Jeff Schmitz erforscht am Centre national de littérature die literarischen Beziehungen zwischen Luxemburg und den Niederlanden

„Es gab ein Networking über die Grenzen“

d'Lëtzebuerger Land vom 20.11.2020

D’Land: „Literarische Beziehungen zwischen Luxemburg und den Niederlanden.“ Das liegt ja nicht unbedingt auf der Hand. Wie kamen Sie auf dieses Forschungsthema?

Jeff Schmitz: Wie so oft im Luxemburger Literaturarchiv: Man stößt auf eine Archivalie! Bei der Auseinandersetzung damit ergaben sich plötzlich weitere Aspekte, und dann hat der damalige CNL-Direktor, Claude D. Conter, gesagt: „Weißt du was, das ist genug Stoff für eine Monografie!“ Aspekte des Themas sind bekannt, aber eine zusammenfassende Darstellung gibt es noch nicht. Insofern ist es ein Forschungsdesiderat. Die Luxemburger Literatur und Literaturwissenschaft steht ja immer auch im Spannungsfeld der drei großen Nachbarn. Der Blick richtet sich hier nun etwas weiter als nur über die übliche Grenze.

Was war das denn für eine Archivalie?

Im Literaturarchiv und in der Nationalbibliothek existiert die Kopie einer niederländischen Übersetzung des Renert, und da wird man als Literaturwissenschaftler schon hellhörig. Die Niederländer haben ja ihren eigenen mittelalterlichen Van den vos Reynaerde, der in benachbarten Sprachgebieten nachwirkte. Dass ein Niederländer den Luxemburger Renert ins Niederländische übersetzt hat, sogar mit Metrum und Reimschema – das hat uns neugierig gemacht.

Von wann ist diese Übersetzung?

Von Anfang der 1950er Jahre.

Wo gibt es denn Anknüpfungspunkte zwischen den Luxemburger Literaten und den niederländischen, wo findet man einen Bezug zu Luxemburg – abgesehen von der Dynastie Oranien-Nassau?

Das ist etwas schwierig, weil die Wege zwischen beiden Ländern lange Zeit weit und beschwerlich waren. Im 19. Jahrhundert hatten wir – wie Sie erwähnt haben – das Herrscherhaus Oranien-Nassau. Doch es gibt nicht nur das Dreigestirn Lentz, Dicks, Rodange, das die König-Großherzöge auf ein literarisches Podest gestellt hat, sondern beispielsweise auch zwei Luxemburger Autoren, die hier aufgewachsen sind, das Land aber recht früh verlassen haben. Um 1800 war der Begriff der Heimat diffus, Nationalstaaten waren erst im Entstehen. Aber beide Autoren sind hier geboren und verstanden sich durchaus als Luxemburger. Der eine ist Auguste Clavareau und der andere Ludwig Marchand. Beide haben in den Niederlanden Karriere gemacht: Clavareau in den südlichen Niederlanden, wozu bis 1830/31 noch Belgien gehörte, Marchand vor allem in Utrecht. Die Entstehungsbedingungen für Literatur sind andere, wenn man aus den Niederlanden über die Oranier schreibt, als wenn man das aus dem fernen Luxemburg macht, also gewissermaßen an der Peripherie, was das agrarische Luxemburg bis weit ins 19. Jahrhundert auch tatsächlich war ...

Waren Clavareau und Marchand Koryphäen in den Niederlanden?

Nach Clavareau, den man hier vollkommen vergessen hat, ist in Maastricht, wo er über 40 Jahre gewirkt hat, eine Straße benannt. Marchand geriet auch in den Niederlanden in Vergessenheit, weil er relativ jung verstorben ist. Sein Werk ist aber trotzdem recht interessant. Der Ton seiner Gedichte ähnelt stark dem der nationalistischen Lyrik der Befreiungskriege. Heute denkt man natürlich: Oh Gott, wie konnte man so was schreiben? Aber im zeitlichen Kontext gesehen, hatten diese Kriegslieder, in denen er die abtrünnigen Belgier sozusagen zum Abschuss freigab, durchaus ihren Wert. Marchand schrieb auf Deutsch, was spannend ist, wenn man sich dann die Rezensionen anschaut. In den Niederlanden fielen die überwiegend positiv aus, auch weil Marchand, der Vollblut-Orangist, hinter dem niederländischen Thron stand, als Tierarzt im niederländischen Heer diente und im August 1831 am Zehn-Tage-Feldzug zur Niederschlagung der Belgischen Revolution teilnahm. In deutschen Blättern lastete man ihm hingegen sein etwas merkwürdiges Deutsch an.

Sein Luxemburger Deutsch?

Genau, er kreierte Wörter, die es im Deutschen gar nicht gibt. Das hielten die Rezensenten ihm vor. Clavareau hat übrigens ebenfalls nicht auf Niederländisch geschrieben, aber er hat niederländische Klassiker ins Französische übersetzt: Er wollte, dass nationalistische Dichter wie Bilderdijk, Tollens, Helmers, Feith und Van der Hoop auch in den südlichen Niederlanden, also in Belgien, bekannt wurden. Er sah sein Schreiben ganz bewusst als politische Propagandaarbeit, um so den französischsprachigen Süden fester an den niederländischen Norden zu binden. Seine Übersetzungen, bei denen es sich eher um Übertragungen handelt, haben zum Teil heute noch Geltung. Clavareau hat vorzüglich übersetzt.

Und wie sind „die literarischen Beziehungen“ zu Luxemburg entstanden? Waren das Freundschaften zu Luxemburger Autoren?

