Die Direktorin des Cepas, Nathalie Keipes, über die Resilienz der Jugend, elterlichen Kontrollzwang und Social Media

„Was heute passiert, ist absolut unethisch“

Nathalie Keipes vergangene Woche in  ihrem Büro
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 06.03.2026

D’Land: Sie sind nun seit sieben Jahren Direktorin des Centre psycho-social et d’accompagnement scolaires (Cepas), dem schulpsychologischen Dienst der Sekundarschulen. Sie haben demnach Einblick in das Wohlbefinden der Jugendlichen. Wie geht es ihnen denn?

Nathalie Keipes: Tendenziell sucht man den Vergleich mit der Vergangenheit. Heute haben die Jugendlichen eine Menge Herausforderungen. Sie leben in einer Welt mit sehr vielen Möglichkeiten, die ihnen in voller Bandbreite in der digitalen Welt gezeigt werden. Ihre Welt hat sich vergrößert. Es handelt sich nicht mehr nur um die Eltern, das Dorf und die Schule. Das war klein und übersichtlich, normierender und weniger kompliziert. Insbesondere für die soziale Identitätsbildung, nicht nur für die psychologische, war es einfacher. Wir sind heute weit davon entfernt. Sie stehen unter Druck, sie leben in diesem Kontext, und müssen trotzdem all das machen, was auch vorher von ihnen verlangt wurde: die Schule meistern, sich ein Lebensprojekt aussuchen, eine Partnerschaft aufbauen, später die berufliche Perspektive und Familiengründung angehen. Die menschlichen Bedürfnisse haben sich dahingehend ja nicht verändert. In Studien wie der Health behaviour in school aged children (HBSC) sehen wir schon, dass die mentale Gesundheit mehr belastet ist, und dass seelische Probleme bei den Elf- bis 18-Jährigen zunehmen. Das ist repräsentativ, in Luxemburg haben etwa 8 500 Schüler/innen mitgemacht.

Was ist die soziale Rolle des Sepas?

In den 40 Sekundarschulen arbeiten in den Service psycho-social et d’accompagnement scolaires (Sepas) und den Services socio-éducatifs (SSE) rund 400 Psychologen, Sozialarbeiter/innen und Pädagogen. Die Sozialarbeiter kümmern sich um finanzielle Themen, begleiten Eltern und Schüler und bieten Hilfestellung. Unter anderem auch bei der Integration von geflüchteten Jugendlichen, die gerade ins Land gekommen sind.

Vor zwei Jahren meinten Sie, Angst sei das Hauptthema jener, die zu Ihnen kommen. Ist das immer noch so? Und inwiefern ist „Weltangst“, also Angst vor Krieg oder Eco-Anxiety Thema in den Gesprächen?

In unserem eigenen Beratungszentrum, dem Centre de consultation pour Jeunes et Familles (CCJF) des Cepas, wo 15 Psycholog/innen arbeiten, schon. In der Schule lässt sich eine ähnliche Tendenz beobachten. Stress, sei es Schulstress oder in der Familie, ist der Hauptgrund für den Besuch. Wir haben derzeit noch keine konkrete Statistik, wie viele Schüler sich aus welchem Grund in den Sekundarschulen ans Sepas wenden – aber das ist in der Mache. Dadurch werden wir in etwa einem Jahr sagen können, wieviel Schüler etwa wegen Symptome einer Depression das Gespräch suchen. Das zweite Thema ist Gewalt und Mobbing. Eco-Anxiety oder Weltangst sehen wir weniger. Ins Centre de consultation des Cepas kamen junge Menschen früher eher bei Liebeskummer und Streit mit Freunden. Heute fällt den Therapeuten auf, dass die Prekarität zugenommen hat: die Wohnungsprobleme, die Armut. Manche haben weniger feste Bezugspersonen in dieser loser gewordenen Welt. Zur psychologischen Verletzlichkeit gesellt sich die soziale. Das führt zu einer gewissen Verlorenheit.

Die Jugendlichen sollen sich an das Sepas der Schule wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Sie haben angedeutet, es müsse in beide Richtungen funktionieren. Das heißt, dass das Lehrpersonal besser erkennt, wenn etwas nicht stimmt. Funktioniert das mittlerweile so?

