Thronwechsel

Unschuld ohne Krone

d'Lëtzebuerger Land vom 23.12.1999

Als im Dezember 1997 die Verfassung geändert wurde, um für den bevorstehenden Thronwechsel das Amt des laut Grundgesetz geweihten und alleinherrschenden Großherzogs zu demokratisieren und zu säkularisieren, gab es einen einzigen, kümmerlichen Protest. Ein Leserbrief im Luxemburger Wort wehrte sich gegen dieses Zugeständnis an den Zeitgeist, der angeblich alles Edle in den Schmutz zieht. Auch auf der Gegenseite durfte die damalige Fraktionssprecherin der Grünen Renée Wagener nur noch im persönlichen und nicht mehr im Namen ihrer Fraktion bedauern, dass die monarchistische Staatsform seit 1919 nicht mehr in Frage gestellt wird.

Dabei hatten die Grünen in ihren Flegel-Innenjahren noch an der Monarchie herumgemäkelt. Doch so wenig wie es ausgesprochene Gegner der Monarchie gibt, so wenig gibt es ausgesprochene Befürworter.

Die von Graf Nikolai Tolstoy präsidierte Internationale Monarchistische Liga in London unterhält Kontakte zu fast 200 monarchistischen Vereinigungen - selbst in vielen Republiken -, von Albanien und Australien über Aserbaidschan,  Brasilien, Bulgarien, Äthiopien, Frankreich, Großbritannien, Hawaii, Irak, Italien, Polen, Portugal, Rumänien, Russland und Serbien bis zur Türkei und Vietnam. Doch in Luxemburg gibt es nicht den kleinsten Verein, der für die Überlegenheit eines gekrönten Staatsoberhaupts über ein gewähltes wirbt. Der betont, dass ein Monarch über den politischen Parteien und Geschäftsinteressen stehe, alle Klassen und Rassen der Nation vereine, nicht opportunistisch an seine Wiederwahl zu denken brauche und ein Garant gegen zivile oder militärische Diktatur sei, wie die Internationale Monarchistische Liga betont - auch wenn es jede Menge geschichtlicher Beispiele gibt, die das Gegenteil beweisen.

Dass Luxemburg eine Monarchie ist, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein, die vor allem mit Gleichgültigkeit quittiert wird. Tatsächlich sind auch die Hälfte der EU-Staaten Monarchien: Großbritannien, Dä-ne-mark, Schweden, Spanien, die Niederlande, Belgien und Luxemburg, zu denen noch Monaco und die letzte absolutistische Monarchie Europas hinzukommen, der Vatikanstaat.

Schließlich bewegt die Monarchie sich unauffällig durch die Gesellschaft. Die Funktionen des Großherzogs sind weitgehend repräsentativ. Nur in Falten und Rissen der Politik, in Übergangsphasen der Macht, hätte er die Gelegenheit, einzugreifen. Sollte bei den kommenden Wahlgängen die CSV weiter Stimmen verlieren und Wahlsieger immer schwerer auszumachen sein, könnte er durch die Wahl des Informateurs und Formateurs die Regierungsbildung beeinflussen. Doch einem Gesetz, wie der belgische König dem Abtreibungsgesetz, oder einer Ernennung aus ideologischen Gründen die Unterschrift zu verweigern, käme schon einer institutionellen Krise gleich. Und die Monarchie hat aus der Geschichte gelernt, dass sie mangels demokratischer Legitimierung kei-ne Herrschaftsform sein darf, sondern lediglich eine Form der Staatsrepräsentanz. Ihre Erbsünde, Großherzogin Marie-Adelheids weitergehende Ansprüche, brachten die Existenz der Monarchie selbst in Gefahr.

Doch diese Wunden sind offensichtlich verheilt, nicht zuletzt durch Großherzogin Charlotte, der es gelang, während des Zweiten Weltkriegs zur Ikone der nationalen Unabhängigkeit zu werden. Die Wunden sind so perfekt verheilt, dass die Ausrufung der Republik am 9. Januar 1919 durch eine von französischen Soldaten unterdrückte Volksbewegung und die Designierung des 72-jährigen Ingenieurs Emile Servais (1847-1928), Sohn von Staatsminister Emmanuel Servais, zum ersten Präsidenten der Republik Luxemburg bis heute aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht bleiben.

Und um jedes weitere Aufsehen im Ausland zu vermeiden, wurde vor zwei Jahren Artikel 33 der Verfassung geändert, weil er behauptete, dass der Großherzog alleine die Exekutivgewalt ausübe, so dass Studien der Vereinten Nationen bezweifelten, ob Luxemburg überhaupt eine Demokratie sei. So kann die Erbmonarchie in dem Mikrostaat, der sich als Zufallsprodukt der Geschichte empfindet, unbehelligt weiter jene Kontinuität und Verankerung in der Geschichte symbolisieren, die heimlich immer wieder angezweifelt wird.

Unangenehmer ist den Luxemburgern, dass ihre Monarchie ein Großherzogtum ist. Denn dies wirft sie zurück auf ihren nationalen Minderwertigkeitskomplex, unter dem sie leiden, wenn andere Urlauber sie beim Sonnenbaden am Strand nach ihrer Herkunft fragen. Sie leiden darunter, dass der Mikrostaat so klein ist, dass er im Ausland Lächeln verursacht, dass ihre Sprache eigentlich keine richtige Sprache ist und ihr Monarch kein richtiger König, sondern lediglich ein für fremde Ohren nach Operettenkönig klingender Großherzog.

