Luxemburger als Besatzer im Nachkriegsdeutschland (1945–1955)

„Anschluss der Eifel“

d'Lëtzebuerger Land du 18.02.2022

Die Beteiligung luxemburgischer Truppen an der Besatzung Nachkriegsdeutschlands liegt sicherlich ein gutes Stück außerhalb des zeithistorischen Wissenskanons. Dabei handelte es sich bei dieser kuriosen militärischen Intervention doch um eine harsche historische Realität: Zwischen 1945 und 1955 besetzte die luxemburgische Armee unter französischem Oberkommando zwei Sektoren in den Landkreisen Bitburg und Saarburg. Die Mission dieser Besatzungstruppen war zunächst eine höchst politische: Ihr Auftritt in Deutschland sollte die zukünftige Verpflichtungspolitik des Großherzogtums auf Seiten der westlichen Alliierten demonstrativ unterstreichen, dem Kleinstaat einen konkreten Platz am Verhandlungstisch der Siegermächte in Berlin sichern und auf längere Sicht seine Integration in die europäischen und atlantischen Allianzen garantieren. Daneben verfolgte die Luxemburger Regierung mit ihren Besatzungstruppen auf deutschem Staatsgebiet jedoch auch ganz eigennützige außenpolitische Ziele: so sollte die Besatzungsarmee in der Eifel und an der Saar „par une politique d’occupation juste l’annexion éventuelle de ce territoire“1 vorbereiten.

In ihrer konkreten Form vollzog sich die luxemburgische Besatzung jedoch nicht hinter den abgeschlossenen Türen der ministeriellen Büros oder auf den Kartentischen der Militärs; sondern in den ausgebombten Straßen von Bitburg, in den abgelegenen Bauerndörfern der Eifel und in den Winzerortschaften zwischen Mosel und Saar. Für mehrere zehntausende Besatzer und Besetzte stellte diese Okkupation für fast ein ganzes Jahrzehnt – von November 1945 bis Juli 1955 – eine alltägliche Realität dar, für die es einen modus vivendi zu finden galt. Die Luxemburger Besatzung schuf insofern politische Rahmenbedingungen für die ersten deutsch-luxemburgischen Begegnungen und sozialen Interaktionen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die Geburt einer Armee

Am 20. Oktober 1945 unterzeichneten Vertreter der Luxemburger Regierung und des „Général Commandant en Chef Français en Allemagne“ ein Abkommen, durch welches der luxemburgischen Armee zwei Sektoren innerhalb der französischen Besatzungszone zugesprochen wurden. Am symbolisch gewählten Stichdatum des 11. November 1945 erfolgte knapp drei Wochen später der feierliche Einzug des 2. Infanterie-Bataillons der neuen Luxemburger Armee in den ihm zugewiesenen Sektor im Landkreis Bitburg. Zwei Tage darauf rückten die Soldaten des 1. Bataillons ihrerseits in die westliche Hälfte des Kreises Saarburg ein. Allerdings konnte der pompöse Einmarsch beider Einheiten im Beisein hoher Würdeträger sowie hunderter ekstatischer Zivilisten den überstürzten Charakter der militärischen Intervention nicht so recht übertünchen. Denn die luxemburgische Besatzungsarmee war vor allem eins: improvisiert. Die rund 1 500 Mann der jungen Besatzungstruppen waren ab Juli 1945 im Eilverfahren für ihren Einsatz in Deutschland ausgebildet worden. Ihr oftmals rudimentäres Training und ihr akuter Mangel an moderner Ausrüstung sowie an klaren besatzungspolitischen Instruktionen machte aus ihnen eine nur bedingt einsetzbare Armee. „The ‚Army‘ which has come into being is a token force of no military value“2, notierte der Leiter der British Military Mission in Luxemburg geringschätzig. Ähnlich harsch fiel das Urteil des Personaloffiziers im luxemburgischen Generalstab aus: „[N]os bataillons actuels ne sont bons à grand’chose.“3

