Die Kinderlähmung verbreitete Angst und Schrecken. Deshalb wurde in den Sechzigerjahren die Teilnahme an der Impfung zur gesellschaftlichen Norm, auch ohne Impfpflicht

„No bei 100%“

d'Lëtzebuerger Land du 17.12.2021

An der Kinderlähmung (Poliomyelitis) erkranken vor allem junge Kinder zwischen drei und acht Jahren. Das Polio-Virus befällt meist die Nervenzellen an Skelettmuskeln, was zu schweren bleibenden Lähmungen führen kann, manchmal aber auch die Atemmuskulatur, und dann wird Polio lebensgefährlich. Weil die Krankheit erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts präziser beschrieben wurde, erkannte man erst um 1880, dass es auf der ganzen Welt immer wieder Ausbrüche gegeben hatte. In Europa und den USA grassierten sie ab etwa 1910 alle fünf Jahre.

Der erste Impfstoff wurde 1953 verfügbar, 1960 ein weiterer. 2002 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Europa als komplett frei von Polio, wenngleich es immer wieder einzelne Fälle gibt.

Die Kinderlähmung verbreitete auch in Luxemburg Angst und Schrecken. „Wegen der geheimnisvollen, zum Teil noch nicht geklärten Eigenarten der Krankheit, wegen ihres oft blitzartigen Auftretens, wegen ihrer (glücklicherweise jedoch relativ seltenen) Bösartigkeit“, schrieb der damalige Chef des Gesundheitsamts, Léon Molitor, am 18. September 1952 im Luxemburger Wort. Bis zu diesem Datum waren in jenem Jahr 31 Polio-Fälle gemeldet worden, alle „sporadisch“. Aber 1952 sollte zu einem Polio-Rekordjahr werden: 63 Fälle wurden bis Jahresende gezählt, jedoch kein tödlicher. Zwischen 1945 und 1951 gab es insgesamt 55 Fälle und zwei Menschen starben.

Für diejenigen, die die Kinderlähmung überlebten, war das Risiko, für den Rest des Lebens davon gezeichnet zu sein, sehr hoch – und ein weiterer Grund, für die Angst vor der Krankheit: Bei ungefähr der Hälfte aller Fälle blieben mehr oder weniger starke Lähmungen als Dauerzustand zurück (Luxemburger Wort, 8.8.1952). Kein Wunder, dass die Unruhe wuchs, wenn in den Nachbarländern eine Epidemie ausbrach. Wie am 4. August 1951 im Saarland etwa: Die dortige Regierung verhängte einen weitreichenden Lockdown: „Alle Badeanstalten, Schwimmbäder, Kindergärten, Jugendherbergen und Zeltlager werden geschlossen, sämtliche Sportveranstaltungen, Messen und Märkte werden untersagt, außerdem wird ein absolutes Besuchsverbot für Waisen-und Krankenhäuser erlassen. Jugendliche dürfen von sofort an auch keine Kinos mehr besuchen“ (Luxemburger Wort, 4.8.1951). Bis dahin waren 69 Polio-Fälle registriert worden, fast ausschließlich an unter 20-Jährigen. Bis zum 29. August stieg die Zahl auf 246. Luxemburg hatte ab 8. August den Personenverkehr mit dem Saarland untersagt und das Baden, Schwimmen und Wäschewaschen in der Mosel verboten. Frankreich zog einen Tag später nach. Zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland wurden Jugendreisen unterbunden. Die Schweiz spendete dem Saarland vier Eiserne Lungen zur Behandlung von Polio-Patienten mit gelähmten Atemmuskeln.

Gerüchte gab es auch: Im Saarland selbst eines von einer geheimnisvollen neuen „Tropenkrankheit“ zum Beispiel, während in Luxemburg vermutet wurde, die Seuche könne auch das Großherzogtum erfasst haben. Gesundheitsamtschef Molitor ließ sich am 1. September 1951 von Radio Luxemburg interviewen und betonte: „Augenblicklich haben wir keinen einzigen Fall von Kinderlähmung im Lande, trotz allem gegenteiligen sinnlosen Gerede und Geschwätz.“ Einen Monat später wurde die Epidemie im Saarland für beendet erklärt.

Obwohl 1952/53 in den USA der erste Polio-Impfstoff mit einem abgetöteten Virus entwickelt worden war, dauerte es noch lange, bis er verabreicht wurde. Am 6. Mai 1955 gab der damalige Gesundheitsminister Émile Colling die amtliche Mitteilung heraus, „dass präventive Impfungen gegen die spinale Kinderlähmung in diesem Jahr kaum in Frage kommen dürften“. Damals war der Impfstoff in den Vereinigten Staaten seit einem Jahr in Gebrauch, doch es gab Zwischenfälle. Das Luxemburger Wort schrieb am am 1. Juni 1955, „es vergeht fast kein Tag, an dem nicht die ‚Impfungs-Affäre‘ auf den Titelseiten der amerikanischen Zeitungen zur Sprache kommt.“ Die Impfstoffhersteller, die zur schnellen Produktion gedrängt worden seien, die US-Regierung, die bei deren Überwachung versagt habe, und eine Stiftung, die die Impfstoffentwicklung finanzierte, schöben sich gegenseitig die Schuld dafür zu, dass das abgetötete Virus in dem Vakzin nicht abgetötet genug gewesen sei und Kinder mit Polio infiziert habe.

