Mit einer eindrücklichen Ausstellung erinnert die Luxemburger Nationalbibliothek an Pierre Nimax sen. (1930–2021), Pianist, Komponist, Organist, Militärmusikdirigent und eine der prägendsten Figuren des Luxemburger Musiklebens des 20. Jahrhunderts. Kuratiert von der Musikpädagogin und BNL-Mitarbeiterin Elisabet Wirtz-Lemmel, stützt sich die Schau auf einen außergewöhnlich reichen Nachlass, der 2021 von der Familie dem Musikarchiv der BNL (Cedom) überlassen wurde. Ein Archiv, das Fotos, Briefe, Partituren, Tonträger, Plakate und persönliche Dokumente umfasst und das Leben eines Musikers aus einfachen Verhältnissen lebendig werden lässt.
Geboren 1930 in Bonneweg als zweites von sechs Kindern, wächst Pierre Nimax in bescheidenen Umständen auf. Der Vater, Elektrohändler, hätte den Sohn lieber im familieneigenen Geschäft gesehen. Doch alle Versuche, das Kind in diese Richtung zu orientieren, scheinen bereits früh durch das Zitherspiel und den Gesang der musischen Mutter durchkreuzt worden zu sein. Bald gleicht die Familie einem kleinen Konservatorium: Klavier, Geige, Trompete, Fagott, Saxofon und Klarinette erklingen unter einem Dach. Eine Tante ermöglicht mit dem Kauf eines Klaviers überhaupt erst systematischen Unterricht.
Der junge Pierre träumt zunächst davon, Dorfschullehrer und Organist zu werden. Während der deutschen Besatzung legt er 1944 das Aufnahmeexamen an der Lehrerbildungsanstalt im Benediktinerkloster Peppingen ab. Doch bereits nach nur sechs Tagen wird er, da kein Mitglied der Hitlerjugend, ausgeschlossen. Eine Woche später wird Luxemburg befreit. Nimax wechselt ans Athenäum, ist älter als seine Mitschüler, kämpft mit Französisch und dem verpflichtenden Latein. Die Musik jedoch lässt ihn nicht los.
Prägend wird die Begegnung mit Mentor Albert Leblanc, dem legendären Titularorganisten der Kathedrale, bei dem Nimax unentgeltlich Klavier- und Orgelunterricht erhält. Der gebürtige Wallone lehrt im dritten Stock des Flaggenladens Maison Bernard-Kauffman Ecke Rue de l’Athénée-Rue Notre-Dame. Dort lässt er seine Schüler auf mehreren Klavieren gleichzeitig üben und geht prüfend von Zimmer zu Zimmer. Kaum ein Luxemburger Organist, der nicht bei ihm Halt gemacht hat. Leblanc erkennt Nimax’ Talent früh, vermittelt Disziplin („Schaff a sief brav“) und ermutigt ihn schließlich, mit 16 die Schule aufzugeben und sich ganz der Musik zu widmen. Bereits wenig später übernimmt Pierre die Leitung des Cäcilienchors in Walferdingen. Nachts spielt er als Barpianist in Tanzlokalen, tagsüber übt er stundenlang: ein Rhythmus aus harter Arbeit und unerschütterlicher Selbstdisziplin.
1948 besteht Nimax die Instrumentalprüfung in Brüssel „avec la plus grande distinction“. Kurz darauf erhält er eine Organistenstelle an der Echternacher Basilika. Die ist allerdings schlecht bezahlt, ohne Heizung, in einer Kirche, die samt Orgel im Krieg von den Nazis gesprengt worden war. Nimax lebt im Mantel, geht die 35 Kilometer nach Luxemburg-Stadt gelegentlich zu Fuß, sieben Stunden lang, aus Geldmangel, und macht aus der Not eine Tugend, indem er die Einsamkeit und die Natur für sich nutzt. 1950 begleitet er persönlich den Pfarrer zum Orgelbauer und sammelt mit einem Benefizkonzert die Mittel für den Wiederaufbau der Orgel.
In weiteren Räumen widmet sich die Ausstellung Nimax’ Wirken als Kammermusiker, Begleitpianist, Chorleiter und „Hofkapellmeister“. Ab 1954 unterrichtet er als Klavierprofessor am Konservatorium, ab 1971 dirigiert er die Militärmusik. Er leitet Männerchöre, gründet Ensembles, schreibt anspruchsvolle Chormusik für Laien und später bewusst für professionelle Formationen wie das Luxemburger Vokalensemble. Seine Werke reichen von monumentaler patriotischer Musik über Kammermusik bis hin zu fünf Musiktheaterstücken, darunter Hop Marjänn und De Ligebarong.
Pierre Nimax starb 2021 in der Fondation Pescatore. Sein letztes Konzert spielte er vor Mitbewohnern während der Pandemie. Wenige Monate später zerstörte ein Hochwasser sein Echternacher Klavier im Keller des dortigen Athenäums. Ein stilles, fast symbolisches Ende eines Instruments, nicht zu Tode gespielt, sondern von der Geschichte überholt.
Die Ausstellung ist weit mehr als eine Hommage an einen Musiker. Sie ist ein präzises Zeitbild und zugleich ein Plädoyer für das kulturelle Gedächtnis. In einer Zeit, in der Chöre (insbesondere Männerchöre) mit Nachwuchssorgen kämpfen und musikalisches Erbe leicht verloren geht, zeigt sie eindrucksvoll, wie viel aus Disziplin, Beharrlichkeit und Liebe zur Musik entstehen kann. Eine äußerst sehenswerte Ausstellung und ein würdiges Porträt des letzten Luxemburger Hofkapellmeisters.
Begleitend zur Ausstellung ist bei Binsfeld der anspruchsvolle Band Nimax: Zwischen Tasten und Taktstock erschienen. In einer Hörnische der Ausstellung können Besucherinnen und Besucher zudem ausgewählte Werke entdecken.