Tatsächlich handelte es sich beim Aufbau der luxemburgischen Nachkriegsarmee um eine komplizierte Geburt. Zwar hatte die Regierung bereits Ende 1944 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, und in den Rekrutierungsbüros standen die Bewerber für eine Karriere in Uniform Schlange, doch ohne erfahrene Instruktoren sowie an Militärakademien geschulte Offiziere geriet der Aufbau der Streitkräfte zwangsläufig ins Stocken. Die Luxemburger Armee lebte in ihrer Anfangszeit dementsprechend vom Improvisationsvermögen ihrer zahlreichen kriegsgeprägten Rekruten. Doch was deren Erfahrungen anging, so hätten diese gegensätzlicher gar nicht sein können. In den luxemburgischen Besatzungstruppen begegneten sich Männer, die das Kriegsgeschehen an den verschiedensten Fronten und gar selbst in konträren Uniformen aktiv miterlebt hatten. Hier trafen ehemalige Widerstandskämpfer auf „Zwangsrekrutierte“, KZ-Überlebende auf Alliierte Befreiungskämpfer, sowie Veteranen der Fremdenlegion auf blutjunge Aspiranten. So wertvoll diese Kriegserfahrungen auch auf den ersten Blick schienen, so problematisch erwiesen sie sich allerdings rasch zur Konsolidierung der neuen Institution. Die luxemburgische Nachkriegsarmee präsentierte sich als explosive Mischung – als ein von divergierenden Kriegsschicksalen angefachter, nahezu überbrodelnder Schmelztiegel.

Aller Heterogenität zum Trotz liefen die divergierenden Kriegserfahrungen, und folglich auch die Erwartungen gegenüber der direkten Zukunft in einem Punkt jedoch wieder eng zusammen. Nahezu alle Offiziere und Soldaten der neuen Luxemburger Besatzungsarmee hatten durch den Krieg, die Besatzung und die Annexion Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg persönliches Leid und Unrecht erfahren und betrachteten sich und ihre Familien als Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Innerhalb der Armee herrschte in der direkten Nachkriegszeit dementsprechend in allen Rängen ein germanophober Revanchismus. Jene Truppen, welche im November 1945 in die Landkreise Bitburg und Saarburg einrückten, brannten folglich – wie dies ein hoher Offizier auf den Punkt brachte – nur drauf, „dem Preiss den Hals ömzedre’en.“4

„Der Spieß ist umgedreht“

Einen Tag vor dem geplanten Einmarsch der Besatzungstruppen im Landkreis Bitburg heizte die resistenznahe D’Unio’n die bereits angespannte Atmosphäre innerhalb der Armee anhand polemischer Aufrufe abermals auf. „Op iech hât de Preiss et am méschten ofgesin, iêch hât en an de’ verhâsst preisesch uniform force’ert“, appellierte die Tageszeitung an die zukünftigen Besatzer. „An de’ next woch stitt dir, de’selwecht jongen, als letzeburger zaldoten de’seit der grenz, um preiseschem buedem […]. Dir, wuer der och kommt, an d’Eifel oder un d’Saar, stroft se duerch veruechtong.5 “Das perpetuell in allen Medien heraufbeschworene Feindbild des „Preiss“ stieß, wie bereits unterstrichen, aufgrund der diversen Kriegserfahrungen in den Köpfen der Soldaten und Offiziere auf äußerst fruchtbaren Boden. „Der Luxemburger ist sicher kein Mensch der Revanche-Gedanken“, bestärkte zwar am 13. November 1945 noch das ansonsten eher zurückhaltende Tageblatt. Und dennoch: „die Schadenfreude steigt einem auf, man will oder man will nicht.“6

