Die kleine Zeitzeugin

Dieser Tod da

d'Lëtzebuerger Land du 05.11.2021

Tod mal wieder, gähn, alle Jahre wieder, wie das Christkind oder der Osterhase, an die keiner mehr glaubt, nur ich. Wer noch fleuchen oder kreuchen kann, entflieht, entfliegt – Sorry Greta, aber das muss jetzt sein! – an ein Gestade des Lichts. Für die Hinterbliebenen zu später TV-Stunde Interviews aus der Palliativstation oder die neuesten neckischen Einfälle der Sterbeindustrie. Die üblichen betrüblichen Artikel im Feuilletonteil der Zeitungen über das Tabuthema. Dass wir unsere Sterbenden in Krankenhäuser stecken und unsere Toten in Tiefkühltruhen abschieben. Dass wir Deserteur/innen sind und uns totstellen, wenn es ernst wird. Dass wir die Kunst des Sterbens nicht mehr beherrschen und die Kunst des Lebens sowieso nicht, dass wir keine Rituale mehr können und dass das neoliberale Sterben die eiskalte Konsequenz unseres neoliberalen Lebens ist.

Ja, stimmt. Und was sollen wir jetzt machen, was sollen wir sonst mit ihm machen, als ihn zu verdrängen? Er ist ja nicht auszuhalten. Lebenslänglich auf der Flucht vor ihm, lebenslänglich ihn im Gepäck, am Hals, im Nacken, bald wird er dich packen. Lebenslänglich so ein Todesflüchtling, ein Todgeweihter, wie keiner mehr sagt. Eine Todeskandidatin, wie es auf neoliberal heißt, im Wettbewerb, in dem man alles verliert.

Träum nicht, lauf, er ist dir auf den Fersen! Schneller, schneller, du prallst zurück. Das Schwarze Loch. Du bist am Ziel!

Wir können das Hexenkreuz machen oder den Mittelfinger zeigen, oder uns totlachen oder uns in die Hose machen. Wer zuletzt lacht, ist der Totenschädel. Unserer. Wir sind er. Freund Hein, Sensenmann, Gevatter Tod. Oder sie, weiß zwar nicht, ob die mexikanische Santa Muerte tröstlicher ist.

Egal wohin wir fleuchen und kreuchen, er ist immer schon da. Er ist der elektrische Fisch, der uns streift, er ist der Tumor, der reift, wir wissen nicht wo, irgendwo in der Körperlandschaft, incognito, geheim. Er ist der Bissen, der uns im Hals stecken bleibt, wie peinlich, doch nicht so, doch nicht hier! Er ist die Wolke, die über uns lungert, er ist der Wolf, der nach uns hungert. Es gibt wieder Wölfe! Er ist Natur pur. Er ist Bio. Er ist der Kuss voller Viren. Er ist der Mann ohne Maske.

Er steht mitten im Leben.

Zwischendurch sind wir unsterblich, in der Juhu-gend gar Göttinnen. Wir pfeifen auf ihn, er kann uns mal. Er kann uns nichts anhaben. Wir flirten mit ihm, wir sind Grufties, wir kommen uns unheilbar ewig vor. Im mittleren Alter checken wir, dass wir mit ihm verheiratet sind, vielleicht kann man sich arrangieren. Dann wollen wir uns nur noch scheiden lassen. Er ist das Letzte.

Schließlich wird uns, die wir schon richtig lange da sind, immer mulmiger. Die Zeit vergeht auf eine unfaire Art. Immer schneller vergeht sie, während wir immer langsamer werden. Das ist kosmisch unfair, das muss ein Irrtum sein. Aber wo sollen wir uns beschweren, Gott ist anscheinend tot? Der auch noch. Die Zeit läuft, bald ist sie abgelaufen, das Haltbarkeitsdatum ist überschritten. Sie sind nicht mehr haltbar!

Dann haben wir auch noch dauernd Termine. Wegen den Körperbestandteilen. Es gibt so viele Körperbestandteile! Wie sollen wir das alles jetzt noch unter einen Hut bringen? Die Traumreise. Allein zu Fuß durch Kasachstan. Das Werk, es ist immer noch unvollendet. Noch nicht mal begonnen. Es wird superstressig.

Und das Haus. Es zieht im Luftschloss! Es ist schon eine Bruchbude, man muss realistisch werden. Es ist jetzt alles so realistisch. Man muss auf dem Boden bleiben.

Und dann? Unter die Erde? In die Luft? Feuer, tut das nicht weh? Oder sich in ein Kleinod verwandeln, das ein Angehöriger dann am Hals hat? Gibt es ja alles schon, mal die Angebote guggeln! Gibt Top-Angebote.

Wie zeitraubend ist all das.

Wir suchen um Verlängerung an. Noch mal Bewährung bitte. Dass wir noch währen können. Noch mal Asyl. Wir machen alles jetzt gut. Besser. Noch eine Chance. Noch mal mit Alles. Okay, ohne scharf. Okay, ohne süß. Okay, nur light.

Michèle Thoma
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