die Kleine Zeitzeugin

Auf ORF läuft Vienna Blood

d'Lëtzebuerger Land du 06.11.2020

Über Romy Schneiders Österreich-Horror reden wir gerade, meine Tochter und ich. Da platzt ein Anruf rein, ein alter Freund. Bei mir ums Eck wird geschossen! sagt er. Es ist Krieg, ich hab’s gesagt, wir kriegen Krieg, jetzt ist er da! Die leichte Genugtuung ist unüberhörbar. Ein Anschlag, sagt er. Terror? Ich glaube es nicht, zu sehr ist er in letzter Zeit abgedriftet in krude Verschwörungsfantasien. Meine Tochter, schon online, nickt.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft ein Kitschfilm, Vienna Blood. Wir schalten auf den Boulevardsender Ö24. Seitenstettengasse, hören wir, Stadtsynagoge. Schießereien in Lokalen und Terrassen. Mehrere Täter. Ein Video läuft, auf dem Menschen um ihr Leben rennen. Alles ist voll im Gange, Polizei und Rettung im Einsatz, der oder die Täter flüchtig. Ein Video wird hochgeladen, in dem man präzise sieht, wie ein junger Mann erschossen wird. Meine Tochter weint. Auf ORF zeigen sie Vienna Blood.

Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde beruhigt, der Stadttempel sei montags geschlossen. Meine jüngste Tochter ruft an, der Terrorist, den wir im Fernsehen sehen, sei so ungeschickt, wie ein verwirrter Junge.

Das Zentrum des Geschehens ist das so genannte Bermuda-Dreieck. Legendäres Ausgehviertel mit Kult-Lokalen, wo die Wiener Kids sich ihre ersten Räusche holen, aber auch die Reiferen sich gepflegt besaufen. Uraltes Wien, einst jüdisches Textilviertel, und mit der ältesten katholischen Kirche. An diesem Abend ist dort alles voll. Nach langen kalten Regentagen ist es mild, am nächsten Tag soll der Lockdown in Kraft treten, und ab acht Uhr heißt es wieder Home sweet home. Noch einmal raus, noch einmal unterwegs mit Freund_innen!

Der ORF wacht endlich auf. Er meldet einen Toten. Der Boulevardsender gleich mehrere. In der Innenstadt gebe es eine Triage der Verletzten. Triage, das Wort kennen wir.

Ein Täter sei tot, wie viele flüchtig seien weiß niemand. Es wird davor gewarnt, ans Fenster zu gehen. Wie ich die Tagesthemen auf ARD einschalte, sind die schon in den USA. Zu wenig Tote, weiß meine Tochter.

Ein Freund meines Sohnes steht unter Schock, er war in einem der Lokale in die geschossen wurde. Eine seiner Kolleginnen hat Glück im Unglück. Weil ihr Freund an Corona erkrankt ist wurde nichts aus dem lauen Abend im Bermuda-Dreieck. Im ersten Bezirk sitzt eine Bekannte wie zahllose andere Menschen über Nacht fest. Ihr Gastgeber aber trotzt Tod und Teufel und sogar der Polizei, er geht raus. Der Hund muss Gassi.

Am Morgen wird klar, dass es wohl die Tat eines Einzelnen war. Trotzdem unbedingt die Innere Stadt meiden und am besten nicht raus gehen und die Kinder nicht in die Schule schicken!, bittet der Innenminister. Klingt eh schon vertraut. Ich rufe beim Zahnarzt in der Mariahilferstraße an, der Einkaufsmeile, wo ich einen Termin habe. Die meisten Patient_innen haben abgesagt, ich könne gern kommen, draußen gingen „welche“ mit Gewehren auf und ab. Ob die U-Bahnen fahren ist unklar, ob abgesperrt ist ebenfalls. Ich radele mal los.

Ich bin die einzige Radfahrerin auf der langen Strecke Richtung „Hüfer“, wie die Meile im Volksmund heißt. Ich sehe keinen einzigen Polizeiwagen, ich, die ich mich als Gehwegradschnecke sonst förmlich von ihnen verfolgt fühle. Das Museumsquartier, das mir mit seinen Innenhofterrassen plötzlich wie eine große Falle vorkommt, ist verlassen. In der Fußgänger_innenzone Mariahilferstraße ist es chillig und seltsam still, die Lokale wegen dem Lockdown sowieso zu. Wenige Shopper_innen, ein paar hocken mit Bierdosen auf Bänken. Ich sehe den ersten Polizeiwagen. Er steht da seit den großen Pariser Anschlägen, er ist leer wie immer.

Über den Gürtel radele ich zurück. Es wird immer belebter, die inständige Bitte des Innenministers, wenn möglich zuhause zu bleiben, scheint nicht angekommen zu sein. Wer hier wohnt, wohnt meist auf engem Raum. Und fühlt sich zumindest hier wohl kaum bedroht, Armut ist selbst für Terroristen unattraktiv.

Ich komme an einem Waffengeschäft in meiner Straße vorbei. Sonst ist da meist nicht viel los. Es ist voll. Maskierte Männer, Frauenquote null, stehen brav auf Abstand, beugen sich über Waffen.

Michèle Thoma
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