Unterscheidet Student/innen der Generation Z etwas von früheren Jahrgängen? – Eine Menge, sagt Philippe Hiligsmann, an der Universität Luxemburg Vizerektor für Akademische Angelegenheiten. „Sie wünschen sich Aktivitäten, in denen sie sich engagieren können. Die Kurse müssen Sinn für sie haben. Theorie um der Theorie willen interessiert sie tendenziell weniger als Studenten früherer Jahrgänge.“
Eine exklusiv Luxemburger Feststellung ist das nicht. Philippe Hiligsmann, seit einem Jahr in seinem Amt an der uni.lu und vorher fünf Jahre auf dem gleichen Posten an der Université catholique in Louvain tätig, hat sie auch dort gemacht. Und die Januar-Ausgabe der US-Zeitschrift The Chronicle of Higher Education mit dem Fokus „Understanding the Gen Z student“ beschrieb, was Hiligsmann den Wunsch nach „Sinn“ nennt, mit „a transactional view of the college experience“.
Um zu erklären, was das genau bedeutet, fließt viel wissenschaftliche Tinte. Sicher scheint: Covid-19 mit social distancing und Lernen per Videokonferenz hat alles verstärkt. Ein Artikel, der dieses Jahr in der Fachzeitschrift Active Learning in Higher Education erschien, illustriert das: An drei Universitäten in England wurden im Herbst 2023 Interviews mit 40 Studentenvertretern durchgeführt: Online-Lernen und Videovorlesungen hätten es nicht nur erlaubt, der Darbietung eines Professors zu folgen und nebenher zu essen, sondern auch die Frage aufgeworfen, wie Qualität und Nutzen der Lehre empfunden werden. Hiligsmann beobachtet das auch: „Finden Studenten, eine Vorlesung bringt nichts, bleiben sie bei der nächsten weg.“ Suchen sich das Material auf digitalem Weg und lernen alleine. Weniger neugierig als frühere Jahrgänge sei die Generation Z keineswegs.
Covid-19 ist lange her. Auf die Unis schlägt zurück, dass sie Online-Lehre als Innovation eingeführt haben und Studienmaterial digital zur Verfügung stellen. Da die Gen Z als digital native gilt, die ihr Leben per Smartphone organisiert, verwundert nicht, dass Student/innen die physische Teilnahme am Unterricht gegen Prioritäten abwägen, die sie noch haben: Geldverdienen und Partys feiern etwa. Mit digitaler Hilfe organisieren sie das für sie individuelle Optimum aus Zeitaufwand und vermutetem Nutzen.
Die uni.lu reagiert darauf auf zwei Wegen. Neuerdings vergibt sie ein Certificate for Student Engagement and Leadership. Honoriert mit ECTS-Punkten werden Tätigkeiten in Studentenorganisationen und als Studentenvertreter, sowie die Teilnahme an Karriere- und Kultur-Workshops. Das soll einer Vereinzelung der Student/innen entgegenwirken, die digitale Selbstorganisation mit sich bringen kann, und ihnen Zusatzkompenzen verschaffen. Philippe Hiligsmann hat das Konzept in Louvain entwickelt. In einer Befragung unter Alumni der UCL, sagt er, hätten 51 Prozent erklärt, so ein Engagement habe sich positiv auf ihren Berufsweg ausgewirkt. Den Zusammenhalt auf dem Campus gestärkt habe es auch.
Die andere Neuerung ist das seit dem 1. September bestehende Institute of Innovative Teaching and Learning. Es soll neue pädagogische Konzepte fördern und Ideen verallgemeinern, die es an der Uni vielleicht schon gibt, die aber nicht bekannt genug sind. „Dass partizipatives und projektbezogenes Lernen bei den Studenten gefragt ist, wissen wir und wenden es an.“ Theorie werde so leichter verständlich. Die günstige Ratio zwischen der Zahl der Student/innen und der Professor/innen an der uni.lu erleichtere den Ansatz. Die Ideen, die das neue Institut hervorbringt, sollen unter Teilnahme der Student/innen entstehen. Und nicht nur gedacht sein für eine Anwendung im kleinen Kreis, sondern an der ganzen Uni, um deren Pädagogie insgesamt voranzubringen. Wobei innovativ „nicht unbedingt digital oder mit Einsatz von Technologie heißen soll“, betont der Vizerektor. Es könnten eben gerade Projekte sein, in denen überlegt wird, wie die Student/innen in die Kurse eingebunden werden können. Klar sei, sagt Philippe Hiligsmann, dass Engagement und Motivation der Student/innen nicht von vornherein gegeben sind. Und eine Universität, die sich und ihre Methoden nicht in Frage stellt, habe „ein Problem“.