„Liebe Schüler, liebe Eltern, es gibt schlechte Nachrichten. Infolge einer Entscheidung der Justiz bleibt unsere Schule offiziell für mindestens zwei Wochen geschlossen“, schreibt ein Musiklehrer vergangenes Wochenende über Whatsapp. An den Türen der Schule wurde ein Zettel angebracht mit dem Vermerk: „Auf Anordnung des Handelsgerichts wurde ein Siegel angebracht“. Es sei verboten, dieses zu beschädigen oder zu brechen. Wer dagegen verstoße, dem drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.
Am vergangenen Freitag musste der Anwalt Fabien François die privat geführte Musikschule für insolvent erklären; zu viele Schulden hätten sich angehäuft. „Et war ee schwéiere Moment fir d’Enseignanten.“ Die Insolvenz sei überraschend gekommen. Etwa 600 Musikschüler sind vom Unterrichtsausfall betroffen. Für 15 fest angestellte Musiklehrer ist die Zukunft ungewiss; hinzu kommen fünf Freiberufler, die ihr Einkommen verlieren. An diesem Mittwoch erreichen wir die Klavierlehrerin Fernande Pletschette – der erste Schock habe sich mittlerweile etwas gelegt. Sie hat 33 Jahre lang am Cavem unterrichtet. Als sie vergangene Woche ihren Schlüssel abgeben musste, war sie entsetzt und traurig,. „Et war ëmmer imens flott; et gouf kee Sträit an eiser Ekipp. Eis Chrëscht- a Summerfester wäerte mir a gudder Erënnerung bleiwen.“ Michael Stein, Schlagzeuglehrer und Mitglied der Fred Barreto Groupe, sagte, er sei „betrübt und enttäuscht“; an der Schule habe er sich „wie zu Hause gefühlt“.
Wie es zur Misswirtschaft kam, ist unklar. Der Schulleiter Andreas Marx war seit dem 10. März für Verwandte und Freunde nicht mehr erreichbar; Telefonnachrichten blieben bis diese Woche ungelesen. Am 13. März wurde er offiziell als vermisst gemeldet. Sein Umfeld beschreibt ihn als hilfsbereit und sensibel. Seit 2011 war er in die Schulleitung eingebunden, ohne dass dabei Probleme aufgetreten wären; er zeigte sich motiviert, Renovierungsarbeiten an der Schule zu veranlassen. 2023 übernahm er die Schule schließlich als alleiniger Eigentümer, laut Handelsregister hatte er sie über mehrere Jahre für 250 000 Euro von René Wagener abgekauft. Die letzte Geschäftsbilanz stammt aus dem Jahr 2022 und weist einen Verlust von 380 Euro aus; im Vorjahr hatte die Schule noch einen Gewinn von 54 000 Euro verbucht. Unmittelbare Anzeichen dafür, dass Marx sich an der Schule bereichern wollte, gibt es keine – Personen aus seinem Umfeld betonen, der 52-jährige Trierer habe kein Interesse an materiellen Statussymbolen gezeigt. Sie berichten allerdings, dass er seit zwei Jahren nicht mehr konzentriert arbeiten konnte, oft abwesend war und sich zuletzt ungeöffnete Briefe auf seinem Schreibtisch stapelten. Als sie ihn darauf ansprachen, antwortete er nur: „Ech ginn eens.“
Das Cavem geht auf Jean Roderes zurück, der es 1972 als „Pop-Music School Jean Roderes“ gründete. Roderes, 1923 in Esch/Alzette geboren, war in den 1950er Jahren in der Jazzszene aktiv, die sich um Orte wie den Jazzclub in Wiltz und später das Melusina in Clausen bildete. Für Camillo Felgen komponierte er So laang we's du do bast für Luxemburgs Eurovision-Beitrag im Jahr 1960. Als Tausendsassa der luxemburgischen Musikszene organisierte er zudem klassische Konzerte – etwa in den Sommermonaten mit dem Kurorchester im Kurkasinо von Mondorf: „gutbesuchte Mittwochabendkonzerte bei Kerzenschein“ und „kleine Donnerstagabendbälle“, wie das Wort schrieb. Mit seiner „Pop-Music School“ wollte er einen weniger theorielastigen Zugang zur Musik bieten. Ohne Notenkenntnisse konnten Kinder und Erwachsene hier die Freude am Instrumentalspiel entdecken; der Fokus lag auf Schlagzeug, Gitarre, Akkordeon und (Jazz-)Klavier.