Ähnlich beurteilten die direkten militärischen Teilnehmer die Lage. In den Augen vieler Besatzer präsentierte sich die Beteiligung der luxemburgischen Armee an der Okkupation Nachkriegsdeutschlands als eine Art symbolische Reparationszahlung für das unter Nazi-Herrschaft erfahrene persönliche und kollektive Unrecht. Dass Luxemburger Truppen nun deutsches Gebiet besetzten, erschien den meisten Soldaten dabei nicht nur als persönliche Genugtuung; seine ganze Brisanz erhielt die Okkupation erst dadurch, dass sie in den Köpfen der Luxemburger als wahrhafte Umkehrung der Besatzungsherrschaften interpretiert wurde. „An elo ass et un ons fir ze besetzen!“7 jubilierte die Wochenzeitung Ons Jongen Ende November 1945. „Der Spieß ist umgedreht“, echote das Tageblatt. „[D]ie früheren Nazis, die Unterdrücker haben den zeitweiligen Unterjochten, den Mitsiegern von heute zu gehorchen.“8

Rein graphisch fand dieser Rollentausch seinen Höhepunkt in den Karikaturen des späteren Offiziers Pierre Bergem, welcher 1945 für das Luxemburger Wort und Ons Jongen mehrere revanchistische Zeichnungen anfertigte.9 In „Chacun son tour“ schreiten zwei Besatzer triumphierend in gleicher Pose nebeneinander: links marschiert ein Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg über den Pont Adolphe in Luxemburg-Stadt, rechts stolziert ein luxemburgischer Leutnant – höchstwahrscheinlich Bergems alter ego – Ende 1945 durch das besetzte Bitburg. Andere Publikationen bedienten sich hingegen gezielt einer nationalsozialistisch belasteten Sprache und Rhetorik, um den Rollentausch zu unterstreichen.

So parodierte die Revue in ihrer Bildreportage zum 11. und 13. November sprachlich den unter deutscher Besatzung alltäglich ausgestrahlten „Wehrmachtsbericht“, und präsentierte die luxemburgischen Sektoren voller Hohn als dringend benötigten „Lebensraum“ der neuen Armee.10 Auch innerhalb der Streitkräfte blieben solche Stilmittel weit verbreitet: in Bitburg verkündeten in den ersten Jahren der Besatzung mehrmals luxemburgische Offiziere den Besetzten, dass ein „Anschluss“ der Eifel an das Großherzogtum bald bevorstehe.11 Zur Frage der Entnazifizierung notierte ein Generalstabsoffizier in einem Schreiben an Premierminister Dupong: „il faut, pour des raisons de sécurité militaire les ‚freiwillig nach dem Osten umsiedeln‘.“12

Auch rein alltagspraktisch reproduzierten die luxemburgischen Besatzer in Deutschland Rollen und Praktiken, welche sie aus ihrem ursprünglichen Kontext – der deutschen Besatzung Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg – bewusst exportierten, um damit der deutschen Zivilbevölkerung die Umkehrung der Besatzungsherrschaft besonders eindrücklich vor Augen zu führen. In Anlehnung an den nationalsozialistischen „Fahnengruß“ verpflichtete die Luxemburger Besatzungsmacht die gesamte männliche Bevölkerung in Bitburg zum Gruß der rot-weiß-blauen Landesfahne. In den Augen vieler Besatzer erschien die Maßnahme dadurch legitim, dass die Luxemburger diese Praktiken während des vorangegangenen Krieges „ja von [den Deutschen] gelernt“13 hatten. Wer vor diesem „symbolischen Pranger“14 den Gruß ignorierte oder verweigerte, wurde unweigerlich zum Objekt der ungehemmten Beschämungspraktiken der Luxemburger Besatzer. Unter Schlägen und Tritten mussten viele Bitburger minutenlang um den Fahnenmast herumlaufen oder sich demütig vor der Fahnenstange in den Straßendreck knien. Ein Bitburger Kaufmann wurde nach einem Fluchtversuch misshandelt, musste vor den Soldaten in Pfützen knien, nationalsozialistische Propagandalieder vorsingen und aus Abfalleimern Essensreste verzehren.15 „Je sais parfaitement que les troupes allemandes et la Gestapo pendant les années d’occupation ont été très dures pour la population du Luxembourg“, notierte der französische Délégué des Landkreises Bitburg angesichts dieser Übergriffe. „[Mais] j’estime ces procédés inadmissibles.“16 Der Bericht sollte Folgen haben.