Es soll und muss in beide Richtungen funktionieren. Dass unsere Service psycho-social et d’accompagnement scolaire (Sepas) in den Sekundarschulen sind, ist schon mal gut. Viele Projekte wachsen dann über das Angebot des Sepas hinaus und werden von den Lehrkräften der Schule übernommen. Ein wichtiges Projekt ist der Ersthilfe-Kurse in mentaler Gesundheit. Das ist eine zweitägige Weiterbildung für die Lehrer/innen, wo sie lernen, auf das psychische Wohlergehen der Schüler einzugehen und adäquat auf eventuelle Probleme zu reagieren, ohne Angst auf die jungen Menschen zuzugehen und sie anzusprechen, wenn sie das Gefühl haben dem Jugendlichen geht es nicht gut. Das Feedback ist positiv, das Lehrpersonal hat das Gefühl, dass sie nichts falschmachen, wenn sie nachfragen. Allein um eine positive Klassendynamik zu gestalten, ist das wichtig. Es gibt circa 6 000 Sekundarschullehrer/innen, fast 1 000 waren bis jetzt in der Weiterbildung. All jene, die zukünftig den Stage machen, werden ab dem Schuljahr 2026-2027 automatisch darin geschult. Um andere zu unterstützen, braucht man auch selber Zugang zur eigenen seelischen Gesundheit. All dies machen wir, um aus dem Sepas mehr als eine „Komm-Struktur“ zu machen. Man muss auch auf die Schüler zugehen.

Sind Teenager heute weniger resilient? Wenn ja, weshalb?

Ich würde sagen Ja, aber ich würde es im Anschluss auch relativieren, weil das so wirkt, als würden wir den Jugendlichen Kompetenzen absprechen. Als würden wir selber alles so tapfer aushalten! Es ist eine Diskussion über Generationen, über Generation Z und A. Es gibt zwei Faktoren: Einerseits die Helikopter-Erziehung und das Curling, wo wir den Kindern alle Steine bereits im Vorfeld aus dem Weg räumen. Ich denke, die Jugendlichen sollten lernen, mit Herausforderungen und schwierigen Situationen umzugehen, die nicht immer nach Plan verlaufen, und lernen selber Strategien zu entwickeln, um ihre Herausforderungen gut bewältigen zu können. Wenn Kinder öfter ängstlich reagieren, sagt die Forschung uns auch, dass das auf einen Erziehungsstil zurückzuführen ist, der wenig Verantwortung ans Kind abgibt. Für seine Entwicklung ist das nicht immer vorteilhaft. Anderseits spielen die sozialen Medien eine Rolle: Ich denke, das ist eine Welt, die die Jugendlichen schwächt. Es handelt sich dabei um ein sanitäres Problem, das von den Akteuren der Gesundheitspolitik bisher noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Die Sucht nach Social Media ist noch nicht Teil der internationalen diagnostischen Klassifizierung der psychischen Krankheiten. Dabei ist es wie eine Sucht nach Alkohol, Cannabis oder Tabak – mit den entsprechenden physischen, psychischen und kognitiven Konsequenzen.

Eltern sind heute völlig anders gefordert. Vor allem, was den digitalen Raum angeht, müssen sie wesentlich mehr Orientierung geben als früher.

Viele Eltern sind selbst noch unsicher. Früher in den Märchen wusste man, im Wald können Gauner und Tiere gefährlich sein. Die Gefahren der sozialen Medien sind viel weniger klar. Wir befinden uns in einer Anfangsphase der Bewusstseinswerdung. Fast alle Eltern raten ihren Kindern, vorsichtig zu sein, nur manchmal ist unklar, in welcher Hinsicht. Wenn wir Erwachsene es selbst nicht wissen, sind wir kaum glaubwürdig. Die „Hygienemaßnahmen“, wie es sie in der Pandemie gab, sind für Social Media noch nicht ausreichend identifiziert und konkretisiert. Wir brauchen eine „parentalité numérique“. Einfach ist das nicht, denn die Erwachsenen nutzen die Plattformen ja auch.

Manche greifen zu Kontrollmechanismen wie digitaler Überwachung. Dieser Markt boomt. Für die Autonomieförderung eines Jugendlichen kann das kaum hilfreich sein.

Die starke Sorge mancher Eltern kann zu übermäßigem Kontrollverhalten führen. Dieser wiederum bringt die Jugendlichen in die Situation, dass er oder sie immer weiß, dass jemand da ist, wenn etwas passiert. Sie kommen nicht in eine Situation, wo sie eigenständig und selbst ihre Ressourcen aktivieren müssen. Die Tracking-Apps gehen in diese Richtung. Extreme elterliche Kontrolle ist nicht förderlich für das Selbstvertrauen der Jugendlichen, die Elternrolle wird falsch verstanden. Doch möglicherweise fühlen sich die Eltern hier manchmal verloren.