Es gibt Luxemburger Autoren, die sich auf Clavareau und Marchand beziehen. Bei Marchand sind die Bezüge eindeutiger. Er absolvierte in Luxemburg seine Schulzeit, war am Athenäum und gehörte zum Dichterbund Polyhymnia um den Deutschlehrer Heinrich Stammer. Dadurch hatte Marchand auch tatsächlich Beziehungen zu Stammer-Schülern wie Victor Klein oder Franz Pergameni.

Welchen Zeitraum untersuchen Sie?

Ab 1800/1815. Ursprünglich war die Recherche auf den Zeitraum bis 2015 angelegt, aber das habe ich mittlerweile revidiert. Ich glaube, man braucht eine zeitlich größere Distanz zum Untersuchungsgegenstand, um Kontinuitäten ausmachen und sie in einen größeren Kontext einordnen zu können. Die Arbeit endet deshalb in den 1960er/1970er Jahren, es sind also rund 150 Jahre, die beleuchtet werden.

Gab es durchgehend Freundschaften unter Literaten? Oder gab es während der beiden Weltkriege auch Brüche?

Ein Beispiel für das 19. Jahrhundert ist Michel Lentz’ Feierwon. Was erstaunlich und wenig bekannt ist: De Feierwon wurde in den Niederlanden wirklich rezipiert. M.A. Perk etwa, ein niederländischer Pastor aus Amsterdam, der mehrmals in Luxemburg war und den Reiseführer Schetsen uit Luxemburg (Skizzen aus Luxemburg) verfasste, schrieb auch über den Feierwon und übersetzte ihn sogar für seine niederländischen Leser. Das waren schon Freundschaften, also die zwischen Perk und Lentz. Lentz war zudem befreundet mit dem Historiker und Geografen P.H. Witkamp, der einiges über Luxemburg publizierte, und auch mit dem Gelehrten A.S. Kok, der seinen Gedichtband Spâss an Iérscht rezensierte ... Freundschaften gab es im 19. Jahrhundert also durchaus.

Interessant ist im 20. Jahrhundert dann das Kapitel zu Nikolaus Welter, einem großen Namen der Luxemburger Literatur. Ich habe in Amsterdam einen Briefwechsel zwischen Nik Welter und dem Gelehrten, Schriftsteller und Übersetzer H.C. Muller auffinden können. Beide haben sich 1905 bei einem Dichterwettstreit in Köln kennengelernt. Das ist eine Korrespondenz, die sich über 22 Jahre zieht. Natürlich herrscht während des Ersten Weltkriegs dann Funkstille. Überraschend ist jedoch, dass nach dem Krieg wieder Anknüpfungspunkte gefunden wurden und diese Freundschaft, die sich auch in gegenseitigen Besuchen ausdrückte, wiederaufgenommen und fortgeführt wurde.

Gab es vor hundert Jahren schon ein „Networking“ über die Grenzen hinaus unter Schriftstellern?

Diese Kontinuitäten und Bemühungen gab es tatsächlich, sowohl im 19. Jahrhundert wie auch später. Ein Kapitel des Forschungsprojekts werden die Mondorfer Dichtertage sein, die relativ gut dokumentiert sind. Wir wissen von den Franzosen, die da waren, den Deutschen natürlich ... und die Luxemburger waren dazwischen, als Vermittler, zudem der eine oder andere Belgier, in jedem Fall aber auch die beiden Niederländer Willem Enzinck und Ben van Eysselsteijn. So entstanden Kontakte, beispielsweise zwischen van Eysselsteijn und Anise Koltz, die im Frühjahr 1963 auf seine Vermittlung hin in Den Haag las. Bei den Mondorfer Dichtertagen hatten wir ganz klar ein solches „Networking“.

Gab es das auch im 20. Jahrhundert? Blieb Anise Koltz die einzige, die Verbindungen zu den Niederlanden hatte?

Von Roger Manderscheid wissen wir natürlich, dass einige seiner Hörspiele von deutschen Radiosendern gespielt wurden. Und es gab Rezensionen, die teilweise sehr positiv waren. Die Glaswand, die der Deutschlandfunk gesendet hatte, wurde auch ins Niederländische übersetzt und vom niederländischen Sender NCRV ausgestrahlt. Die Übersetzung stammt von der Autorin Elisabeth Augustin, einer deutschen Schriftstellerin mit jüdischem Familienhintergrund, die schon 1933 aus Nazi-Deutschland nach Amsterdam emigrierte und dann auch auf Niederländisch schrieb und veröffentlichte. Die absurden Elemente, die man in der Glaswand hat, fanden großen Anklang bei den Niederländern. Augustin übersetzte auch Manderscheids Hörspiele Radiografie und Papiertiger ins Niederländische, und beide Stücke wurden vom niederländischen Rundfunk gesendet.

Wann wird das Forschungsprojekt abgeschlossen sein? Und wie wird es präsentiert? Wird es eine Ausstellung im CNL geben?

Mit Prognosen sollte man vorsichtig sein, aber ich schätze mal, es braucht noch ein gutes Jahr. Es wird eine reich bebilderte Monografie werden – also kein Katalog. Eine Ausstellung ist demnach nicht vorgesehen, aber wir wollen die Erkenntnisse an verschiedenen Orten vorstellen: In Luxemburg sicherlich im CNL und vielleicht in der Nationalbibliothek, und wir planen, die Arbeit in den Niederlanden ebenfalls zu präsentieren, etwa in der Luxemburger Botschaft in Den Haag oder auch in Maastricht und Utrecht, den Wirkungsstätten von Clavareau und Marchand..

Anina Valle Thiele
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