Vampirgeschichten gibt es viele. Aber diese hier ist besonders. Denn ihre Hauptfigur gilt als die Urmutter aller Vampire: Erzsébet Báthory, geboren 1560, entstammte einer der mächtigsten Magnatenfamilien Ungarns. Die Gräfin soll mehr als 300 unschuldige Frauen auf grausamste Weise getötet und verspeist haben, heißt es. Doch die tatsächliche Zahl ihrer Opfer ist ungewiss. Eine unheimliche Sage, die förmlich nach einer Verfilmung schreit. Und tatsächlich gibt es schon ein halbes Dutzend Filme über die Gräfin Báthory, die der Legende nach in dem Blut junger Frauen badete, um ihr strahlend jugendliches Aussehen zu bewahren.
Als der Cast bekannt wurde, stieg die Spannung, denn keine geringere als die französische Filmikone Isabelle Huppert verkörpert in der von der luxemburgischen Produktionsgesellschaft Amour Fou produzierten Horror-Komödie von Ulrike Ottinger die Blutgräfin. Daneben ist aus Luxemburg etwa auch André Jung zu sehen und sogar „Conchita Wurst“ hat einen Kurzauftritt. Mit Spannung blickte man auf die Weltpremiere von Die Blutgräfin auf der Berlinale, wo der Film in der Sektion Special Gala gezeigt wurde.
Star-Cast mit Isabelle Huppert als Blutgräfin
Am Drehbuch von Ulrike Ottinger hat zudem Elfriede Jelinek mitgewirkt, die damit gleich zweimal prominent mit Koproduktionen aus Luxemburg (der andere Film ist Liebhaberinnen von Koxi) auf der 76. Berlinale vertreten war. Das Skript ist originell geschrieben und besticht durch seinen Wortwitz. Obwohl der Humor so gar nicht typisch für Jelinek ist, reißen die Dialoge mit.
Gräfin Báthory, genannt „die Blutgräfin“, ist elegant, intelligent, strategisch und vorausschauend: eine Frau von Welt. Sie ist eine Verführerin, die um ihren Charme weiß und die die komplette Kontrolle über ihre Umgebung und die Menschen in ihrem Umfeld hat. Wo sie erscheint, dreht sich die Welt um sie. Der Schauplatz ist in diesem Fall das historische Wien, opulent und geheimnisvoll gefilmt (Kamera: Martin Gschlacht). Weltgewandt schreitet die Blutgräfin Deutsch und Französisch parlierend mit einer Selbstsicherheit durch die barocken Gassen, herrschaftlichen Säle oder gleitet durch die Kanäle Wiens. Als Zuschauerin kann man sich weder der geheimnisvollen Schönheit der Stadt noch Isabelle Hupperts Bann entziehen.
Wien als opulente Kulisse
Wie die Blutgräfin in der zweiten Einstellung herrschaftlich in einem blutroten Boot durch einen unterirdischen Kanal (Hinterbrühl) gleitet, fasziniert. Während das Wasser verheißungsvoll glitzert, spiegeln sich die Grotten und Seiteneingänge. Die Blutgräfin steht am Bug wie eine aus der Zeit gefallene Königin. An den Wänden der Bootswand erklingt die Melodie der Operette Die Fledermaus in süßlich-schrägen bis hin zu dissonanten Arrangements und Instrumentierungen: ein grandioser Auftakt, der direkt deutlich macht, wie Wien in dem Film als herrschaftliche Kulisse fungiert.
Ein Gerücht lockt die Gräfin nach jahrzehntelangem Schlaf aus ihrer Gruft ins Wien der Gegenwart: Die Kunde von einem Buch geht um, das ein Monster in einen Menschen verwandeln kann, wenn eine aufrichtige Träne auf seine Seiten fällt: „Es heißt, dass selbst ein Vampir, wenn er nur eine echte Träne über dem Buch vergieße, wieder ein gewöhnlicher Sterblicher würde“, erfährt man. Das will Elisabeth Báthory nun zerstören, um sowohl die blutsaugende Familiendynastie als auch die eigene Haut und nicht zuletzt ihre Vampirexistenz zu retten. So checkt sie kurzerhand in ihr Stammhotel Königin von Ungarn in der Blutsgasse ein, wo sie von einem in die Jahre gekommenen Nachtportier (Branko Samarowski als Faktotum) herzlich empfangen wird.
