„Wir sind alle Opfer“

d'Lëtzebuerger Land vom 05.11.2021

Der Intensivmediziner Jean Reuter aus dem Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL) kümmert sich tagtäglich um Patient/innen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind. Im Interview mit dem Land spricht er über seine Erfahrungen und erklärt, warum die Impfung nicht nur der sicherste, sondern auch der natürlichste Weg ist, um sich zu schützen.

d‘Land: Gesundheitsministerin Paulette Lenert hat vergangene Woche erklärt, die vierte Corona-Welle habe inzwischen auch Luxemburg erreicht. Am Montag lagen zwölf Personen mit Sars-CoV-2 auf der Intensivstation, so viele wie seit Ende Mai nicht mehr. Wie ist die Lage im CHL?

Jean Reuter: Das CHL spürt die Wellen immer früher als andere Krankenhäuser, weil es das Nationale Fachzentrum für Infektions- und Tropenkrankheiten (SNMI) beherbergt. Die 24 Normalbetten des SNMI werden landesweit prioritär mit Covid-19-Patienten belegt. Solange wir nicht überlastet sind, schicken die anderen Krankenhäuser die Patienten zu uns. Wenn sich ihr Zustand verschlechtert, kommen sie im CHL auf die Intensivstation. Vergangene Wochen waren sechs unserer 18 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. Das kann sehr schnell problematisch werden, weil sie oft wochenlang bleiben. Eine Patientin liegt seit über 80 Tagen auf der Intensivstation.

Sind die restlichen zwölf Betten denn noch frei?

Nein, es sind kaum noch Betten frei. In der Regel sind die 18 Betten auch außerhalb von Corona-Zeiten größtenteils besetzt. Das CHL hat mehrere Services nationaux, unter anderem die Neurochirurgie. Alle Patienten kommen auf dieselbe Intensivstation. Wenn aber sechs Betten schon alleine von Covid-Patienten blockiert sind, wird es schnell eng.

Könnte dieses Problem nicht durch mehr Intensivbetten gelöst werden?

Die Ärzte und Krankenpfleger auf den Intensivstationen sind ultra-spezialisiert, die Ausbildung eines Intensivmediziners dauert elf Jahre, die eines Krankenpflegers mindestens vier Jahre. Es bräuchte Jahre, bis eine Erweiterung der Intensivbetten umgesetzt werden könnte.

Waren die Intensivstationen nicht schon vor Covid-19 überlastet?

Im Allgemeinen nicht. Im Sommer ist grundsätzlich weniger los, weil in den Ferien nicht so viele Operationen geplant sind. Im Winter kann es hingegen eng werden. Vor Covid-19 habe ich aber nie erlebt, dass – wenn überhaupt – mehr als zwei Grippe-Patienten gleichzeitig auf der Intensivstation lagen. Deshalb ist es absurd, Sars-CoV-2 mit dem Influenzavirus zu vergleichen. Im CHL hatten wir zeitweise bis zu 14 Covid-Patienten auf der Intensivstation. Das gab es noch bei keiner anderen Krankheit.

Wieviele Patient/innen auf der Intensivstation sind geimpft?

Von den 34 Covid-Patienten, die wir seit dem 1. Juli auf der Intensivstation des CHL betreut haben, waren drei geimpft. Von diesen drei hatte einer eine Organtransplantation hinter sich, einer war über 80 Jahre alt und hatte Herzprobleme, eine Patientin hatte starkes Übergewicht und Bluthochdruck. Vor dem Hintergrund, dass rund 75 Prozent der impfberechtigten Bevölkerung vollständig geimpft sind, machen die Ungeimpften den allergrößten Teil der Patienten auf der Intensivstation aus.

Hatten die ungeimpften Patient/innen ebenfalls Vorerkrankungen?

