Die kleine Zeitzeugin

Das Leiden hat ein Ende

d'Lëtzebuerger Land vom 22.05.2026

Wie gut es ist, dass ich eine Oma bin und ein Dach überm Kopf habe und nicht so ein armer junger Mann, der im Regen vor dem Rathaus in Wien steht und nass und nässer wird, es schüttet und gießt und fließt und seine Haare kleben am Kopf während er sich weiter schiebt in der Schlange mit dem Ziel begrapscht und durchwühlt zu werden wie am Flughafen, nur dass es nicht einmal ein Flugzeug gibt, irgendwohin, raus! Ich stehe vor dem Rathausplatz, vor Gittern Absperrungen Zäunen, hinter denen die armen triefenden Tröpfe darauf warten, dass sie endlich in die Hölle dürfen. Wie gut, dass ich ein Dach überm Kopf habe, Pantoffeln, einen Ohrensessel, und sogar eine Kaffeemaschine! Ich trolle mich durch die gespensterhaft leere Stadt, Superstimmung! melden die Medien und zeigen nasse, aber glückliche Menschen.

Ich weiß, was auf mich zukommt, ich habe meine Überlebensmechanismen aktiviert, Bachblüten, Kaffee, Zen, OM, das Alles-gut-Mantra, es kann losgehen, sie können auf mich losgehen, es ist wie immer, es ist wie Fast Food oder eine Droge, der erste Bissen Schluck Schuss ist schrecklich und man will ihn aus sich ausscheiden und nur noch Bääh! schreien, aber, wie fatal!, es ist geschehen, beim zweiten wird’s besser, beim dritten gewöhnt man sich und ohne den vierten geht’s gar nicht. Und bin ich nicht ein Profi der Feierabendfolter, die die europäischen Fernsehanstalten jährlich ihren Konsument/innen gönnen?

Was habe ich schon alles survivet! Es begann so unschuldig mit der frischgewaschenen Stimme von Sandy Shaw, dem Aufbruch auf nackten Füßen. Zwar besang sie ein Marionettenmädchen, France Gall war gar eine Wachspuppe, und Udo Jürgens schraubschmalzte sich in die Gehörgänge indem er sich superklebrig bei Chérie bedankte. Die Herren wurden langweilig männlich gelesen, sie trugen fantasielose Anzüge, und die Frauen Roben, die Moderatorinnen wussten, was sich gehört.

Dann war ich ein paar Jahrzehnte wegen Lebens entschuldigt, und als ich wieder einstieg, war auch der Osten eingestiegen und mischte mit sehr weiblich gelesenen Damen den lendenlahmen Westen auf. Die vielen Länder des zerstörten Jugoslawiens schanzten einander familiär nostalgisch die Punkte zu, der Westen wurde immer einsamer. Bald dominierten blasse Jungs die Szene, Russland und Weißrussland schickten noch wacker Babuschkas und Donnerbusendivas, dann bekamen auch hier die Buben eine Chance. Jetzt sind die beiden Russlands weg, vor den Absperrgittern im Regen stehen die Anti-Israel-Demonstrant/innen, und ich sitz im Ohrensessel und weiß nicht. Kunst oder Krieg oder Freiheit, ich kann mich nicht entscheiden. Der Israeli gefällt mir auch noch, er erinnert mich an türkische Wiener Bauarbeiter in den siebziger Jahren, bevor ich mit gerontotypischer Verspätung draufkomme, dass das jetzt der Look ist. Er hat so eine Offenheit und Freundlichkeit, und das Lied ist auch auszuhalten, soll ich ihn wählen?

Es geht anscheinend um Party, die Rechten schäumen, weil nur noch Party, und was für welche! Nicht alle tragen Trachten und Hirschgeweihe und die Gemächte nach alter Väter Sitte, und es geht anscheinend gar nicht mehr um Kunst. Um das Lied. Um das Liedgut. Nur noch um Party, und ein Geschlecht dominiert, wo sind die holden Mägdelein? Die Nichtrechten reden von Demokratie und Vielfalt und der Zebrastreifen vor dem Burgtheater ist regenbogenfarben im Regen. So vielfältig erscheint es zwar der, die draußen vor den Absperrgittern im Regen steht, auch wieder nicht, es sind vorwiegend Herren, die dominierende Hautfarbe ist gräulich. Die Nichtrechten beschwören die Werte, die westlichen, die es aber auch im Osten geben kann. Z.B. in einem Land, in dem der Polizeiminister sich stolz mit einer Geburtstagstorte mit Galgenstrick-Deko präsentiert. Nein, kein fake.

Es ist so kompliziert wie die Welt, und ich sitze schicksalsergeben in meinem Ohrensessel und lasse es über mich ergehen.

Robotergehüpfe à la Achtziger. Sich windende Jungs aus aller Herren Ländern. Guter alter deutscher Stripteasebudenflair. Vampirmetallklauen aus Osteuropa. Männerpathos aus Albanien, der traurigen Mutter des Migranten gewidmet, ich werde schwach. Mutter Erde wird auch besungen, und die Sonnengöttin aus Australien strahlt so intensiv, dass die Herrenmoderatoren ins Stammeln geraten.

Schauriger Schrott, Glitzern des Grauens! Kriegskrachkonsummaschinerie, die niederknüppelt, niederballert, niederbombt! Lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Den Müll für Masochistinnen! Die sich das geben, sich dem ergeben, alles aufgeben, sich selbst, jede Hoffnung. Und dann. Es ist vorbei. Es ist vollbracht. Uff! Die Bulgar/innen. Eh lieb.

Michèle Thoma
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