Die Kleine Zeitzeugin

Der Schrei des Incel

d'Lëtzebuerger Land vom 05.03.2021

Wie pathetisch das klingt, so ein Schrei, und was ist das überhaupt, so ein schreiender Incel? mag sich die eine oder der andere der geneigten Leser_innen fragen. Incels, sind das nicht diese Einzeller in ihrer kalten Wutzelle, diese irren Typen in Isolationshaft, die vor Bildschirmen irre Theorien aushecken, die sie mit anderen irren Typen teilen, ebenfalls in Isolationshaft? Durchgeknallte Theorien, die die Bezeichnung Theorie nicht verdienen, eher Hassphantasien, die Frauen und Juden und Muslime betreffen, alles, was sie als fremd empfinden und ihnen Angst einjagt, und die sich in Bunkern, denen sich nur Pizza-Lieferanten nähern, einigeln. Weil die Welt so erschreckend fremd ist und niemand sie liebt. Schon gar keine Frau. Und jetzt, noch schlimmer, erst recht schlimm. Frauen auf Abstand, da stecken die Lesben dahinter!

Männer ohne Frauen. Männer, die unbedingt ganze Männer sein wollen, ganz ganze Männer. Männer ohne Sternchen. Mit Kiefer und knackigem Hintern, den ganzen männlich konnotierten Requisiten und Attributen. Status auch. Männer, die ihren Mann stehen wollen, aber immer wieder daran gehindert werden. Von den Alpha- Rüden. Von den Männerhorden mit Hautfarbe, die das Abendland stürmen. Sie alle schnappen ihnen die Beute weg. Von der verschwulten und verlesbten Gesellschaft sowieso. Sie sind, so sehen sie sich, verhinderte Männer.

In ihren Einzelzellen kommunizieren sie mit anderen Einzellnern, die sich wie sie als Abgewiesene empfinden, sich in diesem Abgewiesensein suhlen, sich gegenseitig bedauern, runterziehen und zugleich empowern. Gegen das Feindbild an sich: die Frau. Den Fremdkörper an sich. Weil, was ist passiert, dass in einer Gesellschaft, in der theoretisch alles allen zur Verfügung steht, gerade die Frau nicht mehr verfügbar ist? Gibt keinen Self Service mehr. Gibt sie nicht mehr gratis, lebenslänglich und garantiert, sie steht auf eigenen Füßen, die nimmt sie bei Bedarf in die Hand. Selbst der Zeuger hat seine Allmacht verloren, auch kleine Geschöpfe gehen ihm durch die Latten.

Viele sind längst abgetaucht, tappen durchs Dunkelnetz, gehen unter im Deep State. Suchen Zuflucht bei einer verschworenen Gemeinschaft, der die Welt zur Verschwörungstheorie gerinnt. Rennen Rechten hinterher, die sich die Rettung des unterdrückten weißen Mannes auf die Fahne geheftet haben. Höcke von der AFD spricht von Mannhaftigkeit, Wehrhaftigkeit ist nicht weit. Manchmal, nach einem Attentat, einer Terrorattacke, lautet die Diagnose Incel.

Natürlich ist nicht jeder Vereinsamte und Verbitterte ein Incel. Nicht jeder Mann, der über die Weiber schimpft, plant die Ausrottung der halben Menschheit, oder auch nur einer Vertreterin davon.

Am Anfang ist ein einsamer Teenager, der auf einem Sofa weiter vereinsamt, das Leben findet draußen statt, die Welt findet draußen statt, er ist nicht eingeladen, er hatte nie die richtigen Klamotten, die richtigen Eltern, den richtigen Spruch, er war nicht richtig. Er verschanzt sich hinter dem Bildschutzschirm, hier ist er in Sicherheit. Eine Couchkartoffel, gefüttert von den irrlichternden Eingebungen, die in der virtuellen Community herumspuken. Die sind voller Widersprüche, aber es läuft immer auf die üblichen Verdächtigen hinaus. Die unverständliche Welt, das Bildungsbesteck fehlt meistens, wird zusammengereimt, zusammengebastelt. Sie fällt immer wieder auseinander. Die Schuld der Juden!

Man könnte meinen, ein echter rechter Incel wäre gerade jetzt in seinem Element. In dieser Zeit, in der viele von uns zu Einzellern mutieren, regredieren, abgesondert wie wir vor uns hinleben, immer absonderlicher werden. Er ist nicht mehr allein allein. Auch die Alphas haben keinen Sex mehr, Deep Pression hat alle befallen, das Leben ist überhaupt nicht mehr geil. Aber jetzt ist die Mann-Haft auch noch verordnet. Mann, der gedemütigte Maskenmensch, darf Frau nicht einmal mehr nahekommen.

Der lautlose Schrei des Incel ist unüberhörbar. Er ist nicht nur der Schrei des Monsters. Er ist auch Ausdruck der Pein des hoffnungslos Vereinzellten. Erlöser von diesem Wahnbild der Männlichkeit könnten Männer sein. Echte, coole Männer. Mit oder ohne Sternchen.

Michèle Thoma
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