Haben die Jugendlichen die Selbstwirksamkeit verlernt?

Haben sie die Ressourcen und die Widerstandsfähigkeit, um mit den Problemen klar zu kommen, die auf jeden von uns im Leben zukommen? Im Jugendalter lernt das Gehirn. Wir lernen beispielsweise im Projekt Digital Wellbeing an Luxemburger Pilotschulen wie wir „gesund“ auf Social Media unterwegs sein können und wie wir selbst ethische Social-Media-Inhalte produzieren. Ein wichtiger Aspekt ist auch: Wie halte ich Langeweile aus? Wie ein Problem? Schon vor acht Jahren sagten drei vun zehn Schülern in der HBSC Studie, sie würden Social Media nutzen, um vor negativen Gefühlen zu flüchten. Nicht, sie zuzulassen, sie zu fühlen, und zu erleben, sondern sich soweit abzulenken, dass die Gefühle ausgeblendet werden und einfach nicht existieren. So kann sich keine Selbstwirksamkeit bilden. Es geht darum, Achtsamkeit für diese Mechanismen zu entwickeln. Zu merken, wenn ich das Problem bewusst angehe, wenn ich mich der Realität stelle, wenn ich mich mit einer realen Person austausche, dann geht es schon irgendwie, dann kann ich die Kompetenzen aufbringen mit der Situation umzugehen und so aktiv Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Mittlerweile tauschen sich Teenager vermehrt mit KI-Chatbots aus.

Der stärkste Resilienzfaktor sind gute Beziehungen zur Familie und zu Freunden. Das sind auch die ersten, die mobilisiert werden, wenn es um Problemlösung geht, wenn es brenzlig wird, nicht die KI. Das wird sich nicht verändern, der Mensch funktioniert so. Ich finde es schlimm, zu glauben, dass die KI ein Freund sein kann. Echte Freunde kann man nicht ersetzen.

Im Le Monde berichteten vor Kurzem Jugendpsychiater, dass fast alle Patient/innen bereits mit der KI gechattet hatten.

Zu den Schulpsychologen kommen hier mittlerweile auch Jugendliche, die eine verhaltenstherapeutische Begleitung erfragen, weil die KI ihnen erklärt habe, sie hätten diese oder jene Problematik. Das Problem dabei ist: Der Schüler stellt der KI die Frage. In einer Therapie stellt der Psychologe die Fragen. Er oder sie erfühlt Dinge, die eine Maschine nicht wahrnehmen kann. Für eine simple Information kann KI behilflich sein. Doch sich da emotional völlig zu investieren, geht in die falsche Richtung. Im letzten Radar von BeeSecure geben 22 Prozent der Jugendlichen an, bei manchen Themen sei die KI ihr „confident exclusif“. Bei bestimmten Problemen trauen sie sich nicht mehr, mit realen Personen zu sprechen.

Was kann eine Schule leisten, wenn es um das psychische Wohlbefinden der Schüler geht?

Wenn die Schule in erster Linie ein Ort der Kompetenzvermittlung ist, dann geht es aber auch darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem die jungen Menschen sich wohlfühlen und alles aus sich herausholen: savoir faire, savoir vivre, savoir être. Im Gesetz zur Sekundarschule steht eben auch als Aufgabe der Sepas und SSE, sich um das Wohlbefinden zu kümmern und Prävention zu leisten, aber auch bei Problemen einzugreifen, sei es Drogen, Soziale Medien oder mentale Gesundheit, Sexualität oder Gewalt. Die Schule von heute hat diesen Auftrag.

Welche Faktoren können eine Schulphobie begünstigen?

Sie hat oft nur bedingt mit der Schule zu tun. Wenn jemand zuhause bleiben will, kann das aufgrund von Konflikten zuhause der Fall sein. Vielleicht ist der Schüler in Unsicherheit oder Angst gefangen, die auch mit seinem Umfeld zu tun haben können. In seltenen Fällen ist es wegen Streitigkeiten in der Schule. Wie die Eltern das Ganze handhaben, spielt eine große Rolle. Es gibt auch Fälle, in denen sich Kinder nicht konzentrieren können, Angst vorm Scheitern haben. Das kann entweder ein psychiatrisches Problem sein, dann kann der Arzt den Schüler krankschreiben. In manchen Klassen ist es aber auch einfach lauter. Die Autorität, wie sie Lehrkräfte früher hatten, ist nicht mehr die gleiche. Auch deshalb muss das Lehrpersonal in Beziehung mit den Schülern treten, um eine Klassendynamik zu schaffen, in der sie lehren können. Vielleicht sollte manchmal erst mal eine Meditation gemacht werden. Der Psychologie-Professor Thomas Villemonteix kommt am 16. März nach Luxemburg, um uns wissenschaftliche Daten zur Förderung der sozio-emotionalen Kompetenzen vorzustellen, auch im Rahmen der Auswirkung von Achtsamkeitstraining auf das Gewaltverhalten in der Klasse.

