Impfen, testen und in der Schule auch mal die Maske abnehmen. Die Regierung setzt auf eine ziemlich „normale“ Rentrée

Alles wird besser

Schülerin mit einem Mund-Nasenschutz in einer Schule
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 03.09.2021

So ändern sich die Zeiten: Am 11. Juni hatte Premier Xavier Bettel (DP) paperjam.lu erzählt, „aussi rapidement que possible“ würden die Massentests des Large-scale testing nicht mehr nur auf Einladung zugänglich, sondern generell. Mit einem gratis PCR-Test, der 72 Stunden gültig ist, sollten „alle“ unbeschwert an den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag teilnehmen, aber auch reisen können, Restaurants besuchen und so weiter. Damals waren knapp 29 Prozent der Luxemburger Bevölkerung vollständig geimpft. Der „Covid-Check“, den Luxemburg zwei Wochen früher einführte als die EU ihr digitales Zertifikat, sollte auch Ungeimpften Freiheiten bringen, ohne dass sie dafür bezahlen müssen.

Dass damit Mitte September Schluss sein könnte, konnte man schon Anfang Juli vermuten: Da brachte die Regierung jenen Covid-Gesetzentwurf heraus, der Mitte Juli zum Gesetz wurde und es noch bis zum 15. September ist. Denn sie teilte mit, auch das Large-scale testing bleibe nur bis zu diesem Datum bestehen. Wer anschließend Gratistests für alle anbieten sollte, einfach so per online abgemachtem Termin, wenn nicht das üppig aus der Staatskasse finanzierte Konsortium, fragte sich. Seit Mittwoch dieser Woche ist die Antwort klar: niemand. Wer nicht geimpft ist, muss demnächst für Tests zahlen. „Es ist nicht mehr vertretbar, dass die Allgemeinheit bezahlt, weil eine Minderheit sich nicht impfen lassen will und weiterhin ein Risiko darstellt“, erklärte Xavier Bettel beim Pressebriefing mit der Gesundheitsministerin nach dem Regierungsrat.

Unverständlich ist es nicht, dass nun Druck zum Impfen erzeugt werden soll. Laut dem Vaccine Tracker des EU-Seuchenschutzamts ECDC waren am gestrigen Donnerstag 60,7 Prozent der Luxemburger Bevölkerung „vollständig geimpft“. Das ist zwar ein Stück besser als der EU-Durchschnitt (57,2%) und ganz knapp besser als der Stand in Deutschland (60,3%), aber deutlich schlechter als der in Belgien (70,3%), Portugal (69,4%) oder Irland (68,1%). Und seit Beginn der Sommerferien hat das Impftempo hierzulande abgenommen, was vermutlich daran liegt, dass viele verreist sind: Der Anteil der mit einer ersten Dosis Geimpften an der Bevölkerung stieg von 60,5 Prozent Mitte Juli auf 63,2 Prozent diese Woche. Womit Luxemburg bei den Erstimpfungen unter den EU-Schnitt von derzeit 64,7 Prozent rutschte. Nun wird gehofft, dass sich das Tempo wieder steigern lässt.

Dass es keine Gratistests mehr gibt, ist die wichtigste Neuerung ab 16. September. Wobei für Menschen, die nicht geimpft werden können, und für Kinder unter zwölf, für die in der EU noch kein Impfstoff zugelassen ist, noch „nach einer Lösung gesucht“ wird, so der Premier. Interessanter war diese Woche, zu erfahren, wie es in den Schulen weitergeht. Denn Schüler/innen sind sozial besonders aktiv, kommen in Schulen in Kontakt miteinander, und für Grundschüler zumindest gibt es noch keinen Imfpstoff.

Lehrergewerkschaften und die nationale Eltervertretung hatten schon vor den Ferien verlangt, dass zumindest in den Grundschulen die Maskenpflicht abgeschafft würde. Im neuen „Stufenplan“, den Bildungsminister Claude Meisch (DP) am gestrigen Donnerstag vorstellte, ist das für alle Klassenstufen vorgesehen; auch für die Sekundarstufe. Sobald die Schüler/innen an ihren Bänken sitzen, sich auf dem Schulhof aufhalten und sofern nicht mehr als zehn Schüler/innen miteinander versammelt sind, sind Masken nicht mehr Pflicht. Aber gibt es einen Covid-Fall in einer Klasse, ändert sich das wieder für sechs Tage.

War im Grundschulbereich bis zu den Ferien pro Woche ein Schnelltest in der Schule und einer zu Hause empfohlen – die Tests waren stets freiwillig –, sollen es nach der Rentrée zwei wöchentliche Tests in den Schulen sein. Im Sekundarbereich bleibt es bei je einem Test in der Schule und einem daheim. An der Freiwilligkeit ändert sich nichts.