Die Risikofaktoren sind allgemein bekannt: hohes Alter, Übergewicht, hoher Blutdruck, Diabetes; bei Männern ist das Risiko etwas größer als bei Frauen. In den letzten drei Monaten hatten wir aber auch andere ungeimpfte Patienten. Einer war 26 und hatte keinerlei Vorerkrankung, lag aber mehrere Wochen auf der Intensivstation. Vor drei Wochen hatten wir eine 39-Jährige, die nur leicht übergewichtig war. Ein 41-Jähriger blieb anderthalb Monate auf der Intensivstation. Er hatte kein Übergewicht, aber Diabetes, was er bis dahin nicht wusste.

Reicht ein starkes Immunsystem, um einem schweren Verlauf vorzubeugen?

Ich würde mich nicht alleine auf mein Immunsystem verlassen. Wer 20 Jahre alt ist und keine Vorerkrankungen hat, bei dem ist das Risiko eines schweren Verlaufs sehr gering. Unmöglich sind Komplikationen aber selbst dann nicht.

Wie viele Patienten haben Sie wegen Impfnebenwirkungen auf der Intensivstation betreut?

Seit dem Beginn der Impfkampagne hatten wir einen einzigen Patienten mit Impfkomplikationen. Er war mit Astrazeneca geimpft und hatte Thrombosen. Es wurde rechtzeitig entdeckt und er hat überlebt.

Ihr Direktor Romain Nati hat am Freitag im Radio 100,7 gesagt, das CHL bereite sich wieder darauf vor, eventuell Operationen wegen der drohenden Überlastung durch Covid-Patienten abzusagen und zu verlegen. Ist das wirklich notwendig?

Das CHL hat am Freitag beschlossen, die Lage im Blick zu behalten und von Tag zu Tag zu entscheiden. Nach den meisten Operationen ist ein Aufenthalt auf der Intensivstation nicht erforderlich. Nach schweren Eingriffen ist es aber obligatorisch, dass der Patient 24 bis 48 Stunden auf der Intensivstation überwacht wird. Wenn dort kein Platz ist, können diese Eingriffe nicht durchgeführt werden.

Sie haben vergangene Woche auf Twitter Kritik an der Marche blanche geäußert und erhielten dafür viel Zuspruch, stießen aber auch auf Ablehnung. Wie gehen Sie damit um?

Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen sich versammeln. Was mich zum Teil stört, ist, dass auf der Marche blanche Freiheit gerufen wird, als ob wir hier in einer Diktatur leben würden, während gleichzeitig die Freiheit und das Recht von Patienten auf eine Operation eingeschränkt wird und eine angemessene Behandlung nicht mehr gewährleistet werden kann, weil die Intensivstationen sich wieder füllen mit Menschen, die nicht geimpft sind.

Sind Ungeimpfte denn nicht die wahren Opfer der strengen Corona-Politik der Regierung?

Wir sind alle Opfer. Wir dürfen nicht vergessen, wer der Gegner ist. Wir sind einem Virus ausgesetzt, vor dem wir alle gleich sind. Ich zeige nicht mit dem Finger auf Ungeimpfte, ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, dass das Risiko eines schweren Verlaufs bei ihnen höher ist und wir riskieren, dass die Maßnahmen wieder verschärft werden, weil unser Gesundheitssystem – insbesondere durch Ungeimpfte – stärker belastet wird.

„Fir eng Rei vun dëse Patiente geet hier respiratoresch Détresse Hand an Hand mat enger psychologescher Détresse, well hier Welt un déi si steif a fest gegleeft hunn wéi e Kaartespill an e Koup fält“, schrieben Sie in einem Tweet über Impfgegner, die wegen Covid-19 auf die Intensivstation kamen. Wie viele solcher Fälle sind Ihnen bekannt?

Wir hatten mehrere solcher Fälle. Wenn sie ins Krankenhaus kommen, verstehen sie die Welt nicht mehr. Sie spüren, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie Atembeschwerden haben. Auf der anderen Seite haben sie fest daran geglaubt, das Virus sei nicht gefährlich und alles sei nur eine Verschwörung. Es ist sehr schwierig, an diese Menschen ranzukommen.

Hatten Sie Kontakt zu solchen Menschen?

