ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Befreier

d'Lëtzebuerger Land du 30.01.2026

Im Mai warnte Premier Luc Frieden in der Erklärung zur Lage der Nation: „D’Weltuerdnung, déi zanter dem Enn vum Kale Krich besteet, ass um Kippen.“ Nun ist sie gekippt. „We are in the midst of a rupture, not a transaction.“ Meinte vergangene Woche der kanadische Premier Mark Carney. Man traf sich auf dem Jahrmarkt der Manager und Minister in Davos. US-Handelsminister Howard Lutnick entschied: „Globalization has failed.“ Seine Investmentbank hat 30 Niederlassungen weltweit.

Die Oligarchen in Washington drohen, Dänemarks Halbkolonie Grönland mit Waffengewalt, Strafzöllen zu annektieren. Fallen die Aktienkurse, kaufen sie und beschwichtigen. Die Rivalitäten spitzen sich zu um die Neuaufteilung der Welt in Einflusssphären. Die protektionistischer, undemokratischer, klimafeindlicher, kriegerischer werden: rentabler.

Luc Frieden war zwei Tage in Davos. Er warb für Geschäfte in fiktivem Kapital, Maschinenlernen, Datenhandel. Er wollte es mit niemandem verderben. Doch die amerikanischen Freunde machten Angst.

Beim anschließenden Gipfel in Brüssel ertappte das Luxemburger Wort einen Opportunisten: „Auch machte sich Luc Frieden die Idee der strategischen Autonomie Europas sehr konsequent zu eigen – wovor er wenige Stunden zuvor noch zurückgeschreckt war“ (24.1.26). Widerwillig muss die Regierung Farbe bekennen. Dann schaut sie sich flehend um in Brüssel, Berlin.

Jahrzehntelang sangen Politiker, Leitartikler das Heldenlied vom freien Westen gegen das Reich des Bösen. „Mir si konfrontéiert mat enger Politik, déi ganz anescht ass wéi an der Vergaangenheet. Wou mer Russland, China, Amerika hunn, déi Dreem hu vu Pouvoir.“ Klagte Frieden. Nannte die USA in einem Atemzug mit dem Lieblings-Ennemi Russland, dem neuen Feindbild China. Nach einem außerordentlichen EU-Gipfel zählen die USA nicht mehr zum liberalen, demokratischen Westen.

Trotz Ardennenoffensive, Kennedy und Hollywood bewunderten längst nicht alle Luxemburger die USA. In den Fünfzigerjahren wählten sieben Prozent kommunistisch, in den Sechzigerjahren bis zu 13 Prozent, vor allem Arbeiter, Arbeiterinnen. Segregation, Vietnamkrieg entfremdeten bürgerliche Liberale vom ehemaligen Befreier. Ende der Sechzigerjahre entdeckten Sozialdemokraten im Tageblatt den „US-Imperialismus“. Die Friedensbewegung marschierte in den Achtzigerjahren zugleich gegen Moskau und Washington. CSV, LSAP distanzierten sich vom US-Krieg im Irak.

Der große Bruder bleibt ein großer Kunde. Das Kapital in Luxemburg verwalteter Investitionsfonds stammt zu einem Fünftel aus den USA. Im April besucht die Handelskammer die Rüstungsindustrie von Colorado Springs.

Vergangene Woche beriet das Parlament über Venezuela, Grönland. Die Parteien überboten sich mit moralischen Appellen. Die Führungsmacht der Freien Welt wird gerade eine Diktatur mit Pogromen gegen Einwanderer, SA-Terror des ICE. Das gilt als deren inneren Angelegenheiten.

Kleinstaaten fehlen die Mittel, Prinzipien durchzusetzen. Manchmal kaufen sie sich welche. Nur beim Steuerdumping kennen sie Rivalen. Sie sehen in der ganzen Welt einzig Kunden. So schlägt der Krämergeist Wurzeln in der Politik. „De-risking“ von den USA verspricht mehr Geschäfte mit China. Wieder Geschäftsbeziehungen mit Russland – sobald der Donbass russisch ist.

Die Nato dient weniger dem Schutz als der Kontrolle Europas. Die USA wollen nicht darauf verzichten. Vielleicht erzeugen ihre Drohungen einen neuen Integrationsschub in Europa. Europas besitzende Klassen wollen mitspielen im Great Game um Märkte, Energie, Rohstoffe. Vielleicht zerbröckelt die Union. Wenn demnächst Rassemblement national, Alternative für Deutschland regieren.

Imperialismus ist für Kleinstaaten gefährlich. Schnell ist man das nächste Grönland. „The story of the international rules-based order was partially false.“ Gestand der kanadische Premierminister. Kleinstaaten wollten die Story glauben. Nun befreiten die USA das Großherzogtum erneut. Diesmal von den USA.

Romain Hilgert
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