Während das Düdelinger CNA von Stillstand und Konflikten geprägt ist, erwacht die hauptstädtische Photothèque aus dem analogen Dornröschenschlaf – Ein Lichtblick

„Ein demokratisches Medium“

d'Lëtzebuerger Land du 13.03.2026

Mitten im Labyrinth der Regale der Photothèque wirkt Gaby Sonnabend ein wenig verlegen, als unser Fotograf sie entdeckt. Seit 2022 leitet die quirlige Oberfränkin das Archiv, das die visuelle Geschichte der Stadt Luxemburg bewahrt und gleichzeitig versucht, den Sprung ins digitale Zeitalter zu meistern – bei knappen Mitteln und hohen Ansprüchen. „Das ist der Rezeptionsbereich, also auch der Kundenbereich“, erklärt die Direktorin. „Hier können Leute sitzen, in unseren Beständen recherchieren und die Findmittel durchschauen.“ Seit 1992 ist die Photothèque in der Zessinger Gewerbezone angesiedelt. Das Interieur mit seinem industriell inspirierten Stil hat sich seitdem kaum verändert. Schlichte und praktische Möbel, passend zum nüchternen und effizienten Design der Zeit.

Dass das postmoderne Gebäude mit Trapezblechdach und Rasterdeckenleuchten ursprünglich ein Möbelgeschäft beherbergte, störte damals niemanden. Man freute sich über 1 000 Quadratmeter Arbeitsfläche. Ende der 1970er Jahre übertrug die Stadt Luxemburg mangels Alternativen ihre Kunstsammlung an Letzteren. Gleichzeitig kamen rund 30 000 Fotos in die Neipperg-Straße, wo man seit jeher auf das Auge setzte… und die Buchbinder ihr Depot unterhielten. Im Untergeschoss befand sich eine Dunkelkammer mit Laminierwerkstatt, Vergrößerungs- und Reproduktionsgeräten. Dort, im früheren Polizeikommissariat, reifte auch bei Leiter Jean-Pierre Fiedler die Idee, eine separate Fotothek aufzubauen. Im März 1984 war es dann so weit. Den Anfangsfundus bildeten die Nachlässe von Bernard Wolff, Batty Fischer und Edward Steichen. Die Präsentation orientierte sich am Centre Pompidou in Paris, während man von der Documentation française das Klassifizierungssystem übernahm.

1986 fand die erste Ausstellung im Cercle statt, kamen nach Absprache mit der großherzoglichen Familie 2 000 „plaques anciennes“ von Édouard Kutter in die Neipperg-Straße. 1989 folgte der Bestand von Sohn Édouard Kutter Jr.: rund 200 000 Werke. 1994 verfügte man über 700 000 Bilder, von denen 45 000 einsehbar waren. Irgendwann wussten die Buchbinder nicht mehr wohin mit den ganzen Fotos. Dann hat die Stadt Luxemburg das Gebäude in der Rue Eugène Ruppert erworben: „L’idée était née de regrouper dans ce vaste immeuble non seulement la photothèque et le service de la reliure, mais également la cinémathèque municipale afin de créer ainsi une médiathèque fonctionnelle, bien située à la périphérie de la ville“, erinnert sich Fiedler als ihr erster Direktor in Ons Stad. Die Lage ist weniger vorteilhaft im Jahre 2026. Die Tram hält auf Cloche d’Or, mit dem Bus bzw. zu Fuß sind es dann nochmal zehn bis 15 Minuten bis zum Archiv. Hier parken gerät zum Abenteuer.

Mittlerweile ist die Photothèque aber auch in einer ähnlichen Situation angelangt, wie bereits vor ihrer Übersiedlung: Das Gebäude platzt aus allen Nähten. Sieben Millionen Bilder umfasst das Archiv inzwischen, unter anderem von Pol Aschman, Pierre Bertogne, Vic Fischbach, Tessy Hansen, Jochen Herling, Tony Krier, Marcel Schroeder, Jean Weyrich… Gleichzeitig verändert die Digitalisierung die Rolle solcher Institutionen. Früher bedeutete Archivarbeit fast zwangsläufig einen physischen Besuch vor Ort. Heute erwarten viele Nutzerinnen und Nutzer, dass Bilder online verfügbar sind. Über einen eigenen Internetauftritt verfügt die Photothèque bis dato nicht. „Ein Teil des Archivs ist digitalisiert und über unsere Computer zugänglich“, sagt Sonnabend, „aber bei weitem noch nicht alles“. Viele digitale Bestände seien inzwischen veraltet, weil sich die Technik in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat. Eine weitverbreitete Meinung sei zudem, dass Originale nach der Digitalisierung überflüssig seien. Doch nur die Konservierung der Originale sichere langfristig ihre historischen, fotografischen und wissenschaftlichen Informationen. Unter Sonnabend bemüht sich die Photothèque jedenfalls um Einhaltung internationaler Standards und setzt auf interne Weiterbildung. Beratung holt man sich dafür nach wie vor bei den Franzosen. Unterschiedliche fotografische Verfahren haben beispielsweise unterschiedliche chemische Bestandteile. Für Abzüge eignen sich Polyesterhüllen. Negative aus Nitratcellulose müssen in Pergaminhüllen, weil Nitrat instabil ist und Gase freisetzt.