Besatzer zweiter Klasse

Am Abend des 29. April 1946 wurde Albert Wehrer, Chef der Luxemburger Militärmission beim Alliierten Kontrollrat in Berlin, für ein Vier-Augen-Gespräch in die Privatresidenz des französischen Oberbefehlshabers in Deutschland gebeten. General Pierre Kœnig galt Wehrer zwar eigentlich als vertrauter Gesprächspartner, doch dieses Mal sollte der Abend in der Villa Borsig alles andere als harmonisch enden. Koenig legte Wehrer mehrere belastende Berichte vor, beanstandete, „que les troupes luxembourgeoises […] lui avaient causé de très graves ennuis“, „que la situation risquerait de devenir intenable“ und forderte einen unverzüglichen Umschwung der luxemburgischen Besatzungspolitik in beiden Sektoren.17 Nicht nur hinterließ der Abend beim luxemburgischen Geschäftsführer in Berlin einen „souvenir pénible“18, sondern er führte allen Beteiligten nochmals klar die Machtverhältnisse in den von Luxemburg besetzten Territorien vor Augen. Die luxemburgische Armee trat in den Landkreisen Bitburg und Saarburg zwar vielleicht als alleinige militärische Besatzungsmacht auf – doch den Takt gaben letztendlich noch immer die Franzosen an. Die Luxemburger spielten nur die zweite Geige.

Die eklatante Abhängigkeit gegenüber der französischen Militärregierung sorgte dabei sowohl innerhalb der Armee als auch in der breiten Bevölkerung rasch für Unmut. „Notre armée participe dans une certaine mesure à l’occupation d’une partie de l’Allemagne“, empörte sich der LSAP-Abgeordnete Adrien van Kauvenbergh im Februar 1946 in der Chamber. „Je dis bien: dans une certaine mesure, car dans la zone occupée par nos troupes, nous n’exerçons ni un pouvoir administratif quelconque, ni même un pouvoir purement militaire. Nos soldats sont à l’ordre d’une puissance alliée, oui! mais étrangère tout de même.“19 Tatsächlich war die Abhängigkeit der Luxemburger Soldaten gegenüber dem französischen Gouvernment Militaire frappierend und bot der kleinen Besatzungsmacht de jure nur wenige Handlungsspielräume. Zur Festnahme ehemaliger Nationalsozialisten, zur Einrichtung neuer Infrastrukturen, ja selbst für unbedeutende Materialkäufe – stets mussten die luxemburgischen Besatzungstruppen im Voraus die Zustimmung der französischen Militärregierung einholen. Zudem hatte jeder Schriftverkehr mit deutschen Lokalbehörden über französische Dienststellen zu erfolgen. „Malheureusement le rôle de nos soldats doit se contenter de jouer le rôle d’un occupant de 2e et 3e classe“20, ließ ein luxemburgischer Leutnant Anfang Januar 1946 frustriert seinen Vorgesetzten wissen.

Diese lähmende Dependenz riskierte die Luxemburger Armee wiederholt als Besatzungsmacht zu kompromittieren, da sie ein gewisses Legitimitätsdefizit offenlegte. Im Prinzip war das luxemburgische Besatzungsregime (wie auch jenes der anderen Alliierten) eine Form der „Fremdherrschaft“, deren politische Autorität sich nicht aus der Akzeptanz der Zivilbevölkerung ableitete, sondern an erster Stelle auf der Aufrechterhaltung militärischer Kontrolle fußte. Im luxemburgischen Fall war dieses Legitimitätsdefizit gleich doppelt: nicht nur galten sie in den Augen der deutschen Besetzten als militärische Fremdherrscher, sondern auch noch als „Besatzer zweiter Klasse“ – quasi als verlängerter Arm der „eigentlichen“ Besatzungsmacht Frankreich. Die Autorität der Luxemburger Armee, die in den Augen vieler Deutschen „auch ein bißchen Besatzungsmacht zu spielen“21 versuchte, war somit alles andere als garantiert. Die direkte Konsequenz dieses prekären Machtverhältnisses war ein oftmals überzogenes Auftreten der luxemburgischen Truppen als „harte“ und durchsetzungsfähige Besatzer. Kollektive Bestrafungen von deutschen Zivilisten, Einschüchterungstaktiken sowie die willkürliche Anwendung von militärischer Gewalt waren folglich während der ersten Monate der luxemburgischen Okkupation weit verbreitet. Auf den Alltag der luxemburgischen Besatzung hatten diese Maßnahmen einen unweigerlich negativen Einfluss. Und dennoch gestalteten sich die alltäglichen Beziehungen zwischen den einzelnen Soldaten und Zivilisten überraschend facettenreich.