So dass es vielleicht nicht überraschen konnte, dass es Impfskeptiker gab, als in Luxemburg ab dem Frühjahr 1957 ein verbesserter Impfstoff breit an Kinder zwischen zwei und 15 Jahren verabreicht wurde. Allerdings hatte es im Jahr zuvor mit 82 Fällen den insgesamt größten Polio-Ausbruch hierzulande gegeben, was die Bereitschaft zur Impfung wiederum hob. „Die öffentliche Impfaktion gegen die Kinderlähmung hat bei unserer Bevölkerung erfreulicherweise großes Interesse geweckt“, stellte das Wort am 26.3.1958 fest. Dennoch hielt der Autor des Artikels es für nötig, die Impfung seiner eigenen Tochter als gutes Beispiel anzuführen: Das Mädchen habe „vor einigen Tagen nicht einmal ‚autsch‘ gemacht, als ihr der Monny Doktor vom Osterhasen erzählte. Und sie so ganz nebenbei kurz und schmerzlos ins mollige Ärmchen piekte“.

In den Jahren danach wurden die Impfungen immer akzeptierter. Ab Anfang der Sechzigerjahre wurden sie als „Schluckimpfung“ verabreicht. „Im Ösling wurden in verschiedenen Gegenden bis zu 100% erfasst, während im übrigen Land der Prozentsatz zwischen 50 und 80% schwankt“, teilte Gesundheitsminister Colling am 8. Februar 1964 in einem „Aufruf“ zur nächsten landesweiten Impfaktion mit. Und warnte: Im Sommer 1963 seien 13 Polio-Fälle gezählt worden. „Keiner der Erkrankten war gegen Polio geimpft, ein Beweis für die Wirksamkeit der Impfung.“ Der landesweite Impftag acht Tage später wurde laut Wort vom 17. Februar 1964 „in bezug auf die Beteiligung der Bevölkerung zu einem durchschlagenden Erfolg“. Menschenschlangen hätten vor den Impfzentren angestanden, und in Bonneweg habe das erbgroßherzogliche Paar sich impfen lassen. Prominente spielten demnach nicht erst bei Covid-19 eine Impf-Vorbildrolle.

Wie Gesundheitsminister Colling in seinem Aufruf vom Februar 1964 betont hatte, war die Teilnahme an der Impfung freiwillig. Sie wurde aber nach und nach zur gesellschaftlichen Norm. Jeder neue Ausbruch, und war er auch klein, konnte die alten Ängste vor der Kinderlähmung wiederbeleben. Ob es nicht trotzdem angebracht wäre, eine Impfpflicht einzuführen, wollte am 21. Februar 1967 im Parlament der LSAP-Abgeordnete René Hengel von LSAP-Gesundheitsstaatssekretär Raymond Vouel wissen. Denn trotz aller Aufklärung leisteten nicht alle den Impf-Aufrufen Folge. Vouel antwortete, „eise Conseil supérieur“ beschäftige sich damit. Bisher sei von einer Impfpflicht abgesehen worden, „well erwisen ass, dass eis Elteren no bei 100% drop halen, hir Kanner am Kader vun de fräiwellegen Impfaktio’nen vaccine’eren ze loossen. Et huet dofir bis elo net noutwendeg geschengt, en Obligatorium anzefe’eren“. Allerdings hätten mehr und mehr Länder das getan, darunter auch Frankreich und Belgien. So dass die Frage sich stelle, ob Luxemburg sich dem Beispiel nicht anschließen sollte.

Das aber geschah nie. Vielleicht ließ man ähnlich wie heute den Conseil supérieur des maladies infectieuses Empfehlungen schreiben, um möglicherweise nachzuholen, was die Nachbarn erlassen hatten. Die Polio-Impfakzeptanz sank über die Jahrzehnte aber: Laut dem letzten, im April 2019 veröffentlichten Bericht des Gesundheitsministeriums über die Couverture vaccinale im Jahr 2018, waren 89,6 Prozent aller Kinder zwischen 25 und 30 Monaten gegen Polio „voll geimpft“, was vier Impfdosen entspricht.

Jedes zehnte Kind ist demnach nicht geimpft.Der Bericht hält fest, 80 Prozent Impf-Grad sei als Minimum, damit eine Herdenimmunität dafür sorgt, dass ein Polio-Virus sich nicht weiterverbreitet, falls es ins Land getragen wird. 86 Prozent seien besser. Ganz ausgeschlossen ist ein Polio-Import nicht, auch wenn Europa seit 2002 als Polio-frei gilt: Das Virus existiert noch, selbst in der Arktis-Region. Zurzeit geht die Kinderlähmung besonders stark in Pakistan und Afghanistan um.

Peter Feist
© 2022 d’Lëtzebuerger Land