Sonnabend hat ein Highlight vorbereitet: das älteste bekannte Foto aus Luxemburg, das die Pulvermühle um etwa 1855 zeigt. Ein stereoskopisches Foto, vor allem Mitte des 19. Jahrhunderts beliebt, da sie durch leicht unterschiedliche Objektivwinkel eine 3D-Wirkung erzeugen. Daneben: frühe Autochrome Batty Fischers – die ersten kommerziell nutzbaren Farbfotografien, ab 1907 von den Lumière-Brüdern entwickelt. Die Photothèque besitzt den größten bekannten Bestand in Luxemburg. Stillleben, Naturaufnahmen, Sonnenuntergänge. Aufnahmen von sagenhafter Schönheit und Frische – als seien sie vor wenigen Jahren entstanden. Nur, dass die Menschen darauf ganz anders gekleidet sind als heute, Gebäude fehlen und die Fotos insgesamt noch die Landschaftsmalerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts atmen.

Trotzdem: Auch personell ist die Photothèque nicht optimal aufgestellt. Seit 2025 empfängt man nurmehr nach Terminvereinbarung. Die großen Nachlässe wurden als Einheit digitalisiert und nach und nach in der Datenbank erfasst. Insgesamt drei Millionen Bilder. Doch Digitalisierung ist kein schneller Prozess, sondern eine langfristige Arbeit: Jedes Bild muss gescannt, beschrieben, datiert und in eine Datenbank eingeordnet werden. Erst dann kann es überhaupt gefunden werden. Einen einheitlichen Batty-Fischer-Fond beispielsweise gibt es so nicht. Da die Bestände nach und nach über Schenkungen ans Archiv kamen, sind sie auf den ganzen Bestand verstreut. Fischers Fotos aus dem Ausland sind bis heute nicht erschlossen. Dies hängt jedoch auch mit der bisherigen Ausrichtung der Photothèque zusammen, die sich darauf beschränkte, nur stadtgeschichtlich Relevantes zu präsentieren. Vieles wurde daher noch nie aufgearbeitet. Wer sich beispielsweise von Batty Fischer einen Eindruck machen will, muss sich mit vergriffenen Schwarzweiß-Bänden aus den Siebziger Jahren begnügen. Immerhin hat die Photothèque während der Gartenschau vergangenes Jahr einige dieser Autochrome ausgestellt (d‘Land, 12.09.2025).

Eine Schließung des Archivs à la CNA kommt für Sonnabend jedenfalls nicht in Frage. Auch wenn das mit Einbußen verbunden ist. „Der Sinn eines Archivs ist es, Dinge zu konservieren. 80 bis 90 Prozent der Bestände werden im Depot aufbewahrt, nur ein kleiner Teil wird ausgestellt. Das ist normal“, stellt Sonnabend klar. Immerhin findet jeden Sommer die traditionelle Expo im Ratskeller statt, so 2024 und 2025 die mit Christian Aschman kuratierten Ausstellungen Put it on! Le Luxembourg s’habille und Nature, captured and framed. Mit dem früheren Modefotografen und Neffen von Pol Aschman hat sich Gaby Sonnabend einen Profi ins Haus geholt, der die Bestände der Sammlung von einer rein dokumentarischen Sicht hin zu ihrer künstlerischen Dimension führen könnte. Die Photothèque beweist damit, dass es anders geht: Schutz der Materialität, systematische Erschließung und gleichzeitig zugängliche, öffentliche Nutzung sind möglich – ein Balanceakt zwischen Bewahrung, Erfahrung und Partizipation.

