Kohlenhydrate-Booster

d'Lëtzebuerger Land vom 29.07.2022

Der beliebte Kirmes-Snack Gromperekichelcher verbreitet ab dem 19. August wieder seinen Fett-und-Zwiebel-Duft auf dem Glacis. Pommes werden als weiterer Kirmes-Kartoffelhit in Schälchen mit Mayo und Ketchup neben dem Top-Spin serviert. Die Kartoffel bahnt sich den Weg in unterschiedlichen Gestalten auf westeuropäische Teller – gedünstet, gebacken oder geröstet. Als Chips begleitet sie jeden zweiten Umtrunk und mit oder ohne Schale das Barbecue. An pürierten Kartoffeln erfreuen sich besonders die ganz Jungen und ganz Alten – so wird ihnen das Kauen erspart.

Weil die Knollen bei vielen Mahlzeiten mit einer unübertroffenen Selbstverständlichkeit mitmischen, könnte man vermuten, sie seien in Europa schon lange heimisch. Dabei ist der Erdapfel eher ein Neuling. Während er in Peru schon vor 5 000 Jahren verspeist wurde, setzte in Luxemburg erst 1709 ein kartoffeliger Wendepunkt ein. In jenem Jahr hielt eisiger Frost das luxemburgische Getreide fest im Griff und führte zu tödlichen Hungersnöten. Die bis dahin zaghafte Annäherung an das Nachtschattengewächs machte einer neuen Zuversicht Platz: Die kalorienreiche Knolle, die sich obendrein verhältnismäßig bequem lagern lässt, eroberte ehemalige Weizenfelder. Sie avancierte zu einem Grundnahrungsmittel, an dem Landarbeiter sich im 19. Jahrhundert mit täglich fast zwei Kilo gütlich taten.

Schon vor dem Kälteeinbruch 1709 war die Tartuffel, wie sie damals genannt wurde, bekannt. Aber viele Legenden umgaben sie: Die Kartoffel verursache Lepra und sei giftig (was aber nur für ihren ungekochten Verzehr zutrifft). Vermutlich verbreitete sich die Kartoffel durch König Phillip II., dem im Jahr 1565 eine Kiste dieses Gewächs übergeben wurde. Der König wiederum gab Exemplare an klerikale Kreise weiter, und über ein paar weitere Zwischenstationen trafen die Pflanzen bei dem niederländischen Botaniker Carolus Clusius ein, der sie als Erster systematisch beschrieb.

Auf Feldern des Kleinstaates Luxemburg ist sie mittlerweile eine Randerscheinung. Während 1960 noch 6 000 Hektar Böden dem Heranreifen von Kartoffeln gewidmet waren, sind es in den letzten 30 Jahren nur um die 650. Zum Vergleich: Tier-Futterpflanzen nehmen 30 000 Hektar ein. In absoluten Mengen sind China, Indien und die Ukraine die wichtigsten Kartoffel-Produzenten; relativ zur Landesfläche betrachtet, spielen auch die Niederlande ganz vorne mit.

Seit Russland über einen Angriffskrieg die Weltpolitik umgestalten will, wird vermehrt über Lebensmittelsicherheit diskutiert. Die Schweizer Forschungsanstalt Agroscope empfiehlt, bei machtpolitischen Bedrohungen häufiger ohne Zwischenstopp für den Lebensmittelmarkt zu produzieren. Laut ihren Berechnungen lohnt es sich insbesondere, die Fleischproduktion zugunsten von Kartoffeln einzuschränken. Die Herstellung der Kohlenhydrate-Booster emittiert zudem nur halb so viel an Treibhausgas wie die von Weizenkörnern. Insofern macht es Sinn, von „Freedom Fries“ zu sprechen, aber aus anderen Gründen, als US-Republikaner meinten, als sie vor 20 Jahren Pommes wegen Frankreichs Opposition zum Irakkrieg umtauften.

Wer die Kartoffeln für ihre Eigenschaften feiern möchte, kann Anfang September zum Bënzelter Gromperefest fahren. Hauptattraktion für Kinder ist d’Grompererafen – in einer Epoche, in der Kinder dem e-digi-learning nicht mehr entkommen, eine erfrischend einfache Aktivität. Daneben wird auf dem Knollen-Fest die Moseler Weinkönigin von der Gromperekinigin und dem Gromperekinik parodiert. Was lokal anmutet, ist es allerdings nicht immer: Die Synplants Eislécker Setzgromperengenossenschaft exportiert ihre Lady Rosetta, Marfona und Spunta in Länder wie Ägypten, Saudi-Arabien und Libanon.

Stéphanie Majerus
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