Natürlich. Ich sehe meine Patienten jeden Tag. Wenn sie zu uns kommen, sind sie meistens noch nicht im Koma. Sie werden nicht invasiv beatmet, sind also noch nicht intubiert und bei vollem Bewusstsein, man kann sich mit ihnen unterhalten. Am Anfang erkundigt sich der Arzt über die Krankengeschichte, die Symptome und die Medikamente, die die Patienten nehmen. Systematisch frage ich, ob sie geimpft sind, und wenn nicht, ob es eine Kontraindikation gab oder andere Gründen vorliegen. Dabei entsteht eine Diskussion. Mit manchen ist es sehr schwierig zu diskutieren, weil sie sich dem sofort verschließen.

Und die anderen?

Zurzeit beobachten wir zwei Profile von Ungeimpften. Einerseits die, die noch keine Zeit hatten, weil sie gerade andere Sorgen haben oder die Impfung nicht als prioritär erachten. In den vergangenen Wochen kamen aber auch Patienten mit einem anderen Profil. Einige von ihnen hatten über Umwege Medikamente erhalten, die von Dr. Ochs und Professor Raoult beworben werden. Gewirkt haben diese Mittel augenscheinlich nicht, denn sonst hätten sie nicht auf die Intensivstation gemusst. In dem Moment bricht eine Welt für sie zusammen, weil ihnen bewusst wird, dass das, was ihnen vorgegaukelt wurde und woran sie geglaubt haben, doch nicht stimmt. Manchmal ist es richtig bitter. Einige von ihnen sind in den letzten Wochen verschieden.

Woher kommt der Widerstand gegen die Impfung?

Wer selber nicht das Werkzeug hat, um medizinische Literatur zu analysieren, basiert sich auf das, was er liest, was im Freundeskreis verbreitet wird. Mich regt aber vor allem auf, wenn Opinion Leaders mit einem Doktortitel und andere Autoritätspersonen Dinge behaupten oder propagieren, die nicht stimmen, und das dann dazu führt, dass Menschen auf der Intensivstation landen und unter Umständen deswegen sterben müssen. In solchen Fällen müsste stärker durchgegriffen werden.

Neben der Impfung sollen künftig auch Medikamente gegen Sars-CoV-2 eingesetzt werden.

Wir haben inzwischen monoklonale Antikörper, doch ihre Anwendung beschränkt sich auf ein sehr frühes Stadium der Erkrankung. Ist die Krankheit schon etwas weiter fortgeschritten, wirken sie nicht mehr. Die Covid-Erkrankung verläuft in zwei Etappen. In einer ersten Phase ist es das Virus, das Schäden anrichtet. In der zweiten Etappe stellt das Immunsystem sich quer und verursacht Verletzungen an den Lungen, aber auch an anderen Organen. In dieser Phase haben die Antikörper keine Wirkung mehr, weil sie nur gegen das Virus vorgehen, das dann schon fast nicht mehr präsent ist. Auf der Intensivstation benutzen wir daher als Standardbehandlung Kortikoide. Wir haben aber noch andere Medikamente, sogenannte Immunomodulatoren, die das Immunsystem etwas abbremsen, wenn es verrückt spielt.

Sind diese Medikamente harmloser als der Impfstoff?

Es ist verwirrend, wenn Patienten mir erzählen, der Impfstoff sei nicht „natürlich“. Bei einer Impfung wird das natürliche Immunsystem stimuliert, indem ein Teil des Virus eingespritzt wird. Viel weniger natürlich ist es, auf der Intensivstation mit Medikamenten in ein Koma versetzt und künstlich beatmet zu werden und Immunomodulatoren wie Tocilizumab oder Baricitinib einzunehmen, die wirklich das Immunsystem manipulieren. Nebenbei kosten diese Medikamente 2 500 Euro pro Patient. Sie bringen „Big Pharma“ also 200 Mal mehr ein als eine Impfdosis. Die Impfung ist und bleibt nicht nur der sicherste, sondern auch der natürlichste Weg, um sich vor Covid-19 zu schützen.

Luc Laboulle
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