Der Idee mancher Gewerkschaften, den Zugang zu Sekundarschulen generell vom Covid-Check abhängig zu machen, folgte der Regierungsrat auf seiner Sitzung am Mittwoch nicht: Das hätte einen immensen Kontrollaufwand mit sich gebracht und wäre nicht mit der gesetzlichen Schulpflicht vereinbar, erklärte Claude Meisch gestern. Doch sobald auch nur eine einzige Covid-Infektion entdeckt wird, soll eine Art Covid-Check gelten: Ins Schulgebäude würde dann nur gelassen, wer geimpft, genesen oder gestetet ist – Schnelltests sollen dann täglich erfolgen. Schüler/innen, für die nur die Option „Test“ bleibt, die sich aber nicht testen lassen, müssten zuhause bleiben. Claude Meisch geht davon aus, dass das die Ausnahme bleiben wird: Im letzten Schuljahr hätten sich mehr als 90 Prozent der Schüler/innen testen lassen. Falls ein „Infektions-Cluster“ (mehr als drei Fälle) an einer Schule auffällt, sollen PCR-Tests im großen Stil angeboten werden. Diese Tests, sagte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) auf der Pressekonferenz mit Meisch, würden gratis sein. Damit das bloß niemand falsch verstehe.

Ob Schüler/innen und Lehrpersonal damit ausreichend geschützt sind und nicht zu Überträgern der Delta-Variante des Coronavirus werden, muss sich zeigen. Der Bildungsminister setzt darauf, dass bis zur Rentrée neun von zehn Lehrer/innen geimpft sein werden. Von den über 12-jährigen Schüler/innen sei ungefähr die Hälfte voll geimpft – was im Vergleich mit den rund 60 Prozent der Gesamtbevölkerung nicht wenig ist. Und vor allem seit die Covid-Schnelltests breit verfügbar wurden, hat das Sanitärkonzept des Schulministeriums sich bewährt. Lässt die leichter übertragbare Delta-Variante, die vor den Ferien noch nicht dominant war, sich mit Tests und dank geimpfter Schüler/innen und Lehrer/innen im Zaum halten, könnten alle sich auf einen Indian Summer ohne viel Masken freuen.

Doch eigentlich stellt diese Frage sich im Alltag außerhalb der Schulen noch mehr: Epidemiologischen Erkenntnissen nach werden Covid-Infektionen weniger in der Schule übertragen als nach Schulschluss. Und wie die wissenschaftliche Erkenntnislage momentan beschaffen ist, können auch komplett Geimpfte die Delta-Variante weitergeben: Vergangene Woche beispielsweise publizierte eines der profiliertesten Corona-Forschungsteams Europas von der Erasmus-Universität Rotterdam eine Studie, laut der Geimpfte während kurzer Zeit genauso viele Viren ausscheiden können wie Ungeimpfte. Der Unterschied zwischen beiden liege lediglich im Zeitfenster, das bei Geimpften nur einen Tag betrage. Die dann ausgeschiedenen Viren seien nur um 20 Prozent weniger aktiv als die von Ungeimpften ausgeatmeten oder ausgeniesten. Die Rotterdamer Studie ist zwar bisher nur eine Vorabveröffentlichung ohne peer-review, doch sie ist nicht die erste, die in diese Richtung zeigt.

Damit hat die Regierung wohl recht, wenn sie das neue Covid-Gesetz „in der Kontinuität“ lässt, in den Schulen lockert, sich aber offenhält, im Oktober den Covid-Check womöglich auszuweiten. Dahinter steckt natürlich auch politisches Kalkül: Je mehr Menschen sich impfen lassen, umso stärker dürfte die Zustimmung sein, vom Covid-Check vielleicht den Zugang zu Einkaufszentren abhängig zu machen. Und wenngleich in Frankreich gegen den Passe sanitaire noch immer protestiert wird, teilt die Mehrzahl der Menschen dort den Ansatz und die Zahl der Impfungen hat beträchtlich zugenommen. Der Überraschungseffekt einer Ausweitung des Covid-Check hierzulande würde sich damit in Grenzen halten.

Wie schon früher vermeidet die Regierung es, allzu popularitätsgefährdende Maßnahmen zu ergreifen, und bemüht sich um so viel „Normalität“ wie möglich. Die zurzeit noch kleine Zahl Covid-Hospitalisierter gibt ihr dabei recht. Die Einführung einer Impfpflicht für das Personal in Kliniken und Altenheimen dagegen hält offenbar nicht nur die Regierung, sondern halten auch Organisationen wie der Pflegedienstleisterverband Copas und die Pfleger/innenvereinigung Anil für popularitätsgefährdend. Dabei wäre das vermutlich ein wirksamerer Schutz Vulnerabler in Heimen als ein täglicher Schnelltest am Personal vor Arbeitsbeginn.

Peter Feist
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