1973 begann René Wagner als Gitarrenlehrer an der Musikschule zu unterrichten. Es sei eine intensive und kollegiale Zeit gewesen, die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit fließend. Man sei zusammen ins Ausland auf Konzerte gefahren oder habe im Sang a Klang „ee Patt gedronk“. Zeitweise unterrichtete damals auch Faustino Cima, bekannt unter dem Künstlernamen Fausti, an der Pop-Music School. Doch Fausti, der bereits mit 15 Jahren Berufsmusiker geworden war, gehörte nicht zum Inventar, er war oft auf Tournee. 1983 übernahm René Wagener die Schule, taufte sie in „Centre audio-visuel d‘enseignement musical“ (Cavem) um und meldete sie als Gesellschaft mit beschränkter Haftung an. Er erweiterte das Angebot durch Zweigstellen in Ettelbrück und Esch/Alzette. Ihren Höhepunkt erreichte die Schule im Jahr 2013 mit 800 Schülern – die Altersgruppe reichte vom Kindergartenkind bis zum Rentner.
In Westeuropa begleitete Popmusik in den 1970er Jahren den gesellschaftlichen Wandel. Jugendliche begannen sich weit stärker über Musik, Mode und Lebensstile zu definieren und schufen sich damit neue Freiräume. Radio und Kassetten machten Musik allgegenwärtig, während das Album als Kunstform seinen Höhepunkt erlebte. Plattenfirmen wuchsen zu Großunternehmen heran und machten Künstler wie Pink Floyd, David Bowie und ABBA weltbekannt. Diese neue Leichtigkeit floss in die „Pop-Music School“ ein. Man konnte direkt am Instrument lernen und Noten nebenbei lernen. Im Gegensatz dazu, stand das Conservatoire für eine rigorose Tonlehre (Solfège) und Klassik.Mittlerweile ist das öffentliche Conservatoire jedoch kostenlos, während das Cavem Rechnungen im dreistelligen Bereich ausstellte.
Singer-Songwriter Serge Tonnar besuchte Mitte der 1980er Jahre zunächst das Conservatoire: „Ich erinnere mich an einen altmodischen Unterricht in einem muffigen Saal.“ Nach drei Monaten kam es zu einem heftigen Streit mit seinem Vater – einem der wenigen mit ihm. Schließlich durfte er an das Cavem wechseln, das sich damals noch in der Antwerpener Straße befand. „Do kruut ee Flilleken; eng Basis, op déi een opbauen konnt“, so der Berufsmusiker. Mit René Wagener habe er an der Gitarre Songs von Neil Young, Pink Floyd, den Beatles und der Kölschrock-Band BAP geübt. Später besuchten auch Serge Tonnars beide Kinder das Cavem. „Et wier eng Katastroph, wann et an Zukunft kee Museksbildungswee méi géif ginn, wéi de Cavem en ugebueden huet.“ Zu den bekannten Ehemaligen des Cavem zählen zudem der Jazzgitarrist Greg Lamy, der Gitarrenlehrer und Musiker Cary Greisch, der Akkordeonist Maurizio Spiridigliozzi – der einzige klassische Akkordeonist Luxemburgs. Aber auch die DP-Politikerin Anne Brasseur sowie der LSAP-Abgeordnete Franz Fayot, der bis kurz vor seinem Einzug in die Kammer Gitarrenkurse nahm, besuchten die Musikschule.
Der Insolvenzverwalter Fabien François schätzt, dass das Verfahren mindestens ein Jahr dauern wird. „Zunächst geht es darum, das Eigentum der Schule – Instrumente und dergleichen – zu verwerten und ausstehende Schulden zu begleichen“, erklärt der Anwalt. Ob es zur Rückerstattung der Kursgebühren für die ausgefallenen Unterrichtsstunden kommt, sei derzeit noch unklar. Die Schüler können jedoch in den kommenden sechs Monaten eine Forderungsanmeldung einreichen. Juristisch haben bestimmte Forderungen, wie unbezahlte Gehälter Vorrang. Letztere sind nach Land-Informationen jedoch noch bis Februar ausgezahlt worden, weshalb die Insolvenz die Lehrer unvorbereitet traf. Hoffen, dass die Schule unter ihrem jetzigen Form weitermachen kann, können sie kaum. Nur wenn der Direktor Einspruch gegen die Insolvenzerklärung einlegen würde und die Schulden tilgen könnte, wäre ein Fortbestehen der Schule möglich. Das scheint derzeit jedoch unwahrscheinlich.
„Aber der Wille, weiterzumachen, ist ganz klar da“, bestätigte Michael Stein diese Woche gegenüber dem Land:. Seit 1994 arbeitet er für das Cavem. „Mein erster und einziger fester Job", so der gebürtige Trierer. Täglich erhalte er Nachrichten von Eltern und Schülern, die hofften, dass die Musikschule weitermacht. Man müsse aber noch etwas Geduld haben, bis ein neues Konzept steht. Fernande Pletschette klingt kurz bedrückt: „Es wird schwer sein, in Luxemburg-Stadt neue Orte für die Kurse zu finden; die Mieten sind hoch, die Schule muss mit dem Bus gut erreichbar sein und Nachbarn dürfen nicht durch Lärm gestört werden.“ Dann schöpft sie wieder Hoffnung: Vielleicht ließen sich etwa Räumlichkeiten in Sekundarschulen finden.