Auf der einen Seite Charlie Chaplin. Der Leinwandstar der 1920er Jahre kam 1889 in London in ärmlichsten Verhältnissen auf die Welt. Seine Eltern waren Varieté-Künstler, der Vater starb durch Alkoholismus, seine Mutter wurde früh in eine Psychiatrie eingewiesen; Chaplin wuchs in den Straßen Londons auf, wo er das soziale Elend erlebte, das ihn prägte. Mit neun ging er mit einer Varieté-Truppe auf Tournee und kam mit einem Ensemble in die USA, wo er die Figur des Tramp entwickelte: komisch, melancholisch, würdevoll und sozialkritisch. Wegen seiner subversiven Filmkunst galt er in der McCarthy-Ära in den USA als verdächtig.
Auf der anderen Sir Winston Churchill, berühmter Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Als britischer Premier führte er sein Land durch den Zweiten Weltkrieg und wurde zum konservativen Symbol des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. Er war Journalist, Redner, Maler und Literaturnobelpreisträger. 1874 geboren wuchs er in einem Schloss auf, hegte eine unterkühlte Beziehung zu seinen Eltern und galt lange als schwer erziehbar. Erst an der Militärakademie sollte er Disziplin lernen und an Selbstvertrauen gewinnen.
Viel gäbe es zu den beiden Männern zu sagen, doch habe man sich von der Historie gelöst. „Wir […] spielen gewissermaßen mit den Fakten“, sagt der Schauspieler Luc Feit in einem Interview im Begleitheft. „Hier der Kampf gegen den Faschismus, dort der Kampf gegen die Depression – beides Gewalten, die einen niederdrücken und der Freiheit berauben.“
Kampf gegen Faschismus und Depressionen
In seiner Romanvorlage fiktionalisiert Michael Köhlmeier die frei erfundene Männer-Freundschaft dieses ungleichen Duos, ausgehend von einer ersten Begegnung am Strand von Santa Monica. Das Stück mit Luc Feit und Steve Karier, eine Hommage an Frank Feitler, sei angesichts der heutigen weltpolitischen Lage „beklemmend aktuell“, heißt es. Der renommierte Regisseur Ivan Panteleev hat die Romanvorlage adaptiert und inszeniert Zwei Herren am Strand auf seine Weise. Die Inszenierung, die nach der Premiere im Escher Theater am Kapuzinertheater zu sehen war und noch in Echternach und Marnach gezeigt wird, basiert auf der für die Bühne abgeänderten Fassung des Erfolgsromans.
Auf einer Hollywood-Party lernen sich Mitte der 1920er Chaplin und Churchill kennen. Nach Feiern ist den beiden nicht. Der Tramp-Darsteller steckt in einem Scheidungskrieg und hatte große Mühe, seinen nächsten Film fertigzustellen. Der Staatsmann befindet sich auf dem Weg ins politische Aus. Beim Strandspaziergang stellen sie fest, dass sie beide schon mit sechs Jahren Selbstmordgedanken hatten. Churchill und Chaplin beschließen daraufhin einen Pakt gegen den sogenannten „schwarzen Hund“ (Samuel Johnson): Wann immer einer in ein Loch zu fallen droht, kann er den anderen um Hilfe bitten.
„Ein nuanciertes Schauspiel, bei dem die Rollenzuweisungen offenbleiben, wird diese Zerbrechlichkeit und Ambivalenz in der Schwebe halten“, liest man im Begleitheft. Mit dem Tod Feitlers im Dezember 2023 musste das Projekt neu gedacht werden. So ist man angesichts der irritierenden Besetzung vorgewarnt. Denn der beleibte Steve Karier gibt Charlie Chaplin, während der schlaksige Luc Feit in blauen Plastikgummisandalen als Churchill auftritt. Das Bühnenbild (Lori Casagrande) ist spartanisch. Lediglich ein großes Segeltuch ist aufgespannt; ein paar gelbe Bretter am Bühnenboden deuten den Strand an. Die beiden frotzeln und singen: „Ein Freund, ein guter Freund“ ... Bis Churchill (Feit) Charlie Chaplin (Karier) auf den Kopf zusagt: „Sie sehen so aus, wie jemand, der an Selbstmord denkt!“
Was ist ein Künstler?
Chaplin gestikuliert mit Tränen in den Augen mit einem abgelatschten Schuh und erzählt von seiner Kindheit. Eines Tages habe er einer Kollegin seiner Mutter, Dashing Eva Lester, genannt „die Schneidige“, eröffnet, dass er Künstler werden wolle. Die Frage, was ein Künstler ist, wird ins Publikum gestellt. Das sei einer, der sich die Gnade erschleichen möchte, habe ihm Eva erklärt.
