in Staffel zwei der weitere Handlungsverlauf den Zuschauer durch den zunehmenden Wechsel der Figuren und Orte auf Distanz. Nach einer Häufung der Zeitebenen werden noch Parallelwelten eingeführt, und je komplexer die Zeitreisen werden, desto reicher werden die Zitate und Anspielungen: Von Goethes Faust über Kants Theorie der Unmündigkeit bis hin zu Bibelreferenzen in den einzelnen Namen: Adam und Eva, Noah und Jonas. Es geht um nichts weniger als um die Schöpfung und die Apokalypse. Verwunderlich sind auch die permanenten, bedeutungsschwangeren Predigten über die Beschaffenheit der Welt: „Der Anfang ist das Ende. Das Ende ist der Anfang“, oder noch: „Alles hängt zusammen“. An einer Stelle schreit der ewige Zeitreisende Jonas: „Ich will, dass der ganze kranke Scheiß aufhört!“ Plözlich erweist die Serie sich als Paradox; es scheint, als wolle sie das eigene Ende sehnlichst herbeiwünschen. Von Wissensvorsprung kann am Ende keine Rede mehr sein; sogar die Figuren brauchen in Staffel drei eine Hilfestellung in Form eines Stammbaums, so als könnten sie das Geflecht an Namen und Beziehungen selber nicht mehr erschließen. Eine klare Geschichte ist längst im Meer der Logikfehler und Beziehungsgeschehen untergegangen. Viel eher stellt sich ein Gefühl für eine Welt der Täuschung und Maskierung ein, in der man auch dem letzten Charakter gegenüber misstrauisch werden muss. Staffel drei krankt merklich an der Überkonstruktion des Plots, der Geschwätzigkeit seiner Figuren. Es hängt ja alles zusammen, so hätte man sich freilich gewünscht, dass das Ende dann doch so gut ist wie der Anfang. Marc Trappendreher

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