Kauzig-kuriose Vampirjäger
Ihre treuergebene Zofe Hermine (Birgit Minichmayr, schräg und stark) ist sofort zur Stelle. Sie vergöttert die Blutgräfin bedingungslos. Kaum sieht sie ihre ehemalige Herrin, lässt sie auch schon den Staubsauger der Marke Vampyr fallen und eilt ihr zu Diensten. Ein warnendes Flugblatt stopft sie kurzerhand in den Vampyr-Staubsauger.
Mit Professor Theobastus Bombastus (André Jung), klein und rund und seinem Kollegen, Professor Nepomuk Nachbiss (Marco Lorenzini), finden sich prompt zwei kauzige Gestalten in der Hotel-Lobby ein, internationale Forscher auf wissenschaftlicher Vampirjagd. Als Gegenpart zur Blutgräfin fungiert ihr Neffe, Rudi Bubi Baron von Strudl zur Buchtelau (Thomas Schubert, zuletzt fantastisch in Christian Petzolds Roter Himmel als genervter Schriftsteller), nur „Bubi“ genannt. Er kommt der Sage um das Buch fast zeitgleich auf die Spur wie die Vampirologen, wird aber immer wieder von seinem selbstverliebten Psychotherapeuten, Theobald Tandem, zur Vernunft gerufen.
Verweichlicht, schüchtern, aber klug hat er seiner Vampirherkunft den Rücken zugekehrt. Als Vegetarier sitzt er in grüner Tracht und Hut lieber im Caféhaus und mampft frische Buchteln statt Blut. Wenn drei Studenten einer schlagenden Verbindung ins Caféhaus stürmen und Bubi triezen, ist das auch ein politisches Statement in Zeiten eines Österreichs, in denen die Geister der FPÖ allenthalben erfolgreicher sind. Ihr grotesker Auftritt lässt einen zugleich grinsen wie schaudern, während der arglose Bubi nur achselzuckend einräumt: „Nicht alle schlagenden Verbindungen haben auch schlagende Argumente.“
Direkt zu Beginn wird die Blutgräfin gezeigt, wie sie in einer öffentlichen, doch schicken Toilette einem Mädchen das Blut aussaugt. Doch bleiben diese Blutgelüste und blutrünstigen Szenen in dem Film unbedeutend. Echte Fans von Vampirfilmen dürften enttäuscht sein.
Zum Schreien komisch: Conchita Wurst als Zeremonie-Meisterin
Der Film wird somit von schwarzem Humor in einer Abfolge bizarrer Episoden getragen. Die witzigste und schrägste Szene ist zweifellos als Conchita Wurst einen Auftritt liefert und pathetisch-überdreht ihren ESC-Song anstimmt. Außergewöhnlich, aber auch ein wenig seltsam, weniger harmonisch eingepasst, ein zu geltungsheischendes Additiv.
Entstanden ist ein schöner, sorgsam ästhetisch durchkomponierter Film. Insbesondere an Isabelle Huppert kann man sich nicht sattsehen. Doch der Film steht sich bisweilen mit seiner Ästhetik selbst im Weg: Trotz zahlreicher amüsanter Passagen und witzig-kurioser Gestalten wirkt der Film streckenweise recht gekünstelt. Wie durch einen Strudel folgt man so verblüfft der rasanten Handlung, die – wie sollte es anders sein – mit einem großen Knall endet. Trotz großer Bilder lässt einen Die Blutgräfin augenreibend und etwas ratlos zurück.