Binge Watching

Wunderkind

d'Lëtzebuerger Land vom 20.11.2020

Das Narrativ des amerikanischen Traums findet man nicht nur in den großen Genres des Musicals oder in seiner pervertierten Form im Gangsterfilm, sondern auch im Sportlerdrama. Darren Aronofskys The Wrestler (2008) um einen alternden Wrestling-Kämpfer hatte da den Vorteil, äußerst körperbetonte Bilder hochzustilisieren und Ron Howards Verfilmung der Rennsaison der frühen 1970-er Jahre, Rush (2013), konnte von der adrenalinsteigernden Inszenierung von Rennfahrten profitieren.

Menschen indes bei einer Schachpartie, einem Denksport, zuzusehen, ist eine an und für sich eher unspektakuläre Angelegenheit; ja gar fremd und untauglich wirkt sie, mit Blick auf die hohen Unterhaltungsansprüche des Streamingdienstes Netflix, die gerne so angelegt sind, dass ein möglichst breites Publikum erreicht wird. Die Miniserie The Queen’s Gambit aber erzählt von der aufstrebenden Schachspielerin Beth Harmon, gespielt von Anya Taylor-Joy, die nach dem tödlichen Unfall ihrer Mutter in ein Waisenhaus in Kentucky gebracht wird, sie ist gerademal acht Jahre alt. Dort trifft sie auf den Hausmeister (Bill Camp), der Beth das Schachspielen beibringt und ihre Hochbegabung erkennt. Da wo andere Kinder vermutlich Schäfchen zum Einschlafen zählen, da rückt Beth Schachfiguren in ihrem Kopf hin-und her. Beth werden alsbald Pillen verabreicht, die beim Einschlafen helfen sollen, aber auch halluzinogene Nebenwirkungen entwickeln und neben ihrer Obsession für Schach bald ebenso zur Abhängigkeit führen…

Entwickelt wurde die Serie von Scott Frank und Allan Scott, die ganz auf ihre Protagonistin bauen. Während der Erzählfluss mittels Parallelmontage, split-screen und cleveren Spezialeffekten an Fahrt aufnimmt, öffnen sich für Hauptdarstellerin Spielräume: Anya Taylor-Joy vereint in ihrer Rolle Arroganz und Unsicherheit, Zurückhaltung und Ekstase. Es ist die altbekannte Geschichte des Künstlergenies im Konflikt mit sich selbst, im Kampf zwischen Höchstansprüchen an die eigene Professionalität und den individuellen, privaten Neigungen, wobei die Frage danach, ob die Professionalität die Einsamkeit hervorruft oder es sich doch umgekehrt verhält, genügend Potenzial für eine spannende Charakterstudie im Serienformat bietet.

The Queen’s Gambit ist das Porträt eines besessenen Wunderkindes, das nur in Superlativen denken kann und für das es keine echten Gegner gibt, außer sich selbst. Diese innere Zerrissenheit erhält jedoch kaum Tiefe, die gängigen Motive des Blicks ins eigene Spiegelbild allein reichen dafür kaum aus. Nicht so sehr die Verzweiflung aufgrund der Vereinsamung des Genies wird im Zuge der Handlung erforscht, dafür lenkt die Erzählung allzu deutlich auf die Lösung der Konflikte hin. Nicht die Selbstbetäubung im Alkohol oder durch Medikamente ist die Antwort, sondern der Freundschaftskreis. Aber letztlich ist das alles ohnehin nicht so wichtig, denn Beth Harmon ist nicht nur eine handelnde Protagonistin, sondern auch eine Art Fixpunkt, um den herum Scott Frank und Allan Scott ihre filmische Huldigung des Schachsports arrangieren. Und damit sind wir bei dem vorangestellten Problem, eine Schachpartie aufregend zu gestalten. Unter diesem Gesichtspunkt wird The Queen’s Gambit mitunter tatsächlich filmisch: Die bewusste Schwerpunktsetzung auf Schnitte und Großaufnahmen des Gesichts erhöht den Spannungsfaktor, ähnlich einer Duell-Szene des Westerns. Doch dies dient nicht etwa nur dazu, Beth Harmon zum Genie zu stilisieren.

Vielmehr verdeutlicht die Serie damit ihr eigenes Prinzip der Engführung von Form und Inhalt. Wie bei einem Schachspiel geht es auch der Regie von Scott Frank in seiner Szenenabfolge um die Inszenierung eines ständigen Spiels von Wiederholung und Ausweichung – ähnlich den taktischen Spielzügen beim Schach. Die siebenteilige Mini-Serienstruktur erweist sich letztendlich einmal mehr als formativer Zwang und am Ende bleibt die Frage dann durchaus offen, ob The Queen’s Gambit als Erzählung eines Aufsteigers für einen abendfüllenden Film nicht ausgereicht hätte?

Marc Trappendreher
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