Mobbing ist den Daten nach vor allem zwischen elf und 14 Jahren ein Problem. Wie sieht die Prävention dort aus?

In unserem Anti-Mobbing Projekt Bientraitance à l’école stellen wir gerade fest, dass es auch die Schulverweise reduziert. Wenn man sich um alle kümmert, dem Lehrpersonal Empfehlungen gibt, wie an sozio-emotionalen Kompetenzen gearbeitet werden kann, wenn es eine justice réparatrice gibt, wo man also nicht sofort einen Conseil de discipline, sondern einen Conseil de citoyenneté anwendet, dann lernt der Täter was er tun kann, um den Fehler wieder gutzumachen. Und dann verändert sich die Kultur. Der Einzelne übernimmt Verantwortung. Die Menschen sind heute nicht gewalttätiger als früher, doch das Netz ist eine Resonanzkiste, die solches Verhalten sichtbarer macht. Ende des Jahres kommt der PAN, der Plan d’Action national contre le harcèlement scolaire, deren Vorbereitungsarbeiten wir gerade koordinieren. Dort wird es um Dinge wie Empathie gehen, Zuhören, Respekt, Toleranz. Was die Intervention angeht, haben wir bereits Schutzbeauftragte in den Sekundarschulen. Die Grundschulen sollen sie ebenfalls bekommen.

Was genau ist ihr Auftrag?

Sie sind Experte dafür, Opfer zu beraten, wie sie am besten mit Gewaltsituationen umgehen. Sie bilden weiter. Es handelt sich meist um Sozialarbeiter, die sich mit dem legalen Rahmenwerk auskennen. Nicht immer wissen Lehrkräfte, wann sie ein signalement machen müssen. Manche denken etwa schon, wenn die Brotkiste fehlt. Die Schutzbeauftragten unterstützen bei diesen Entscheidungen.

Wie handhabt die Schule das Mobbing, das im Netz passiert, aber die Schulgemeinschaft tangiert?

Alles, was einen negativen Impakt auf das Wohlergehen der Akteure der Schulgemeinschaft und somit der Schüler hat, muss angegangen werden. Dann muss auf Schulebene gehandelt werden, egal ob es im Pausenhof oder im Netz stattfindet. Wir sind jedoch keine Polizei, sondern eine Schule. Wir müssen zuhören, aufmerksam sein und können etwas melden. Doch es gibt hier auch klare Grenzen bei der Verantwortung der Schule.

Kürzlich erklärte die médiatrice scolaire Marguerite Krier, Schulabbrüche aufgrund von psychischen Problemen beunruhigten sie am meisten. Dahingehend wird die Schulpflicht bis 18, die ab September 2026 in Kraft tritt, wenig bringen.

Das stimmt, das allein nicht. Das Ziel ist, gezielt die Demotivierung und den Mangel an Verantwortungsübernahme unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, was wir mit den Jugendlichen entwickeln, wie sie diese zusätzlichen zwei Jahre für sich kapitalisieren können. Derzeit wird an solchen Strategien gearbeitet: Pädagogische Programme, neue Klassen, der Ausbau der Integrationszentren, alternative Beschulungsmodelle. Danach muss das Ganze evaluiert werden. Es geht um heute circa 800 16- und 17-jährige Schulabbrecher pro Jahr, die von diesen neuen Maßnahmen profitieren werden.

Eine Studie der Psychologin Lucy Foulkes, die an der Oxford University forscht, deutet darauf hin, dass ein zu starkes Thematisieren von mentalen Krankheiten mit jungen Menschen einen negativen Effekt haben kann. Mentale Gesundheit ist ein großes Thema geworden, es steht im Rahmen des neuen Lehrplans nun auch in der Grundschule auf dem Programm. Wieviel Sensibilisierung ergibt Sinn und in welcher Form?

