Universität

Downsizing

d'Lëtzebuerger Land vom 22.07.2004

Der Zusammenhang scheint evident. Am Montag empfing der Großherzog Erna Hennicot zur Abschiedsaudienz. Der unfreiwillige Rücktritt der Ministerin war damit besiegelt. Am Mittwoch vorher hatten die Verhandlungsdelegationen beschlossen, ihr ehrgeizigstes Projekt zurückzustufen. Die geplante Uni (UdL) soll deutlich bescheidener ausfallen und eine spezialisierte Einheit reduzierten Ausmaßes werden, da man leider nicht alles Wünschenswerte realisieren könne, so Formateur Jean-Claude Juncker. Der abgehalfterten Ministerin blieb die Demütigung nicht erspart, ohnmächtig selbst mitzuerleben, wie ihr Lieblingsprojekt zur Bedeutungslosigkeit verkommt. Vorbei der kurzlebige Traum einer Vorzeige-Uni. Diese Kehrtwende ist natürlich auf die angespannte Haushaltslage zurückzuführen. Wenn nur mehr begrenzte Finanzmittel zur Verfügung stehen, gibt es keinen Grund, virtuelle Projekte à la UdL auszusparen. Dass die CSV, die ohne große Begeisterung die hochfliegenden Pläne mitgetragen hatte, jetzt auf die Notbremse tritt, wundert nicht. Erstaunlicher ist da schon das Verhalten des  Koalitionspartners LSAP, in Oppositionszeiten glühender Verfechter der Idee, allerdings mit der beschränkten Erwartung, die im internationalen Vergleich bescheidene Zahl an Hochschulabsolventen durch Förderung der Chancengleichheit vor Ort deutlich zu verbessern. Dies dürfte nach dem beschlossenen Downsizing nicht gefährdet sein, auch wenn derartige Resultate besser und billiger durch konsequentere staatliche Studienbeihilfen zu erreichen wären. In Wirklichkeit war das hochtrabende Konzept nicht mehr zu retten. Die Ministerin wurde im Stich gelassen von ihren Gewährsleuten, die ganz offensichtlich der Herausforderung nicht gewachsen waren, angefangen beim Regierungskommissar und beim Interimsrektor. Seit dem Ableben von Gründungsrektor Tavenas Mitte Februar hat sich nichts getan. Er wußte, dass die window of opportunity zeitlich knapp war, legte ein mörderisches und verhängnisvolles Tempo drauf. Ein strategischer Entwicklungsplan sollte rechtzeitig vor Beginn der staatlichen Haushaltsplanung ausgearbeitet werden. Er blieb auf der Strecke, so dass die Interimsführung mit leeren Händen da stand. Wegen der Dürftigkeit der Vorstellungen über die künftige Entwicklung sah sich die Finanzinspektion außer Stande, einen Blankoscheck auszustellen. Die Uni wird sich mit Zuwendung von rund 30 Millionen Euro begnügen müssen. Das sieht zwar nach viel Geld aus, ist aber kaum mehr als das gebündelte Budget ihrer vier Bestandteile, abgesehen davon, dass die UdL künftig selbst  die Gehälter bestreiten muss. Dies war natürlich eine herbe Enttäuschung, aber sie ist selbstverschuldet, da es den Verantwortlichen nicht gelang, überzeugende Entwicklungslinien zu definieren, die einen großzügigeren staatlichen Aufwand gerechtfertigt hätten. Eine Uni kann nicht nur von staatlichen Zuwendungen leben. Die Rangfolge wird weltweit von eingeworbenen Finanzmitteln (so genannte Drittmittel) und immateriellen Qualitätskriterien bestimmt. Hier hat die UdL kaum etwas zu vermelden, da die von Tavenas als Priorität definierte Achse, sie als Koordinierungstelle  der öffentlichen Forschungsanstrengungen und der Weiterbildung zu positionieren, vernachlässigt wurde, was die Handelskammer im Dokument Entreprise Luxembourg zur vernichtenden Feststellung verleitet, hier sei weiterhin die Vergeudung knapper öffentlicher Mittel die Regel: "manque de responsabilisation, absence de masse critique, quasi-autarcie, manque d'attractivité pour la recherche étrangère". Der von ihr zu Recht angemahnten "exigence de pertinence et de qualité" wurde weder von den öffentlichen Forschungseinrichtungen noch von den Hochschulen Rechnung getragen, eine Erklärung für die eklatante Krisensituation: Die Verhandlungen des Conseil de gouvernance mit einem möglichen Rektor, dem Niederländer  Frans van Vught, amtierender Rektor der Universiteit Twente, verliefen ergebnislos, da man sich nicht über das erforderliche Budget einigen konnte. Er verfügt in Twente, mit ihren 7000 Studenten in etwa den angestrebten Dimensionen der UdL im Reifestadium entsprechend, über ein Budget von 100 Millionen Euro. Die Latte liegt hoch, offensichtlich zu hoch für Luxemburgs Möglichkeiten. Wegen der verfahrenen Situation demissionierte vor zwei Wochen der verdiente Dekan der Fakultät für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Raymond Bisdorff und die Pläne der Cité des Sciences in Belval sind vertagt. Über den Scherbenhaufen des Uniprojekts können auch die Symphatiekundgebungen von Kulturschaffenden an die Adresse von Erna Hennicot nicht hinweg täuschen.

Mario Hirsch
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