Ihre persönliche Zukunftsvision hatte Sonnabend 2024, anlässlich des vierzigsten Bestehens der Photothèque in Ons Stad formuliert: Die Institution soll sich von einem reinen Archiv zu einer offenen, digitalen und bildungspolitisch wichtigen Einrichtung entwickeln. Angesichts der täglichen Bilderflut sieht Sonnabend die Aufgabe der Fotothek nicht nur im Bewahren historischer Fotografien, sondern auch darin, deren Bedeutung zu vermitteln und Orientierung im Umgang mit Bildern zu geben. Dabei sei auf stärkere Digitalisierung zu setzen, eine breitere öffentliche Zugänglichkeit – etwa über Online-Plattformen – sowie auf Ausstellungen und Publikationen. In einer Zeit von „Fake News“ und manipulierten Bildern sieht Sonnabend darin auch eine wichtige Bildungsaufgabe für die Zukunft.

Neben dem nationalen Erbe geht es tatsächlich auch um neue Formen der Öffentlichkeit. Die Nationalbibliothek macht es seit Jahren vor: Noch vor zwei Wochen gingen unfassbare 4 000 Veröffentlichungen online. Direktor Claude D. Conter ist Literaturwissenschaftler. Gaby Sonnabend von Haus aus Historikerin. In den zehn Jahren davor arbeitete sie als Kuratorin am Lëtzebuerg City Museum, wo sie unter anderem die Ausstellungen über das Luxemburger Rote Kreuz und über Verschwörungstheorien kuratierte. Das passt zur historischen Ausrichtung der Photothèque. Die Herausforderungen der Gegenwart verlangen aber vor allem Entschlossenheit. Unter Sonnabends Leitung wuchs das Gesamtbudget der Photothèque zwischen 2022 und 2026 von rund zweieinhalb Mllionen Euro auf über drei Millionen, wobei der größte Anteil konstant auf die 18 Mann Personal entfiel. Insgesamt spiegelt das Budget eine kluge Priorisierung: Kernaufgaben werden gesichert, Projektarbeit und Digitalisierung werden gestärkt, und interne Ressourcen effizient genutzt.

Wenn die Photothèque aber noch stärker als öffentlich sichtbares, digitales und interaktives Archiv positioniert werden soll, braucht es zusätzliche Mittel. Aktuell hat die Photothèque eine Dokumentalisten-Stelle ausgeschrieben. Allein, braucht Luxemburg zwei voneinander getrennte Fotoarchive? Wäre es nicht sinnvoller auf Dauer die Kräfte von Photothèque und CNA zu bündeln? Bereits jetzt verfügt das CNA mit der Family-of-Man-Ausstellung über eine Antenne im Norden des Landes. Andererseits: Die Photothèque baut gerade jene Expertise auf, die dem CNA in den letzten Monaten abhandengekommen ist. Die Frage ist also wie lange sich ein Land den Luxus erlauben will, in kulturellen Kernbereichen navigation à vue zu betreiben.

Öffentlichkeit bedeutet Beteiligung, nicht bloß passives Konsumieren. Digitalisierung macht Bestände für viele Menschen zugänglich und schafft neue öffentliche Räume. Denn Öffentlichkeit entsteht erst, wenn Menschen aktiv mitdenken, diskutieren, interpretieren oder handeln. Nur so werden sie Teil des Kommunikationsprozesses. „Fotografie ist ein demokratisches Medium“, sagt Gaby Sonnabend. „Jeder versteht ein Foto, egal welcher Hintergrund. Und jeder interpretiert es anders: Manche sehen Nostalgie, andere die Belichtung, wieder andere die Komposition.“ Bisher unterhielt Luxemburg aber ein eher kurioses Verhältnis zu seinen Fotoarchiven: von der etwas provinziellen Fokussierung auf Edward Steichen, als „Sohn Luxemburger Auswanderer“ aus einer Art kulturellem Irredentismus heraus, über die seit Jahren verschluckten Archive von Luxemburger Fotografen wie Martin Linster oder Wolfgang Osterheld, bis zu dem der Öffentlichkeit wohl auch aus taktischen Gründen vorenthaltenen CNA-Archiv. Gleichzeitig wachsen junge Menschen heran. Sie leben, denken, studieren, stellen Fragen, suchen Antworten. Es werden Stipendien beantragt, es wird geforscht, fotografiert, hinterfragt, erkannt. Verkannt? Öffentlichkeit und Erfahrung dürfen sich nicht ausschließen. „Der Mensch lebt durch den Kopf“, erinnert Brecht. Doch sein Kopf allein reicht nicht aus. „Von deinem Kopf lebt höchstens eine Laus.“ Erst durch Austausch, Diskussion und gemeinsames Forschen entsteht Erkenntnis.

Für die Photothèque hat der Autor den Band Pol Aschman - un regard sur son œuvre photographique (2021) mitverfasst.

Frédéric Braun
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