Die kleine Zeitzeugin

Katzenfotos posten

d'Lëtzebuerger Land vom 12.11.2021

Ich werde jetzt Katzenfotos posten. Hunde mit Hut. Und ohne. Goldenen Herbst, all das, Balsam für die Seele, werde likes einheimsen, Balsam für die Seele. Nichts mehr zu Corona! Nichts mehr zu Corona! Gelübde. Das C-Wort meiden. Nichts virologisch Unqualifiziertes von mir geben, keinen Aufschrei mehr, wenn wieder ein Geh! kommt. Oder ein Geh! geht. Nichts mehr so Unrecherchiertes, bevor ich nicht sämtliche Studien eigenäugig überprüft hab. RKI, WHO, u.a., gelesen und gegengelesen, und dann natürlich die allerletzte, die die letzten wieder über den Haufen wirft. Bevor ich nicht mindestens ein virologisches Studium absolviert habe, Schwerpunkt SARS-CoV-2, im Besonderen im Hinblick auf bestehende und bevorstehende Mutationen, oder eine virologische Abteilung in einer renommierten Klinik geleitet hab.

Weil sonst bin ich bald ganz allein. Zumindest auf Facebook Äddi! sagen gute Freund*innen, schon ist man gelöscht. Ausgelöscht. Gerade von denen, die immer die besten Ideen haben, solche wie meine, was eine ja am meisten freut, gemütliches Blubbern im eigenen Bläschen. Ab und zu ein paar Rüffel und Rügen, wenn wer ausschert, zum Beispiel mal ein gutes Wort für alte graue Männer einlegt was nicht gut ankommt, oder Verräterin Wagenknecht postet. Aber sonst sind alle mehr oder weniger für das was ich auch bin, also natürlich für das Gute. Jetzt sind das plötzlich die Gnadenlosesten.

Zwingen! Strafen! posten plötzlich Menschen, die ich für friedlich und humorvoll hielt. Manch einer schwingt sich gar zum Scharfrichter auf. Schwuppsdiwupp schon bin ich eine Schwurblerin. Eine Populistin gar, wow, das ist ja eine die das Volk verführt, klingt verführerisch, ich bin geschmeichelt. Dass man mir das zutraut! Wo ich null Ahnung habe, wie man so ein Volk verführt, und wohin.

Ich war natürlich total blöd. Ich habe impfen gepostet. Impfen geht gar nicht. D.h. Impfen geht schon. Aber nur unter der Voraussetzung, dass man das tut, das getan hat, oder, wenn noch nicht, unter großer Zerknirschung und der Auflistung sämtlicher Be- und Verhinderungen, die eine in diese Outlaw-Position gebracht haben, ankündigt, Solches ehe baldigst hinter sich zu bringen. Am besten ein totales Outing, alle Wehwehchen, OP-chen, alle verhaltensauffälligen Körperbestandteile auflisten, und dann die Psyche. Schwerer Fall von Impf- Prokrastination. Hypochondrie. Zwanghafte Selbstbeobachtung. Dazwischen, bei Schönwetter, Phasen von Verdrängung und Wirklichkeitsverleugnung. Ich werde auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Nur Gebrechen, kein Verbrechen!

Vielleicht lassen sie dann Milde walten, unter den FB-Freund*innen gibt es ja auch ein paar wenige, die sogar einer UnGeimpften noch versöhnlich, beinahe christlich begegnen. Sie sind pädagogisch bemüht, klären auf und erklären, und schicken Aufklärungsmaterial. Damit man nicht so eine Angst vor Bill Gates hat, und dass wir alle auf dem Chip-Trip sind. Exakte Daten, ganze Datenbänke oder so was, scheint etwas komplex zu sein. Gut, als UnGeimpfte hat man derzeit ja relativ viel Zeit.

Ungeimpft darf man natürlich auch schreiben, aber nur wenn es die andern betrifft. Diese unmöglichen UnMenschen. Nein! Ich bin keine Leugnerin! Ich glaube an Corona! poste ich. Das ist ja das Problem. Sonst würde ich ja selig mit all den fröhlichen Eingeweihten und Immunprotzen durch die Straßen ziehen und nicht nur Bäume umarmen.

Warum ich das Glauben so betone? So leicht kann ich mich nicht aus der Affäre ziehen, ich habe so verdammt intelligente FB-Freund*innen, es wird immer zermürbender. Aber immerhin kommunizieren sie noch, statt nur zu exkommunizieren. Huch, schon wieder religiös!

Gottseidank habe ich aber jetzt aber neue Freund*innen. Ganz plötzlich, sie sind total interessant. Spannend, sagt man heute. Sie liken mich, was ich sehr like, und schicken mir supergeheime Geheimnisse. Lauter Enthüllungen. Wann zum Beispiel pünktlich die Welt untergeht, und wie wir noch vorher umgebracht werden, sie kennen den Plan. Sie wissen Dinge, von denen meine gescheiten Freund*innen nicht mal träumen können.

Michèle Thoma
© 2021 d’Lëtzebuerger Land