Pisa-Resultate

Ein Desaster

d'Lëtzebuerger Land vom 09.12.2001

Glaubt man der Wahlanalyse des CRP Gabriel Lippmann, so entschied weniger die Abschaffung des traditionellen Pensionssystems im öffentlichen Dienst die letzten Parlamentswahlen, als der verzweifelte Ruf nach einer Bildungsreform. Für die Eltern im Land ist das Ergebnis des nationalen Berichtes des OECD-Programme for International Student Assessment (Pisa) über das luxemburgische Schulwesen folglich keine Überraschung: "Im Leistungsvergleich mit anderen Ländern schneiden wir äußerst schwach ab." (S. 93) Laut OECD leistet sich eines der reichsten Länder der Welt das schlechteste Schulsystem in der Europäischen Union. Nur dank der beiden Entwick-lungsländer in der OECD verpasst das Großherzogtum auch OECD-weit den letzten Platz.

Würde die ganze Propaganda über die Wissensgesellschaft und e-Lëtzebuerg auch nur zur Hälfte stimmen, dann wäre das Resultat der Pisa-Studie Beweis einer nationalen Katastrophe. Nicht zuerst, weil die internationale Wettbewerbsfähigkeit unter schlecht qualifizierten Arbeitskräften leidet, sondern weil jeder Mensch ein angeborenes Recht auf die bestmögliche Förderung seiner Entfaltungsmöglich-keiten für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung hat.

Dass es sich tatsächlich um eine nationale Katastrophe handeln könnte, zeigen die Reaktionen, der gleich nach der Veröffentlichung der Pisa-Resultate begonnene aufgeregte Handel mit Verantwortung: Während die Ministerin moralinsauer die Schuld bei den Schulkindern suchte, titelte ihr Journal ängstlich "Bitte keine Panik" und leitartikelte, es habe eine "'Datz' für die Gesellschaft" gegeben - nicht für die Bildungspolitiker und Generäle der Bildungsoffensive. Die CSV-Jugend warf dagegen der liberalen Erziehungsministerin "Passivität" und "Hilflosigkeit" vor, so als habe die CSV nicht fast 80 Jahre lang die Bildungspolitik bestimmt - unter anderem gemeinsam mit einer 15 Jahre lang äußerst schweigsamen LSAP.

Folglich flehen alle von links bis rechts, doch bitte jetzt keine Schuldigen zu suchen. Während ständig die Privatwirtschaft als Vorbild für die Politik bemüht wird, scheint es noch immer jedes demokratische Vorstellungsvermögen zu übersteigen, dass Politiker und Parteien die Verantwortung für ein politisches Desaster übernehmen könnten.

Dass Luxemburg international in der Bildung nicht besser abschneidet als im Fußball, ist möglicherweise nicht einmal am schlimmsten. Denn Pisa stellt auch fest: "Besonders kritisch stellt sich die Situation für Luxemburg (...) dar: große Effekte des sozioökonomischen Hintergrundes auf vergleichsweise niedrigem Leistungsniveau." (S. 82) Das heißt, das Luxemburger Schulsystem ist auch eines der ungerechtesten, es gleicht soziale Unterschiede weniger aus, als dass es sie reproduziert. Während es im Lycée Aline Mayrisch Notebook-Computer für alle geben soll, nomadisieren die Modular-Kollegen durch die Stadt, weil sie nicht einmal Klassensäle haben.

Für die Folgen der Klassengesellschaft in den Luxemburger Klassen glauben sich die Pisa-Autoren fast entschuldigen zu müssen: "Die Tatsache, dass die Leistungen der Modulaire-Schüler durch die Pisa-Instrumente zum Teil gar nicht mehr sinnvoll erfasst werden können, darf nicht nur Kritik an den Pisa-Instrumenten hervorrufen." (S. 93) Der Staat erfüllt also das Verfassungsrecht auf Bildung, das zu den Grundbedingungen einer Demokratie gehört, für die Staatsbürger im Modular-Unterricht nicht mehr. Aber es ist auch wahr, dass dieses kaum einklagbare Recht auf Bildung ein gutes Stück hinter dem freien Handel und der Religionsfreiheit in der Verfassung steht. Bei der Aufstellung des Regierungsprogramms 1999 hatten die Christenmenschen und Bildungsoffensivler die oft so-zial benachteiligten, immigrierten Schülerinnen und Schüler des Modular-Unterrichts glatt vergessen.

Denn an einem Tag über die Wissensgesellschaft zu schwadronieren und am anderen zu "Back to [the] basics", Ordnung und Disziplin aufzurufen, passt zusammen. "Der erhebliche Einfluss des sozioökonomischen Hintergrundes auf die Leistung, der im internationalen Vergleich stärker ausfällt als in den meisten anderen Ländern", fordert Pisa, "ruft nach wirksamen Maßnahmen, um eine Schule für alle Kinder zu verwirklichen." (S. 93) Bis dahin gilt eben, dass Wissensgesellschaft für die einen und das kleine Einmaleins für die anderen gemeint ist. Dass diejenigen, die modisch vor dem "digitalen Graben" warnen, nicht einmal den analogen auffüllen, könnte folglich mehr als ein Versäumnis sein, nämlich eine Absicht. Immerhin scheint für einen Teil der CSV und DP wählenden Mittelschichten Bildung als letztes soziales Privileg übrig geblieben zu sein. Weshalb sollten ihre Parteien sich also mit dem Kampf gegen dieses Privileg ins eigene Fleisch schneiden zugunsten gesellschaftlicher Schichten, die größtenteils nicht einmal das Wahlrecht haben? Schließlich ist der in der Pisa-Studie festgestellte "Leistungsabfall derjenigen Schüler, die zu Hause eine andere Sprache sprechen als Luxemburgisch" ebenfalls ein altbewährtes Mittel zur nationalen und sozialen Auslese.

In Zeiten von e-Lëtzebuerg erinnert das alles peinlich an das 19. Jahrhundert, als eine öffentliche, kostenlose und laizistische Schule für alle, an die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts, als Chancengleichheit auch für Arbeiterkinder gefordert wurde. Aber vielleicht steckt auch dahinter System. Schließlich ist im 21. Jahrhundert Religion wieder Promotionsfach.

Romain Hilgert
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