Es mangele immer noch an Respekt und gewaltfreiem Umgang in der Geburtshilfe, schrieb die Association luxembourgeoise des sages-femmes (ALSF) diese Woche anlässlich des Roses Revolution Day. Sie definiert Gewalt als „Respektlosigkeit oder jede Form von schlechter Behandlung durch Gesundheitsfachkräfte während der Geburt, die die Würde der Frauen verletzt“. Sowohl körperliche als auch verbale Gewalt gehören dazu.
Um Frauen eine positive Geburtserfahrung zu ermöglichen, schlagen sie unter anderem vor, eine kontinuierliche Betreuung der Frauen durch Hebammen einzuführen, ein System an liberal arbeitenden Hebammen – Beleghebammen –, und setzen sich für eine 1:1 Betreuung während der Geburt ein. Derzeit werden klinische sowie Hausgeburten durchgeführt. Die ALSF wünscht sich ein Geburtshaus oder eine midwife-led-unit, also eine von Hebammen betreute Geburtsoption. Dieses Projekt kommt jedoch bisher nicht zustande. Vermutlich haben weder die AMMD noch die Assoziation der Gynäkologen (SLGO) großes Interesse daran.
Das Thema Gewalt im Rahmen der Geburtshilfe liegt seit dem Regierungswechsel jedenfalls brach. Zuletzt erkundigte sich Nathalie Oberweis (Déi Lénk) 2021 bei LSAP-Gesundheitsministerin Paulette Lenert über eine verlässliche Definition zum Thema. Diese gibt es bis heute nicht, von Zahlen ganz zu schweigen.
Es gibt einen besorgniserregenden Trend zum sogenannten „Free Birthing“, der sich zum Teil mit traumatischen Geburtserfahrungen erklären lässt. Eine Investigation des Guardian deckte diese Woche auf, wie der Einfluss der US-amerikanischen „Free Birthing Society“ (FBS) für steigende Stillgeburten und Säuglingstode verantwortlich ist. Die Praxis des „Free Birthings“ ist eine extreme, ideologisch motivierte Form der außerklinischen Geburt, die jegliche Art von medizinischer Begleitung verweigert. Während der „wilden“ Schwangerschaft werden Ultraschalle abgelehnt; auch die Herztöne des Kindes sollen während der Geburt nicht abgehört werden. Anhängerinnen des „Free Birthings“ gebären meist alleine, mit ihrer Familie. Der Guardian fand heraus, dass 48 Stillgeburten und Säuglingstode mit der FBS in Verbindung standen – bei 18 konnte festgestellt werden, dass FBS eine direkte Rolle spielte.
Sheila Frantz, Mitglied der ALSF, erklärt im Gespräch mit dem Land, mittlerweile leideten circa 10 Prozent von Frauen an Tokophobie, also Angst vor Schwangerschaft und Geburt. Diese Angst speise sich aus unterschiedlichen Faktoren, unter anderem traumatische Geburtserfahrungen, die die Frauen selbst erlebt haben, oder die sie erzählt bekommen. Dadurch verlieren sie ihr Vertrauen in das Gesundheitssystem, erklärt Sheila Frantz. Rezent habe es hierzulande mindestens fünf Frauen gegeben, die ohne medizinische Begleitung ihr Baby bekommen haben. „Es bleibt selten, aber die Zahl steigt seit zwei Jahren.“ (Die Zahl an Hausgeburten liegt für das laufende Jahr bisher bei leicht mehr als 20.)
Diese Frauen erkundigen sich bei den Hebammen nach einer Hausgeburt – da sie ihre Schwangerschaft jedoch medizinisch begleiten lassen müssen, um das Recht auf eine Hebamme bei der Hausgeburt zu haben, kommt keine Zusammenarbeit zustande. Oftmals schauen die Frauen sich dann auf Instagram um – wo sie in „Communities“ wie der FBS Gleichgesinnte finden.