Die Kleine Zeitzeugin

Bis wieviel geht es?

d'Lëtzebuerger Land du 08.01.2021

frug ich mich einst als Kind bang, als ich zu einem Fußballmatch verschleppt wurde. Ewig konnte diese Einöde doch nicht dauern, ewig gab es ja nur im Himmel oder der Hölle, oder? Irgendwann nahmen diese Toren sicher ein natürliches Ende.

Und jetzt? Bis wieviel geht es? Die stillste Zeit des Jahres ist vorüber, einmal war sie das in echt, gut für Weihnachts-Fundis. So viele stille Nächte! Aber sie hört nicht auf, Leichen schleichen durch die bleiche Zeit, wie lange noch? fragen wir uns bange.

Aah, Luxemburg öffnet wieder, hoffnungssschimmert es in einsame Studios, in denen nur noch ein Bildschirm flimmert, und vielleicht noch ein Vorhof. Wie lange? fragen wir uns bange.

Überall wird emsig experimentiert, während Corona der Schöpfung fleißig muh-tiert. Eine Jahrhundertaufgabe stellt die deutsche Kanzlerin zu Neujahr in Aussicht, was Mensch, allein mit seinem Kater, schon beim Aufwachen erschlägt. Die deutschen Politiker_innen sind quasi geschlossen entschlossen zu schließen. Ritterin Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern, die neuerdings eine blonde Helmfrisur trägt, erwartet fremdes Gesindel gar hoch zu Ross an der Landesgrenze.

Norwegen bietet seinen Bürger_innen eine soziale Neujahrspause an. Die Ösi-Regierung hatte einen Superplan, wer sich „frei testen“ lässt darf frei konsumieren, sich sogar frei bewegen. Sogar mit Menschen. Mit Essen und Trinken, sogar mit warm. Die Opposition opponierte, und jetzt sitzt jede_r allein bzw. mit den Unvermeidbaren und wartet auf die heiligen drei Könige.

Äh hm, nein, die kommen nicht. Niemand kommt mehr. Masturbieren gut vor dem Einschlafen, macht Der Spiegel das Beste draus. Lasst den Kopf nicht hängen! sagt Heng.

Infektionsketten statt Menschenketten! Dr. Drosten stimmt auf eine freudlose nahe Zukunft ein, die länger dauern könnte. Statt hemmungslos katholisch ihre zahlreichen Weihnachtsmenügänge im Kreis der lieben Familie zu verdrücken, hocken polnische Lastwagenfahrer mit einem Sandwich und einem übermüdeten Kollegen am Straßenrand.

Aber zu Weihnachten kommt doch der Impfmessias? Die Message hat sich schon verbreitet, sehnsüchtig harrt Volk seiner Dosis, die Oberarme wagemutig gezückt. Hundertjährige strahlen, Chefärzte setzen sich einen Schuss. Aber wann komm ich dran? Und ich? Und ich? Geduld, jetzt erst mal die Neunundneunzigjährigen.

Her mit dem Stoff! Je weniger Stoff es gibt, desto geiler wird er. Wegen den blöden europäischen Werten haben die Europäer_innen viel zu wenig abgekriegt. Oder den falschen. Als unzuverlässigen Franzosen bezeichnet ein deutscher Kolumnist den Hersteller Sanofi. Sind wir Europäer_innen etwa zu edel für diese Welt? Oder zu dumm? Zu idealistisch ideologisch? Edelmutti Merkel steckt Impf-Schimpfe ein, Impfnationalist_innen treten gegen Impfinternationalist_innen an. Die Fronten und Begriffe geraten durcheinander. Die, die sich besonders national gebärdeten, witterten doch eben noch Impfdiktatur und fühlten sich als neue Juden? Während Israel pragmatisch losstartet und zu den Impfstars gehört.

Aber es gibt auch Schönes. Pünktlich zu Weihnachten erscheint uns das ebenmäßige wirkende Antlitz unseres Regenten. Er wirkt als sei er weit weg, dabei ist es nur Bizarritz. Er spricht von der schweren Zeit, in der wir uns befinden und legt uns Solidarität und einen nachhaltigen Lebensstil ans Herz. Die Pflegekräfte lobt er in Französisch. Wir sollen unsern Kopf nicht hängen lassen, sagt er. Er sagt, seine Großmutter hätte das auch schon gesagt.

In Luxemburg liegt Schnee. Die Luxemburger_innen suchen das eigene Land heim, auf dem der Schnee liegt, verzückt flitzen sie auf dem Schlitten die heimischen Hügel herunter, es muss nicht immer St. Moritz sein, wird weise gepostet.

Tintin der Erste richtet das Wort zum Neuen Jahr an seine Landsleute. Er trägt einen flotten Schal und schaut so rundum zufrieden aus, als würde er gleich los schnurren. Er sagt nichts Umwerfendes, aber wir wollen ja sowieso stabilisiert werden. Auch sein Herr Gemahl findet ein paar passende Worte. Großherzog Jean wäre 100 geworden..

Michèle Thoma
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