Binge watching

Hochfunktionaler Soziopath

d'Lëtzebuerger Land vom 30.10.2020

Es ist verblüffend, wie oft die 1886 von Arthur Conan Doyle geschaffene Figur des Meisterdetektivs Sherlock Holmes seinen Weg zur filmischen Aneignung gefunden hat. Rund 70 Darsteller verkörperten den Helden in etwa 200 Filmproduktionen. Erstaunlicherweise gerät der Privatdetektiv mit dem Erfolg des Polizeifilms, dem Cop-movie, in den 1990-er Jahren in die heftigste Krise seiner Existenz in der populären Rezeption. Als metaphorisches Konfliktfeld der urbanen Widersprüche steht da plötzlich die moderne Großstadt, davon erzählen Filme wie Blue Steel (1990) oder Cop Land (1997). Weil man sich zunehmend an filmische Verbrechen gewöhnt hatte, musste auch der so populäre Privatdetektiv routinierter und immer noch ein wenig komischer wirken. Sherlock Holmes‘ Wiedergeburt, die einige Zeit auf sich warten ließ, geschah gegen Ende der 2010-er Jahre, und bezeichnenderweise erlebte der Meisterdetektiv seine Wiederkehr gleich doppelt: Auf der Kinoleinwand durch Regisseur Guy Ritchie mit Robert Downey Jr. als Holmes und Jude Law als Dr. Watson; auf den privaten Bildschirmen geschah dies mit der Serie Sherlock (2010-2017), die im Auftrag der BBC produziert wurde, mit Benedict Cumberbatch als Holmes und Martin Freeman als sein Kollege Watson. Die Figur wird hier einer kritischen, stellenweise ironischen Revision unterzogen; dabei erweist sich die Verbindung von Apathie und Deduktion als wirksame Mischung. Während Ritchies Filme den Stoff im viktorianischen Zeitalter belassen, strebt die Serie auch eine zeitliche Erneuerung an, das ist zugleich die Stärke und Schwäche: Es ist eine schrullige und doch auf eine gewisse Weise vertraute Welt, denn die Serienschöpfer Steven Moffat und Mark Gattis, die für die BBC schon die Fernsehserie Doctor Who schrieben, verlegen die Handlung ins London der Gegenwart, wo dieser Sherlock Holmes und seine Gegner irgendwie ziemlich unzeitgemäß wirken müssen, sich dies aber weder selbst noch dem Publikum eingestehen. Kurz, es handelt sich um eine altmodische Serie, die ihre Altmodischkeit zwangsläufig mitinszenieren muss, aber durch das zeitgenössische Setting zu kaschieren versucht. So abstrus die Situationen sind, in der die Ermittler sich befinden, so „normal“ sind alle Protagonisten der Geschichte. Und in dieser Normalität sind sie zugleich so unangenehm, dass man sich als Zuschauer/in mit keinem von ihnen wirklich identifizieren mag.

Sherlock will die Zuschauer/innen deshalb umso mehr thematisch faszinieren und an der Deduktionsarbeit teilhaben lassen, ja seine Lust an diesen Gedankenspielen freilegen. Das Spielerische in der Ermittlung, an der Rekonstruktion des Tathergangs, wird betont In der ersten Folge wird sogar expressiv verbis darauf rekurriert. Die Titelsequenz ist da auch kaum verwunderlich mit heiterer Musik untermalt. Bild und Schnitt vermitteln die Atmosphäre dieser Rekonstruktions-arbeiten anschaulich, das Aufgebot hervorragender Schauspieler macht die Suche nach den einzelnen Schuldigen von Folge zu Folge abwechslungsreich und psychologisch spannend. In Sherlock sehen wir einem Mann bei der Arbeit zu, der selbst für die raffiniertesten Kriminalfälle noch zu unterfordert erscheint. Er ist nicht nur seinen Gegnern, sondern auch seinen Partnern mindestens einen Gedankenschritt voraus, dieser Sherlock ist denn auch ganz Überlegenheit und Arroganz. Das Blitzartige seines Verstandes wird filmsprachlich durch schnelle Schnitte, dramatische Soundeffekte und verstreut eingesetzten Texttafeln im Bild inszeniert. Holmes‘ scharfer Intellekt ist noch nicht einmal Tarnung für sein asoziales Wesen. Benedict Cumberbatch spielt einen Mann, der sich selbst als „hoch-funktionalen Soziopathen“ bezeichnet; ein Schnelldenker und -sprecher, der die Probleme seiner Hochbegabung kennt. „Es ist wie ein Reflex. Ich kann nicht aufhören damit“, meint er. Martin Freeman als Dr. Watson begegnet dieser mitunter herablassenden Britishness mit einer fast schon stoischen Gleich-gültigkeit. Das schafft ausreichend Balance im Schauspiel dieser beiden Darsteller, die die Serie über sieben Jahre hinweg tragen konnten.

Auf Netflix verfügbar

Marc Trappendreher
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