Binge Watching

Geisterstunde

d'Lëtzebuerger Land vom 11.12.2020

Truth Seekers, Wahrheitssucher, ist im Grunde eine ganz friedvolle Bezeichnung für die Detektionsarbeit von Übernatürlichem – ganz im Gegensatz zu den Ghost Busters, den titelgebenden Geisterjägern aus der Feder von Dan Aykroyd und Harold Ramis. Es ist wohl die erste filmische Referenz die einem in den Sinn kommt. Deren Name ist da viel aggressiver, böswilliger, impliziert er doch das Austreiben der Wesen, einer kammerjägerartigen Tätigkeit ähnlich. Der sanftmütige Gus Roberts (Nick Frost) hingegen geht bei seiner Arbeit eher liebevoll und geduldig vor, ihn interessiert die Erforschung des Paranormalen. Hauptberuflich ist er Mitarbeiter des Kundenservices eines großen Internet-Providers mit dem liebevollen Namen „smyle“. Was nicht gerade zufällig an eine Mischung aus den Angeboten „Amazon Smile“ und „Amazon Prime“ erinnert, sogar bis in den unmittelbaren Schriftzug auf dem Transportlaster hinein, ist diese Parallele augenscheinlich. Auf deren Streaming-Plattform ist die Serie Truth Seekers denn auch erschienen – intradiegetische Werbung in eigener Sache also. Gus liebt es, Menschen miteinander zu verbinden – auch in seiner Nebenbeschäftigung als Mittler zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Er geht Verdachtsfällen auf paranormale Aktivitäten nach und veröffentlicht seine Arbeit auf seinem Youtube-Kanal „Truth Seekers“. Trotz seiner Bemühungen kann Gus, der nach dem Tod seiner Frau mit seinem Schwiegervater Richard (Malcolm McDowell) zusammenlebt, keine tatsächliche paranormale Erfahrung aufweisen. Das soll sich ändern, als ihm eines Tages der gutmütige junge Mitarbeiter Elton John (Samson Kayo) an die Seite gestellt wird, der jedoch große Angst vor den Gespenstern hat. Damit ist die komödiantische Konstellation geschaffen, auf der Truth Seekers aufbaut: Unser unscheinbarer Held wird durch einen komischen Sidekick ergänzt, der das komplette Gegenteil des anderen darstellt. Regisseur Jim Field Smith konzentriert seine mise-en-scène auf sein Darstellerensemble, das mit viel Gespür für Mimik, Timing und Beats für die nötigen Lacher sorgt.

Als Horrorkomödie konzipiert, bedient sich Truth Seekers klarerweise der üblichen Genreverweise, um sie dann einer ironischen Brechung zuzuführen: Okkulte Rituale oder noch lateinische Beschwörungsformeln stehen da als deutliche Anspielungen auf gängige Horrorklischees, die sogar Filme wie James Wans The Conjuring (2013) zu einer unfreiwilligen Parodie verkommen ließen. Dass die Intertextualität einer der wichtigsten Bezugspunkte der Serie ist, ist offenkundig. Sie strotzt nur so von popkulturellen Verweisen auf die Film- und TV-Welt, von Videoclip-Bildern im Bild. Das dürfte kaum verwundern, immerhin wurde die Serie von Nat Saunders und dem Gespann Nick Frost-Simon Pegg geschrieben – beide sind bekennende Nerds der Popkultur. Dennoch ist Truth Seekers von deren Vorgänger-Filmen wie Shaun of the Dead (2004), Hot Fuzz (2007) und The World’s End (2013) weiter entfernt, betont stärker das Komödiantische der Handlung als die Gore-Elemente. Nicht so sehr zielt Truth Seekers auf die affektorientierte und körperliche Brutalität – auch wenn zwischendurch mal ein Kopf explodiert –, sondern auf die Entwicklung des Helden. Nick Frost gibt den Mittler, der in keiner Situation seine Gelassenheit verliert, mit spürbarer positiver Energie. Der Reiz dieser Serie liegt vor allem in der liebevollen Konstruktion eines Findungsprozesses: Dieser Gus ist im Grunde ein Gefangener im Zwischendrin. Er lernt den Tod seiner Frau zu verarbeiten und findet in seiner amüsanten Truppe von Weggefährten – dazu stoßen bald die von Untoten verfolgte Astrid (Emma D’Arcy) sowie Eltons ängstliche Schwester (Susan Wokoma) – ganz irdische Freunde, die ihm Halt geben, ihn sich lebendig fühlen lassen.

Marc Trappendreher
© 2020 d’Lëtzebuerger Land