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Romantisierte Outlaws

d'Lëtzebuerger Land vom 19.02.2021

Es gibt manche Filme, die sich an der Schnittstelle zwischen Hollywood-Massenkino, das mit Genremustern und Stars aufwarten kann und dem Arthouse-Film, im engeren Sinne, situieren. Dreamland ist ein solcher Film, der eine Coming-of-age-Geschichte in die Bilderwelten des Gangsterfilms und dem Western einbettet. Im Zentrum dieser Erzählung steht der zurückhaltende, junge Eugene Evans (Finn Cole). Er lebt zusammen mit seiner Schwester und seinen Eltern auf einem entlegenen Stück Land. Es ist die Zeit der Great Depression, die Zeiten sind hart und Eugene träumt von einem aufregenderen Leben, von Banküberfällen und Kopfgeld. Nach einem missglückten Bankraub trifft er auf die gesetzlose Allison Wells (Margot Robbie). Sie ist auf der Flucht, er verliebt sich in sie und will mit ihr in Mexiko ein neues Leben anfangen. Dumm nur, dass ausgerechnet Eugenes Stiefvater, George Evans (Travis Fimmle), als Gesetzeshüter alles daran setzt, Allison zu stellen.

Die Inszenierung von Dreamland reiht die verschiedenen Konfliktstellungen und Lösungen von Standardsituationen aneinander und führt zu so etwas wie einer fast reflexiven Besinnung auf bekannte Genre-Topoi. Das Motiv des couple on the run ist in der Filmgeschichte ein bewährtes Muster, um spannungsreiche Geschichten zu erzählen und hat spätestens mit Arthur Penns Bonnie & Clyde (1967) große Prominenz erlangt. Überhaupt scheint dieser Film eine wichtige Bezugsquelle für den jungen Filmemacher Miles Joris-Peyrafitte zu sein, allerdings setzt er in Dreamland auf die Inversion der Geschlechterrollen. Nachdem Margot Robbie in Once Upon a Time in Hollywood in der Rolle der Sharon Tate unter der Regie von Quentin Tarantino noch sehr unterfordert schien, schließlich haben die Szenen mit Tate keinen erzählerischen Eigenwert, so ist diese Allison Wells hier die treibende Kraft der Handlung, dem diesmal der Mann hilflos verfallen ist. Sie ist so etwas wie der Eindringling, der die bürgerliche Welt aus den Angeln hebt. Margot Robbie spielt das so, dass von ihr viel ambivalente Verführung ausgeht, sodass man nie recht weiß, wer von den beiden eigentlich im Begriff ist, die verhängnisvolle Situation heraufzubeschwören. Eugene ist der Junge aus gutem Hause, der in den Abgrund der Gefahren geschickt und so zum unfreiwillig-freiwilligen Helden gemacht wird. Dem Abenteuerlichen ausgesetzt zu sein, jemand anderes zu werden, führt in einen Raum äußerster Gefahr, den Eugene für sich erleben muss. Er ist geprägt vom Willen, aus der bürgerlichen Welt auszusteigen. Und dieser Ausbruch kann nur im Untergang enden; Eugene erträumt sich da ein Fantasieland, das in kurzen Wunschträumen aufblitzt, kurz eingestreute Einstellungen von Meer und Strand, postkarenähnlich und trügerisch.

Angesiedelt in den 1920-er-Jahren, zitiert Dreamland die typische Ikonographie des klassischen Gangsterfilms, besonders der 1930-er-Jahre, aber Miles Joris-Peyrafitte und sein Kameramann Lyle Vincent verstehen es, diese weiter mit den Bildern des Westerns anzureichern. Besonders die Panoramaeinstellungen der Landschaften schaffen eine Atmosphäre der Romantisierung dieses Outlaw-Daseins. So gesehen ist Dreamland nicht nur eine Reverenz an den klassischen Gangsterfilm, seine Protagonisten stehen auch, der Historie des Genres entsprechend, für ein Überbleibsel des Western-Helden, der sich nach der Frage der Landnahme neu ausrichten muss. So sind die seltsamen unkontrollierten Gewaltausbrüche des Helden doch eher Warnsignal, seinem fast kindlichem Aussehen zum Trotz. Eugene will mit Allison eine gefährliche Traumwelt ausleben, fernab von Gesetz und Ordnung, die er sich durch nichts und niemanden zerstören lassen will. In den berührenden Momenten des Films schimmert daher etwas durch, was über das Schicksal der Figuren hinausgeht: eine Ahnung von aufgestautem Frust, von Angst und Ausweglosigkeit einer Nation, die von der Depression zerfressen wird. Eine durchgehend beherrschte Form mit der deutlich sichtbaren Tendenz zur Stilisierung machen aus Miles Joris-Peyrafitte zweiter Regiearbeit einen bemerkenswerten Film, der eine aufstrebende Regiekarriere verspricht.

Auf Bluray und DVD verfügbar

Marc Trappendreher
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