ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Szenografie

d'Lëtzebuerger Land du 27.03.2026

Mit den ersten Frühlingstagen beginnen die Parteitage. Nach Bezirkskongressen, Versammlungen der Frauen- und Jugendorganisationen versammeln sich an Wochenenden Delegierte, Mitglieder zu Nationalkongressen.

Ob die Grünen im Diekircher Sägewerk, die ADR in der Keispelter Musikhalle, die LSAP in einer Hollericher Diskothek, die CSV in der Ettelbrücker Deichhalle, die DP bald im Bartringer Centre Atert – die Szenografie der Parteikongresse ist immer die gleiche: Ein Saal Parteigänger, stumm, oft im Halbdunkeln. Wie Zuschauer im Theater, Gläubige im Kirchenschiff. Der Parteibasis gegenüber auf einer Bühne thront die Parteiführung im Scheinwerferglanz. Überflutet den Saal mit ihrem Redeschwall.

Der stellvertretende Parlamentarismus ist die universelle Herrschaftsform für Marktwirtschaft, Lohnarbeit, Warentausch. Parteien haben eine Scharnierfunktion. Sie sind zugleich Teil der Gesellschaft und Teil des Staates. Die Grenze verläuft durch die Kongresssäle: ein meterbreiter Abstand zwischen den Parteigängern im Saal, der Parteiführung auf der Bühne; ein Niemandsland zwischen Gesellschaft und Staat.

Parteien ordnen unterschiedliche Interessen der herrschenden, besitzenden Klassen: Finanzbranche, Exportindustrie. Legitimieren sie demokratisch, verklären sie zu nationalen Interessen. Parteien kanalisieren, repräsentieren Interessen beherrschter, besitzloser Klassen: Arbeiterinnen, Angestellte, Beamte. Organisieren Zustimmung von unten für die Herrschaft von oben. Verlagern gesellschaftliche Konflikte von der lärmenden Straße ins gedämpfte Parlamentsplenum. Ist ein Interessenkonflikt festgefahren, ändern sie die Regierungskoalition.

Parteien gehen marktkonform zu Werke: Mit Hilfe von Werbeagenturen drängen sie auf den Wählermarkt. Dort bieten sie Politik als Dienstleistung feil, im Konkurrenzkampf um Wählerkunden. Machen Klassenkampf zum Wahlkampf.

Einst waren Parteikongresse bedeutsame Veranstaltungen. Dauerten manchmal ein ganzes Wochenende. Heute sind die Kongresse auf einen Vormittag verkürzt. Die DP zeigte den Weg, andere Parteien zogen nach: Rechenschaftsberichte werden gestreift, Tagesresolutionen abgeschafft, Diskussionen überspielt. Popmusik, Videospots machen Politik zur Unterhaltung. Kongresse ähneln Fernsehshows, werden für die Fernsehberichterstattung hergerichtet. Höhepunkt ist der Pep Talk einer Führungsfigur.

Die Entsolidarisierung des Neoliberalismus höhlt Parteien aus. Sie distanzieren sich von Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden. Die Technokraten der Volksparteien wollen sich nicht mehr unters Volk mischen. Neue Heldinnen sind die bis zum Vortag parteilosen Quereinsteigerinnen. Neue Richtschnur ist der Opportunismus der Wechselwähler.

Staatliche Zuschüsse für Parteien, Fraktionen, Wahlkämpfe professionalisieren, bürokratisieren, zentralisieren Parteien. Das Gesetz bestimmt, was eine Partei zu sein hat. Artikel 27 der Verfassung macht Parteien für eine Million Euro oder eine halbe zu Staatsorganen. Die existentielle Abhängigkeit von Berufspolitikern macht sie staatskonform.

Parteien verändern sich. Mit ihnen verändern sich die Kongresse. Die Mitglieder im Saal sind nicht die Partei. Sie sind das Publikum. Ungeduldigen Berufspolitikern sind sie ein lästiges Übel. Seltene Wortmeldungen aus dem Saal stören die Harmonie der Tagesordnung. Sie werden toleriert, im Minutentakt abgefertigt. Hinter der Bühne geben die Minister, Abgeordneten den Ton an, die Parteileitung kümmert sich.

Parteien werden mehr Staat, weniger Gesellschaft. Einst sollten die Kongressdelegierten im Saal ihre Anliegen als Politik bündeln, dem Parteivorstand auf der Bühne übermitteln, der sie dann nach oben in den Staat trägt. Nun deutet die Szenografie die Bewegung um: Der Staat übermittelt die Politik dem Parteivorstand auf der Bühne, der sie dann nach unten zu den Parteigängern im Saal trägt. Man rüstet sich, wenn die Verhältnisse autoritärer werden, die demokratische Legitimation schwindet.

Romain Hilgert
© 2026 d’Lëtzebuerger Land