Binge Watching

Freiheitsbewegung als Horrorgeschichte

d'Lëtzebuerger Land du 13.11.2020

Es steht wie Werbung und Warnung zugleich: Der amerikanische Streaming-Dienst Netflix kündigte die französische Serienproduktion La Révolution mit den Worten an: „Was wäre, wenn wir mehr als zwei Jahrhunderte lang belogen wurden?“ Die „wahre Geschichte der Französischen Revolution“, geschrieben von Gaïa Guasti und Aurélien Molas, unternimmt den Versuch einer radikalen Umdeutung des historischen Stoffes: Wir befinden uns im Jahr 1787, zwei Jahre vor den entscheidenden Ereignissen. Irgendwo im Königreich Frankreich, unweit von Versailles und seinem Fürsten, hungert das Volk, der Adel wird immer dekadenter. Die Revolte bahnt sich an, aber hier muss der Vergleich zwischen Geschichte und Fiktion aufhören. Als eine Frau auf schreckliche Weise ermordet wird, nehmen in der französischen Bevölkerung die Unruhen zu. Bei der Untersuchung dieser grausamen Verbrechen entdeckt der junge Arzt, Joseph Guillotin (Amir El Kacem), der spätere Erfinder der Guillotine, eine sonderbare Form von viraler Erkrankung: den „sang bleu“. Er treibt die Aristokratie dazu an, Menschen anzugreifen.

La Révolution geht also von einem gern genutzten Element des Horrorfilms aus, der Mutation, die hier dem menschlichen Blut eine blaue Farbe verleiht. Die Adeligen, die davon betroffen sind, erhalten so die Fähigkeit, ewig zu leben. Die Unsterblichkeit hat jedoch einen Preis, denn sie kann nur durch den Verzehr von Menschenfleisch aufrechterhalten werden. Das „blaue Blut“ ernährt sich von der Bevölkerung, klarer kann man die Botschaft nicht ausdrücken. Aber in dieser ansatzweisen Reduzierung der Adelsschicht auf stereotype Horror-Bösewichte wird La Révolution der Komplexität des Sachverhalts überhaupt nicht gerecht. Sie verschenkt nicht nur das Potenzial, die historischen Vorkommnisse grundlegender und pädagogischer aufzuarbeiten, sondern setzt auf einen universalen und internationalen Unterhaltungsfaktor. Anstatt die Orientierungslosigkeit einer Bevölkerung und damit verbunden die systemimmanenten Fehler genauer zu beleuchten, begibt die Serie sich auf fiktionales Terrain, das mehr Aufhänger für Spektakel ist. Mit den Idealen „Freiheit, Einigkeit, Brüderlichkeit“ kann La Révolution auch kaum werben, dafür ist das Ganze dann doch deutlich zu kämpferisch, zu ästhetisiert und brutal gestaltet. Besonderes Augenmerk liegt auf den langen, mit einer einzigen Kamerabewegung realisierten Action-Einstellungen. Untermalt von moderner Elektromusik, sind diese gewaltvollen Unruhen derart anachronistisch inszeniert, dass man mitunter meinen könnte, in einem Videospiel zu sein. Noch nicht einmal die Horror-Elemente der Handlung zielen auf Angst und Schrecken, sondern eher auf eine lustvolle Inszenierung von Blutexzessen. In alledem gibt es noch die Frauenfigur auf dem Weg zur Selbstbestimmung, die rebellische Élise de Montargis (Marilou Aussilloux). Seit dem Verschwinden ihres Vaters steht sie unter der Vormundschaft ihres bösen Onkels (Laurent Lucas) und seines seltsamen Sohnes (Julien Frison). Ihre kleine Schwester Madeleine (Amélia Lacquemant) ist stumm und entdeckt bald ihre übersinnlichen Fähigkeiten – eine spannende Figurenkonstellation, aber ein Schauspielensemble, das den platten Dialogen keine wirkliche Kraft einzuhauchen vermag.

Der Stoff hätte gewiss eine fesselnde kleine Mini-Serie werden können. Dass er es nicht geworden ist, ist weniger der Regie von Jérémie Rozan, Edouard Salier und Julien Trousselier anzulasten, auch wenn sie nicht gerade von Subtilität strotzt, als dem Drehbuch von Gaïa Guasti und Aurélien Molas: Es verschenkt zu viele Möglichkeiten des Themas und der originellen Ausgangsidee, dagegen werden sind manche Elemente so sehr überzogen, dass man selbst die fantastischen Aspekte nicht mehr annehmen will. La Révolution ist eine weitere hochwertig ausgestattete Netflix-Serie; aber ein paar alte Gemäuer, viele nostalgische Kostüme und immer wieder genutzte düstere Schatten-Kontraste allein genügen nicht, um Atmosphäre oder Inhalt zu schaffen.

Marc Trappendreher
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