Universität Luxemburg

Uni nimmt Formen an

d'Lëtzebuerger Land vom 05.02.2004

Die Strukturen und Organe der Université du Luxembourg (UdL) stehen. Auf die Ernennung des Rektors  folgte die Wahl der Dekane der drei Fakultäten. Den vorläufigen Abschluss bildete der Conseil de Gouvernance unter Leitung von Raymond Kirsch.

Personalentscheidungen sind im-mer umstritten. Besonders die Zu-sammensetzung des Conseil de Gouvernance stieß auf Kritik. Sie scheint den hochgesteckten Erwartungen  nicht ganz zu entsprechen. Aber Hauptsache ist, dass die Organe jetzt operationell sind und man sich endlich der alles entscheidenden Frage der inhaltlichen Ausrichtung  widmen kann, sprich des Lehr- und Forschungsangebots.

Die Zeit drängt, da die Universität ja vom Gesetzgeber den Auftrag bekommen hat, deutlich mehr anzubieten als die Summe der Aktivitäten ihrer vier Bestandteile Centre universitaire, Iserp, IST und  IEES. Die Bündelung dieser  hochschulähnlichen Einrichtungen ist zwar eine gute Ausgangslage, da sie der UdL  auf Anhieb einen Fundus von rund 2 000 Studenten sichert. Diese Erbmasse wirft aber zahlreiche Probleme auf, da noch längst nicht alle Angebote dieses  Nukleus universitätstauglich sind. 

Eine Durchforstung  ist überfällig. Diese Aufgabe wird aber auf beträchtliche Schwierigkeiten stoßen, da noch immer nicht klar ist, in welchem Verhältnis der Unterbau (das bisherige Angebot, das bestenfalls einem ersten Universitätszyklus entspricht) zum Mittelbau (zweiter Zyklus mit Bachelorabschluss) und zum Oberbau (Master und Doktorat) stehen und in welchen Fächern die gesamte Bandbreite angeboten werden soll. Diese Fragen wurden bisher nicht geklärt, vor allem weil das Hochschulministerium jegliche Polemik im Vorfeld der parlamentarischen Debatten vermeiden wollte.

Sie stellen sich aber jetzt mehr denn je. Rektor François Tavenas hat zur Klärung dieser und anderer Fragen ein zehnköpfiges Gremium ins Leben gerufen, das von ihm selbst geleitet wird. Die „Commission de planification pour l'élaboration d'un plan stratégique", die Dozenten verschiedener Disziplinen vereinigt, wird den „contrat d'établissement 2004-2008" zwischen der Regierung und der Universität ausarbeiten. Zu ihrem Auftrag gehört auch die Klärung des Verhältnisses zwischen Lehre und Forschung, eine der wichtigsten noch ausstehenden Fragen. Auch hier herrscht eine sehr problematische Konfusion vor, angesichts des Eigenlebens der drei Centres de recherche public (Gabriel Lippmann, Henri Tudor und Santé). Sie verteidigen ihre Eigenständigkeit mit Händen und Füßen, was nur zu einer Verzettelung führen kann, dies um so mehr als einige von ihnen sich anschicken, der UdL auf ihrem ureigensten Gebiet Konkurrenz zu machen. 

Das CRP Henri Tudor stellt demnächst eine „formation diplômante en management et qualité des entreprises et services" vor. Das CEPS/Instead, Differdange hatte bereits vor anderthalb Jahren ähnliche Wege beschritten als es in Zusammenarbeit mit der Universität Leuven erfolgreich Impalla, ein Masterprogramm in sozialpolitischer Analyse einführte. Auch die Privatbeamtenkammer bietet universitäre Ausbildungsprogramme zusammen mit der Universität Nancy an und hat gerade ein Abkommen mit der britischen Open University unterzeichnet. Gegen Wettbewerb ist natürlich nichts einzuwenden. Allerdings stellt sich die entscheidende Frage nach  der kritischen Masse, die für alle Anbieter problematisch werden dürfte, je mehr die Offenten sich unkoordiniert häufen. 

Die Koordinierung des Angebots in Forschung und Lehre dürfte eine der Hauptherausforderungen für die UdL  werden. Allerdings wird es nicht einfach, sich durchzusetzen, da sie erst einmal einen Ruf aufbauen muss. Es gibt aber zwingende Gründe, warum die Zerstückelung der Hochschul- und Forschungslandschaft keine gute Sache ist. Der Bericht  Éducation et croissance, den die Soziologen Élie Cohen (CNRS) und Philippe Aghion (Harvard) im Auftrag des „Conseil d'analyse économique" veröffentlichten, führt die französische Hochschulmisere u.a. auf die Ausgliederung der Forschung aus der Universität zurück und empfiehlt die Auflösung des CNRS. Die Forschung soll wieder in die Lehre integriert und in die Universitäten zurückgeholt werden. 

À méditer

Mario Hirsch
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