Kino

Neuanfang und Abschluss

d'Lëtzebuerger Land vom 03.12.2021

Kaum ein anderer zeitgenössischer Filmemacher hat das Wesen von Mutterschaft und Mütterlichkeit eindringlicher und facettenreicher befragt als der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. In seinem Werk liegen der Tod und das Leben nicht selten ganz nah beieinander: Eine Ausgrabungsstätte soll der Fotografin Janis (Penélope Cruz) endlich Aufschluss geben über die sterblichen Überreste ihrer Familie. Sie beginnt im Zuge der Arbeiten eine Liebesaffäre mit dem Archäologen Arturo (Israel Elejalde). Aus dieser Beziehung entsteht ein Kind. Auf der Geburtsstation lernt Janis die junge, ebenfalls werdende Mutter Ana (Milena Smit) kennen. Das stellt sich, wie so oft bei Almodóvar, als eine schicksalhafte und lebensverändernde Begegnung heraus, die auch eine Selbsttäuschung in sich birgt…

Man hat es oft gesagt, und es soll wiederholt sein: Almodóvars Kino ist das Kino einer Frauenwelt. So wie diese Janis sich uns in den ersten Filmminuten durch den fotografischen Apparat zuwendet, so beobachten wir sie durch die Kamera Almodóvars, der seiner Darstellerin Penelope Cruz alle Aufmerksamkeit schenkt. Mit ihr werden wir auf diese Reise geschickt, deren Handlungsverlauf so verstrickt ist, weil er sich gleich bei mehreren Genres bedient, ohne je auf ein plausibles oder vorhersehbares Ende hinzuweisen. Almodóvars Blick auf die Frau ist mitunter beinahe obsessiv, derart stark versucht er eine unmittelbare Anbindung an sie zu generieren. Und so wird auch der Mann immer mehr ausgegrenzt, als wäre er eine dramaturgische Fehlbesetzung, ja eine Fehlinvestition, die erst zu korrigieren sei, bevor sich der Fragen der Mutterschaft eingehend gewidmet werden kann. Hatte er in seinem letzten Film Dolor y gloria (2019) die Mutter noch zu einer Art Heilsbringerin verklärt, gilt Almodóvars Augenmerk nun eher jenen Figuren, die er als die „madres imperfectas“ bezeichnet hat1, den fehlerbehafteten, zweifelnden Müttern.

In Madres paralelas geht der mittlerweile 72-jährige Regisseur deutlicher als jemals zuvor auf die franquistische Vergangenheit Spaniens ein. Hat Almodóvar dieses Trauma in seinen vorherigen Filmen nicht in den Vordergrund gestellt – eine Absenz, die er selbst als seine persönliche Rache am Diktator bezeichnete –, so breitet er sie hier als Hintergrundfolie aus, vor der er die Geschichte entfaltet, dies in seinem ganz und gar unverkennbaren Stil: Von den Kostümen über das Dekor bis in die Farbdramaturgie hinein bildet Madres paralelas einen dramatischen Bilderbogen aus, den man aus vergangenen Filmen Almodóvars und der ihm mit Todo sobre mi madre (1999) zu internationaler Größe und Anerkennung verhalf – ein Stil, der seinen Geschichten durch Stimmungen und große schauspielerische Momente Intensität verleiht. Es ist nicht die Intrige, die das Zentrum des Films ausmacht, dafür ist der Titel allzu vielsagend. Es geht um die Erlebniswelten dieser Mütter während des „Danach“, die über ihre gemeinsamen Erlebnisse – Neuanfang und Abschluss, Leben und Tod – zu sich selbst finden. So gibt es denn auch kaum Momente des einfachen Gefühls in Madres paralelas. Das Los der Protagonistinnen ist verschlungen in Missverständnissen; Schicksalsschläge treffen die beiden Heldinnen stärker, als das gemeinhin im Melodram üblich ist. Warum aber fühlt sich Almodóvars Kino dann nicht an wie ein klassisches Melodrama?

Almodóvars Figuren sind unserer Erlebniswelt angepasst und bilden Projektionsflächen, die unseren Lebensverhältnissen analog sind. Und doch sind sie Teil eines ästhetischen Programms, Teil einer poetischen Anordnung, die die Kunst hervorbringt und für diese konstitutiv ist, demnach bewegen sie sich zugleich in einem Rahmen, von dem wir ganzheitlich ausgeschlossen sein müssen. Sensibel, ja gefühlsbetont ohne je sentimental zu werden – das ist die Gratwanderung, die auch diesen Film von Pedro Almodóvar ausmacht.

1 Venezia78: Madres Paralelas – Pressekonferenz mit Pedro Almodóvar und Penelope Cruz

Marc Trappendreher
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