Wenn wir einer Lehrkraft die Aufgabe geben, über mentale Gesundheit zu sprechen, müssen wir darauf achten, ihre Rolle zu respektieren. Eine Lehrkraft ist kein Psychologe, kein Arzt. Er kann keine Diagnose stellen oder beurteilen, ob jemand eine Depression, Angst- oder Essstörung hat. Wenn wir in der Schule über seelisches Wohlbefinden sprechen, geht es in erster Linie um die Vermittlung von sozio-emotionalen Kompetenzen: Emotionsregulierung, Empathiebildung, Aktives Zuhören – das bildet die Basis für ein positives Klassenklima und seelisches Wohlbefinden. Im Rahmen der Weiterbildungen werden Angebote geschaffen, die den Lehrkräften diese Rolle vermehrt vermitteln.

Konkret hat Lucy Foulkes herausgefunden, dass Jugendliche, die etwa viel über Angststörungen und Depressionen hörten, plötzlich „normale“ Emotionsschwankungen pathologisiert haben.

Ja, das kann sich so entwickeln. Deswegen ist es wichtig den Unterschied zu machen zwischen einer Pathologie und generellen Verstimmungen, wie sie im Jugendalter auftreten. Im Rahmen der Erstehilfe-Kurse in mentaler Gesundheit, bekommen die Lehrkräfte einen Mini Crashkurs der Top Zehn der Psychopathologien. Doch es geht nicht darum, über diese Krankheiten mit den Jugendlichen zu diskutieren. Es geht darum, ihre Erscheinungsbilder grob zu kennen und der eigenen Beobachtung nach zu urteilen, wie man den Schüler auf sein Wohlergehen ansprechen kann und wie man ihn weiterleiten kann an das Sepas der Schule oder eine andere externe Stelle.

Wie blicken Sie auf ein mögliches Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige?

Das ist top! Ich weiß nicht, wie schnell das auf EU-Ebene bestimmt wird, und wie bald eine Einigung zwischen den Ländern zu erwarten ist. Ich denke, wenn es nicht schnell genug geht, müssen die Länder Verantwortung übernehmen. Es braucht klare Richtlinien für die Anbieter. Sie müssen sich am Schutz der User orientieren und an Kriterien der öffentlichen Gesundheit. Es handelt sich um ein sanitäres Problem. Ziel sollte es sein, Richtlinien zu schaffen, die die Autonomie der Nutzer fördern und gleichzeitig den Einsatz von Algorithmen und Notifications einschränken. Die gibt es heute nicht, derzeit ist es Manipulation der Menschen. Das ist absolut unethisch.

Das Cepas untersteht dem Bildungsministerium. Genossen Sie genug Autonomie?

Das Cepas konnte sich in den letzten Jahren sehr gut entwickeln. Ich habe in den vergangenen sieben Jahren 20 neue Mitarbeiter rekrutieren können. Wir haben sehr viel Unterstützung bekommen, die Schulpsychologie kommt im Bildungsministerium nicht zu kurz. Durch meinen Background in der Jugendarbeit habe ich die Pädagogen mehr eingebunden, wir haben die Prävention gestärkt. In der Pandemie hatte das Thema Hochkonjunktur. Und wir unterstützen das gesamte Schulpersonal, auch die Direktoren, mit dem Handwerkszeug, das sie brauchen. Dabei hat das Ministerium uns gut geholfen.

Das klingt sehr dankbar. Warum bleiben Sie denn dann nicht, sondern wechseln zur Justiz?

Hier wäre ich der Kontinuität wegen geblieben. Ich habe aber Lust auf etwas Neues, und mag es, wenn ich die Ärme hochkrempeln kann und es noch viel zu tun gibt. Das ist im Service central d’assistance sociale (SCAS) mit allen aktuellen Projekten und Reformen der Fall.

Wechsel

Nathalie Keipes ist Direktorin des Centre psycho-social et d’accompagnement scolaires (Cepas). Nach einem Bachelor in Sozialarbeit sowie einem Master in Soziologie in Brüssel arbeitete sie zwei Jahre lang für den Cercle de coopération des ONG, bevor sie ins Familienministerium wechselte. Von 2009 bis 2019 war sie im Service Jeunesse des Bildungsministeriums tätig, ab 2016 leitete sie die Abteilung. Zum 11. März wechselt sie ins Service central d’assistance sociale (Scas) der Justiz. Dort wird sie stellvertretende Direktorin und unter anderem die Einführung des Jugendstrafrechts begleiten. 

Sarah Pepin
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