Binge Watching

Drogenkönigin

d'Lëtzebuerger Land du 25.12.2020

Drogenkartelle sind in Film und Serie eher eine Männerdomäne. Die Netflix-Serie Narcos beschäftigt sich mit dem Aufstieg Pablo Escobars und geht dann auf Miguel Ángel Félix Gallardo über. Die von Salma Hayek verkörperte Elena aus Oliver Stones Savages (2012) ist da eine Ausnahme und ähnlich wie in Stones’ Film, wird uns diese Teresa Mendoza (Alice Braga) präsentiert: In einem maßgeschneiderten, eng sitzenden Anzug, streng nach hinten gebundenen Haaren und großer Sonnenbrille steht sie da. Sie ist eine gefürchtete Frau, das größte Drogenimperium der westlichen Hemisphäre ist ihr Eigen. Bevor sie aber an der Spitze angelangen konnte, musste sie einen harten und langen Weg auf sich nehmen und diesen Weg zu beschreiben, macht die Erzählung von Queen of the South aus. Die von
M.A. Fortin und Joshua John Miller geschriebene Serie setzt große erzählerische Klammern und blendet dorthin zurück, wo für Teresa alles angefangen hat: Mit Guero (Jon Ecker), einen Drogenkurier des berüchtigten Vargas-Kartells. Teresa verliebt sich in ihn, doch das Glück ist nicht von allzu langer Dauer. Weil er seinen Boss hintergangen hat, muss er den Preis mit seinem Leben bezahlen. Plötzlich ist die ohnehin schon sehr desillusionierte Teresa wieder auf sich allein gestellt. Doch damit nicht genug: Gueros Mörder sind bald schon hinter ihr her…

Wenn Queen of the South in einer Szene auf Brian de Palmas Scarface von 1983 verweist, dann zeigt sie, auf welchen filmischen Vorreitern sie aufbauen will. Die Antiheldinnen dieser Serie sind so skrupellos, kaltblütig und machthungrig wie die Männer, die das Genre sonst so oft bevölkern. Die Frau erhebt sich hier als Folge einer langen Ohnmacht über die Männerwelt. Und ähnlich wie Al Pacinos Tony Montana hat auch Teresa Mendoza die passenden Lebensweisheiten parat: „Ich war arm, und ich war reich“, meint sie. „Reich sein ist besser, glaubt mir.“

Bei aller Schwerpunktsetzung auf Gleichstellung und Emanzipation versäumt die Serie es, das große Ganze in den Blick zu nehmen: Queen of the South verbietet sich jegliche Reflexion über den Zusammenhang von Drogenkriminalität in Südamerika und dessen größten Markt, die USA – eine derartige Zustandsbeschreibung strebte Narcos noch in groben Zügen an. An einer Milieuschilderung oder einer Erforschung des Verhältnisses von Ursache und Wirkung ist Queen of the South gar nicht interessiert, sie beschreibt einzig den Weg einer Frau zur kriminellen Selbstbestimmung. Die Unterwanderung patriarchaler Ordnung ist das Hauptanliegen der Serie und in diesem Sinne ist die Geschlechter-varianz vielleicht lobenswert, ist aber in Anbetracht der Historizität des Genres und der gegenwärtigen Umbrüche in der Filmbranche, die nächstliegende Option.

Möglicherweise steckt eine Krankheit des Serienformats darin, dass die Vorgaben, die die Genreformeln stellen, übererfüllt werden, sie dann aber zugleich in die Erzählweise endloser Soap Operas zurückfällt. Im Grunde nämlich ist Queen of the South doch eine Seifenoper: Die spanischsprachige Telenovela La Reina del Sur, die auf Telemundo ausgestrahlt wurde, bildet die Vorlage der Serie, die wiederum auf den Roman des Spaniers Arturo Pérez-Reverte zurückgeht. Keine Frage: Die Showrunner wissen, was das Genre im Wesentlichen konstituiert, besonders die Action. Queen of the South spart nicht an wilden Verfolgungsjagden, Schießereien, Drohungen, Folter und Erpressung. Aber weder das Abrufen von Genre-Zitaten, noch Giorgio Moroders Syntheziser-Klänge, die ebenfalls an Scarface erinnern sollen, können darüber hinwegtäuschen, dass die fast hundert Stunden lange Serie auf die Dauer eher langweilig ist. Auch die Schauspielerin Alice Braga kann über diesen Umstand nicht hinweghelfen. Sie spielt die Hauptfigur zwar äußerst unterkühlt, beherrscht und mitunter schon beinahe apathisch. An der Grenze zur Trivialität indes bewegen sich jene Szenen, in denen Teresas späteres Ich in einer Art Tagtraum mit ihr in Kontakt tritt. Das ist möglicherweise der letzte, unbeholfenste Ausdruck des Drehbuchs, dieser Figur Leben einzuhauchen.

Marc Trappendreher
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