Großherzogtümer waren eine Empire-Mode, wie all die schwerfälligen Tische, pompösen Sessel und klassizistischen Wandverzierungen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in hoff-nungslos überladenen Räumen Größe und Reichtum des Kaiserreichs feiern sollten. Denn mit Ausnahme des 1569 entstandenen Großherzogtums Toskana wurden alle Großherzogtümer der Ge-schich-te in den zehn Jahren zwischen 1806 und 1815, von Napoleon I. und dem Wiener Kongress geschaffen.

Und wie der ganze Empire-Stil waren die jeweils nur einige hunderttausend Einwohner zählenden Großherzogtümer mehr Pomp als nützlich. Deshalb blieben sie entsprechend kurzlebig. Einige, wie die Großherzogtümer Berg, Würzburg, Warschau und Frankfurt, wurden keine zehn Jahre alt. Die restlichen sieben gehörten allesamt dem Deutschen Bund an, Baden, Hessen-Darmstadt, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg und Luxemburg, und gingen 1818 mit dem deutsche Kaiserreich unter - bis auf Luxemburg, das mit Mühe und Not den Ersten Weltkrieg überstand.

In der Hierarchie der europäischen Fürsten rangiert ein Großherzog zwischen einem Herzog und König beziehungsweise Kurfürst und verdient deshalb, im Gegensatz zu einem Herzog, die Anrede "königliche Hoheit". Eine fromme Legende erzählt, dass das Herzogtum Luxemburg auf dem Wiener Kongress 1815 zum Großherzogtum befördert wurde, um es über die Abtrennung seiner Gebiete östlich von Mosel, Sauer und Our hinwegzutrösten. So als ob sich bei der Neuaufteilung des Kontinents auf dem Wiener Kongress irgendjemand um die Gefühlslage der Untertanen geschert hätte. Vielmehr sollte dem König der Niederlande Wilhelm I. erspart werden, als simpler Herzog von Luxemburg im Deutschen Bund auftreten zu müssen.

So muss das heute einzige Großherzogtum der Welt als Kinderportion eines Königreiches erscheinen. Und der nationale Minderwertigkeitskomplex wird nicht dadurch gelindert, dass der Luxemburger Monarchie die aus Märchen und Kostümfilmen jedem Kind vertrauten Insignien fehlen. Der Großherzog hat keine Krone, Großherzogin Charlotte trug bei feierlichen Anlässen lediglich ein diamantenbesetztes Silberdiadem, dessen Herkunft nicht einmal klar ist. Aber auch das war nur ein Kronenersatz.

Dem Luxemburger Thron fehlt selbst der Thron. Ein plumper und eckiger klassizistischer Eichensessel, der 1889 bei der Vereidigung von Großherzog Adolf als Thron diente, verschwand danach im Depot der Bautenverwaltung, bis er 1990 einmal fünf Wochen lang im Staatsmuseum ausgestellt war.

Selbst das großherzogliche Palais beeindruckt nicht durch seine Größe, so dass er von Ortsfremden mit dem Geschäftssitz der Arbed oder der Sparkasse verwechselt wird. Die Renovierung der Palastfassade und die aseptische Fußgängerzone davor, die jede Strukturierung des Raums auslöscht, lassen das Gebäude als eine unwirkliche Kulisse erscheinen.

Glaubt man, natürlich ausländischen, Angaben über die Vermögensverhältnisse der Luxemburger Dynastie, ist das Fehlen von Herrschaftssymbolen kein Armutszeichen. Es symbolisiert vielmehr, wie filigran und vorsichtig die Monarchie und das Staatsoberhaupt in der Luxemburger Gesellschaft präsent sind. Trotz aller Volkstümlichkeit bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und akademischen Sitzungen inszeniert die Monarchie sich außerhalb der Gesellschaft, bleibt irreal und von der Wirklichkeit abgehoben, um weder den Hauch des geheimnisvoll Auserwählten zu verlieren, noch Gegenstand politischer Kontroversen zu werden.

In der Öffentlichkeit spielt die kinderreiche großherzogliche Familie vor allem endlos die Idylle des katholischen Familienideals, wie es nie existierte, aber immer von rechten Familienpolitikern erträumt wird. Bis in seinen Patriarchalismus, denn internationale Studien über die Gleichstellung von Männern und Frauen beanstanden das Nassauer Erbfolgerecht, das Prinzen Vorrang vor Prinzessinnen einräumt.

So wird dann immer wieder stolz hervorgehoben, dass das Luxemburger Herrscherhaus nie in den Schlagzeilen der internationalen Klatschpresse auftaucht. Und gerade in diesem Umstand, in diesem Lob der Unschuld scheint die unbewusste Identifizierung der Luxemburger mit dem Bild, das sie sich von der Monarchie machen, ihren Höhepunkt zu erreichen. 

Denn in ihren Augen symbolisiert die unschuldige Monarchie die Unschuld, die sie dem ganzen Land und sich selbst andichten. Die andere Seite des nationalen Minderwertigkeitskomplexes, des machtlosen Zwergstaats ist das Bild des Landes, das sich für klein und damit auch unschuldig wie ein Kind hält, während das neidische Ausland aus ihm einen Hort der Geldwäsche und der Sünde macht. Heißt es in Shakes-peares Richard III "The King's name is a tower of strenght", so ist der Name des Großherzogs ein Symbol der Schwäche, nämlich des Machtverzichts und damit der Unschuld. Stellvertretend für unserer aller Unschuld.

 

Romain Hilgert
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