die Kleine Zeitzeugin

Es ist so menschlich hier.

d'Lëtzebuerger Land vom 19.02.2021

Vor Möbelhäusern bilden sich Schlangen und vor kleinen Bäckereien, vor Teststationen und vor Sozial- und Megamärkten. Lange Schlangen, so ziemlich überall, wo es was zu kaufen gibt. Vor allem aber vor Geschäften in denen es nicht unbedingt zum Überleben notwendige Dinge gibt. Schöne Dinge. Luxus, wie man so was einst nannte, etwas, das Sterne und Sonnen in die Augen der Menschen zaubert. Was mit der Leichtigkeit des Seins zu tun hat. Mit der Seichtigkeit auch, darüber wird viel gelästert in den sozialen Medien, weil die Menschen nicht vor Buchhandlungen anstehen oder anderen pädagogisch wertvollen Orten. Weil sie nur duften wollen oder sich in eine teure Schale werfen oder eine Tasche herzeigen wollen die andere auch gerne hätten, warum genau weiß zwar niemand so genau. Weil sie so oberflächlich sind, statt tief zu schürfen.

Da stehen sie jetzt und harren ihrer Sternstunde, ihrer Sternsekunde, da Einlass gewährt wird ins Reich der Dinge. Da stehen sie in der ganzen Welt vor Geschäften, die auf der ganzen Welt gleich ausschauen um Zeug zu ergattern, das auf der ganzen Welt gleich ausschaut. Sie stehen bei Wind und Wetter und in der bitteren Kälte. Gleichmütig, demütig, sie harren, sie harren aus. In der Schlange stehen, so was tat man doch nur wo anders, in anderen Raum- und Zeitzonen, Ostzonen z.B., dachten wir bisher. So was tut man bei uns nicht, außer vielleicht Kult-Jünger_innen wegen einem I-Phone oder auf den Markt geworfenem Design-Zeug, oder an Black Friday, wenn Konsumkrieger_innen in die Schnäppchenschlacht ziehen. Oder als pauschaler Mensch auf einem Flughafen. Sonst gibt es so etwas in Flüchtlingslagern, vor Meeren, die den Weg versperren, vor Dschungelspitälern. Die Kultur des Schlangestehens war den meisten von uns nicht vertraut.

Wir erlernen sie gerade. Die unzeitgemäße Tugend der Geduld, z.B. stoisch stehen, dann weiter rücken, Gänsefüßchen um Gänsefüßchen. Eine kleine Herde von Aerosol-Produzent_innen. Trottet vor sich hin. Eine kleine, doofe Herde ohne Herdenimmunität. Alle haben ein Ziel. Ein kleines Ziel. Ein kleines, doofes Ziel. Einen Pappbecher mit Kaffee. Ein paar Brötchen. Eine Marke, die beweist, dass man Klasse hat. Alle wollen das Gleiche. Alle sind Teil einer Schlange, Körperteil einer Schlange, die langsam, langsam weiter rückt, ein organischer Prozess.

Allmählich werden wir Konsum-Gurus, Zen- Buddhist_innen. Oder Zombies. Vielleicht sind wir ja einfach nur lethargisch. Apathisch. Abgestumpft. Dann stehn wir halt rum, bevor wir wieder rumsitzen. Oder rum hetzen. Die einen haben zu viele Termine, die anderen zu wenige. Die einen haben zu viel Stress, die andern zu wenig. Alle haben genug. Stehen rum, die Blicke kleben am Smartphone. Hier, in dieser Schlange, in dieser seltsamen Zwischenzeitzone, zwischen Terminen oder inmitten eines Zeitmeeres, das manche zu verschlingen droht, es gibt keinen Kompass mehr und keinen Plan.

Jemand schaut vom Smartphone auf, hier gibt es ja noch andere. Solche wie ich, aber doch nicht ich, wie cool. Es gibt mehr von der Sorte. Da steht einer, und da steht eine. Jemand nickt, und einer nickt zurück. Ein Kind hustet, die Mutter zerrt es abrupt zu sich. Die struppige, alte Frau daneben hat den gütigen Blick bekommen, den schenkt sie dem Kind, könnte man ihr Maskenmurmeln verstehen, wäre es sicher etwas Begütigendes. Gütige Augen, interessant, wie wesentlich man die Menschen jetzt wahrnimmt, wo man so wenig von ihnen sieht. So als könnten sie nichts mehr vormachen in ihrer geduckten Körperlosigkeit. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein, fällt ihm der vom Geheimrat geklaute Drogeriemarktwerbeslogan ein, so eine kuschelige Herdentriebhaftigkeit hier. Eine hat ein ansteckendes Lachen, sie findet eine Mitlacherin. Ein Schlangenmensch brabbelt einen anderen Schlangenmenschen an, er schreit den anderen an, der zurückschreit, während seine Maske sich auf- und abbläht wie bei einem Kiemenwesen, ein glückseliges Gebrabbel ist ausgebrochen aus dem Kerker der Körper, er ist mittendrin, in der Kommunikation, in der Kommunion, im Gebrabbel. Er duckt sich in die Facebook-Bubble.

Michèle Thoma
© 2021 d’Lëtzebuerger Land