Die Kleine Zeitzeugin

Wir sind im Post-Postzeitalter

d'Lëtzebuerger Land vom 17.09.2021

Jüngst musste ich, also ich musste, genier, zur, erröth, Post. Post. Ich musste einen, erröth!, Brief aufgeben. Brief. Falls noch jemand versteht. Brief, sowas Analoges. Haptisches. Zum Anfassen. Schreibt man was drauf, per Computer, das ist doch verständlich, noch? Oder, jetzt riecht’s nach Moder, mit der Hand. So Schrift, kann man selber machen. Echt. Konnte man. Egal, zu kompliziert, also mit dem analogen Zeug an einen analogen Ort. Den es echt gibt, in echt. Zwar nicht so oft. Gar nicht oft. Eher selten. Bis beinahe nie. Nie mehr.

Man hat also so einen Brief. Der muss weg. Das sperrige Ding in echt. Muss abgewogen werden. Weil wegen dem Aufkleben. Briefmarken heißt das, was drauf kommt. Falls noch jemand sich erinnert. Und dann uff!

Die Post gegenüber gibt es nicht mehr. Auch die Bankfiliale gegenüber gibt es nicht mehr. Zuerst taten sie sich zusammen, halbe Bank, halbe Post. Jetzt stehen noch zwei Geldausspuckautomaten da. Sie funktionieren natürlich nicht immer, und dann steht nichts da. Nur Mensch davor. Es steht nicht da, wo die nächste Bankfiliale ist. Die sowieso nicht mehr da.

Irgendwann, nach langem Irren durch städtische Steppe – den Menschen, denen ich begegne, ist der Begriff Post nicht mehr geläufig –, erscheint mir eine Post. Sie ist neben einem großen Friedhof. Sie ist sehr groß und mit kaum Menschenseelen. Sehr schmuck, es gibt Dinge zu kaufen, die man anfassen kann, und an den zwei Schaltern stehen zwei junge Damen. Sie scheinen mich nicht zu sehen, was ich etwas beunruhigend finde. Aber dann erscheint mir eine Nummerausspuckmaschine. Wie ich eine Nummer bin, sieht die eine junge Frau mich sofort. Ich reiche ihr das Analoge und zahle analog, uff!, sehr einfach. Sie gibt mir den Brief zurück und zeigt. Wohin. Das solle ich doch mal selber. Machen. Meinen Brief aufgeben. Den Auftrag kapiere ich nicht gleich. Ach so, wie am Flughafen? Einchecken, Brief einchecken? Nicknick. Aha, aber wie? Die junge Dame begleitet mich zum Terminal, wo sie mit spitzen Fingern eintippt. Adresse und so was. Aha, uff, danke. Geschafft.

Wir sind im Post-Postzeitalter, haah, da lachen ja die Grillhühner, so was weiß ja jedes! Dass es immer weniger alles gibt, immer weniger Postämter und Bankfilialen und Bäcker und Metzgerinnen und Wirtshäuser, im ländlichen Raum, der ein immer öderer, verlassenerer Raum wird. Egal, wieviel Menschencontainer rumstehen. Im städtischen genauso, jenseits vom grünen Chill-Out-Room. Dass es immer weniger Service gibt, alles Self-Service, wie es auf altmodisch heißt.

Assistent/innen stehen in Notfällen mit Todesverachtung neben denen, denen sie Anleitungen geben, sich doch endlich selber einen Dienst zu leisten. Den letzten ihrer Unart, Auslaufmodelle, nicht mehr im Sortiment. Analoge Anachronismen, störrische Sturschädel mit psychischen Blockaden. Heimgesucht von Heimweh nach graugesichtigen Griesgram/innen an Schaltern. Es waren doch Menschen!, winselt das greise Kind in ihnen. Mit Panikattacken vor Check-In, Check-Irgendwas-Bildschirmen, dort stehen sie wie Ochs‘ und Kuh vorm Berg. Wie die Kuh ohne Q-Code – wird sie noch Bewährung kriegen, Asyl? Die I-Kühe kriegen Panikattacken ... Unter Aufgebot der aller-allerletzten Geduld stehen die Betreuer/innen neben diesen Aussterbenden, vor Geräten, die sie bald ersetzen werden.

Da lachen ja die Grillhühner, nur die letzten Weltfremdlinge wundern sich noch immer und immer wieder, wenn sie beim Lustwandeln plötzlich vor Schranken stehen. Die Welt erscheint ihnen plötzlich so beschränkt! Statt total global, und Freiheit und Komsum für alle, und jeder bekommt sein Menschenrecht gratis? Ist alles möglich, flötet das Nichts in ihrem Kopf, der Raum, alles steht dir offen, du Mensch mit virtueller Verhinderung. Du bist keine Afghanin ohne Flugzeug! Check dich ein! Log dich ein! Sei nicht so ein Äpp-Depp! Du brauchst nur einen Tschipp, nur einen Kot! Nur eine Kundinnenkarte. Nur ein G, oder zwei, oder drei. Nur einen Status. Eine Online-Buchung. Und du bist frei und dabei. Es ist alles ganz leicht.

Michèle Thoma
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