„Die Menschen zu betrügen, traute ich mir zu. Die Menschen und Gott zu betrügen, das traute ich mir nicht zu. Dass Schauspielerei Betrug ist, das hat mein Vater immer behauptet, und es hatte ihm Freude bereitet, die Menschen hinters Licht zu führen“, bringt Chaplin anfangs seine Zweifel auf den Punkt. „Sie sind doch der beliebteste Mensch geworden“, erinnert ihn Winston. Ein Trugschluss! Es sei nicht er. Alle liebten sie nur den Tramp; auf die Rolle sollte Chaplin sein Leben lang festgelegt bleiben.
„Kehren wir um. Nun also ich.“ Auch Feit als Churchill wird klarmachen, dass er zu der seltenen Sorte von Menschen gehörte, die schon mit sechs Jahren ernsthaft darüber nachdachten, freiwillig aus dem Leben zu scheiden... Von Kindheit an wurde er verhätschelt. Noch heute sehne er sich nach seiner Kinderfrau, Miss Everest. Nie wieder in seinem Leben sollte er so fantasievoll gelobt werden wie von ihr. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr glaubte er, das intelligenteste Kind auf Erden zu sein ... bis er auf dem Internat feststellen musste, dass er das dümmste war.
Es sind amüsante, bekannte Anekdoten, die rezitiert werden, etwa, wenn Feit als Churchill „Mensa“ dekliniert. Man vergesse nach dem Ablativ nicht den Vokativ! „Wenn du mit dem Tisch sprichst oder ihn anrufst, zum Beispiel: „Oh Tisch, bleib stehen!“– Aber er spreche nicht mit Tischen, entgegnet Winston trotzig, „und schon gar nicht, wenn sie sich bewegen“.
Zäh-anstrengende Inszenierung
Die Frage nach den Methoden gegen den schwarzen Hund bestimmen die nur 1h15-Stunden kurze Inszenierung, die trotzdem etwas zäh und anstrengend ist. Gegen den Gedanken, er könne verrückt sein, helfe nur etwas Verrücktes zu tun. „Das ist etwas sehr Ernstes, Winston. Das ist die Methode des Clowns. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der ernster wäre als ein Clown“, fasst Chaplin seine Strategie in Worte. Churchill hingegen suchte sich stets einen Platz zum Malen ... Auch so soll er gegen seine Depression angekämpft haben.
Beide Schauspieler rezitieren ihren Text tadellos und doch wirkt es so, als spielten sie letztlich nur sich selbst. Hier hätte eine stärkere Personenführung wohl mehr herausholen können. Die Ambivalenz der beiden in Reaktion aufeinander wird in der Inszenierung von Panteleev nicht deutlich. Mag Churchill den Schauspieler Chaplin bewundert haben, so sah er in Phasen seiner Großmachtsucht auch auf den ärmlichen Mann herab. Auch Chaplin bewunderte Churchill nicht bedingungslos, sondern war abgestoßen angesichts seines unmäßigen Nikotin- und Alkoholkonsums, wie Köhlmeier in seinem Roman herausstellt.
Den weltgewandten Staatsmann Churchill nimmt man Luc Feit nicht ab. „Ich bin ein Imperialist“, herrscht Churchill Chaplin an, nun sehr ernst und nüchtern, „ein John Bull. Ich bin wie England. Ich pfropfe aller Welt meine Einfälle auf“, liest man im Roman. Auf der Bühne des Kapuzinertheaters regiert platter Humor: „Es ist, als ob Michelangelo von der Sixtina herabsteigt, um mit Andy Schleck Tandem zu fahren“, witzelt Feit. Während Chaplin darüber sinniert, ob Gott wohl einen seiner Filme gesehen habe ... „So sehen die meisten in sich selbst nur sich selbst.“ Den Namen „Hitler“ niesen die beiden so oft, bis der Gag ausgelatscht ist und einem nur noch ein gequältes Grinsen abringt. Hat Chaplin in The Great Dictator (1940) die historische Unperson noch großartig parodiert, so schmiert sich Karier auf der Bühne Rasierschaum ins Gesicht, bis er nicht mehr zu erkennen ist ... Historisch interessierte Theaterbesucher/innen lernen an dem klamaukigen Abend nichts dazu – es sei denn, man besucht vorab die erhellende Einführung von Simone Beck.
Gegen Ende wird noch der bedeutsame Spruch zitiert: „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine ganze Welt“ – ein Satz, dessen Ursprung mitunter Churchill zugeschrieben wurde und der sich sinngemäß bereits im Talmud findet. Mit dem Tod von Frank Feitler ist in Luxemburg tatsächlich eine ganze Theaterwelt zusammengebrochen. Der ehemalige Intendant des Grand Théâtre, der die Idee zu diesem Stück hatte, hat tiefe Spuren in der Theaterszene hinterlassen ... Ob Feitler letztlich froh über diese Realisierung seines Theaterprojekts gewesen wäre, darf bezweifelt werden.