Alltag im besetzten Bitburg

Die Kreisstadt Bitburg in der Eifel stellte für fast zehn Jahre – von November 1945 bis Juli 1955 – den bedeutendsten luxemburgischen Truppenstandort in Deutschland dar. In diesem Mikrokosmos der luxemburgischen Besatzung begegneten sich tagtäglich tausende Besatzer und Besetzte, wodurch sich über die Gesamtdauer der Okkupation ein höchst dynamisches Beziehungsgeflecht entwickeln konnte. In Hinsicht auf die vielfältigen sozialen Interaktionen im „besetzten“ Alltag wäre es somit unangemessen, von einer starren Dichotomie zwischen Besatzern und Besetzten auszugehen. Luxemburgische Soldaten und Bitburger begegneten sich mit physischer und verbaler Gewalt, bedrohten, ignorierten oder tolerierten sich, schlossen auf dem Schwarzmarkt Geschäfte ab, „fraternisierten“ und gingen sexuelle Beziehungen ein, schlossen Freundschaften, heirateten und gründeten gar Familien. Die Beziehungen zwischen den „Besatzern“ und den „Besetzten“ waren folglich höchst dynamisch, offen und ambivalent.

Einerseits führte die Knappheit an Wohnraum in der vom Krieg zerstörten Eifelstadt zu einem zwangsläufigen Zusammenrücken beider Gruppen auf engstem Raum. Denn nach zweifacher Bombardierung lagen 83 Prozent der Stadtfläche Bitburgs in Schutt und Asche. „Wer […] Bitburg gesehen hat, der muß einfach nach Worten suchen”22, kommentierte ein Korrespondent der Obermosel-Zeitung ungläubig. Für die rund 3 800 verbleibenden Einwohner existierten Anfang 1946 nur noch 1 500 bewohnbare Zimmer – und dazu stieß nun zusätzlich ein rund tausendköpfiges luxemburgisches Bataillon. Das Gros der Besatzungstruppen bezog zwar bei seiner Ankunft die ehemaligen Wehrmachtskasernen am Stadtrand, doch für die Offiziere und Unteroffiziere mitsamt ihren Familien mussten geräumige Wohnbauten im Stadtzentrum requiriert werden. Jene Bitburger Familien, welche von den Besatzern dabei wortwörtlich vor die Tür gesetzt wurden, standen vor dem Nichts. Nicht nur verloren sie durch die Maßnahmen der Besatzer ihren physischen Privatbesitz, sondern auch die Räumlichkeiten ihrer emotionalen Sicherheit und Intimität.

Gleichwohl schuf das erzwungene Zusammenleben auch Kontaktmöglichkeiten zwischen Besatzern und Besetzten: trotz „Fraternisierungsverbot“ besuchten Soldaten und Zivilisten dieselben Gaststätten und Tanzlokale. Mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand zum Kriegsgeschehen und der Ankunft von Wehrpflichtigen, die den Krieg nur als Kinder miterlebt hatten, normalisierten sich auch die deutsch-luxemburgischen Verhältnisse in diesen Lokalen. Jene Rekruten, die ab 1950 in Bitburg stationiert waren, knüpften regelmäßig Kontakte mit der deutschen Kundschaft – besonders gerne mit den jungen Bitburgerinnen. So auch der spätere Schriftsteller Roger Manderscheid, dessen Autobiographie kein Detail solcher intimen Begegnungen ausspart: „am takt vun der musek. hu se do gerackert. hier kierpere gediebelt. hire bëllege parfüm äusgedonst. Luche se sech an den äerm. hu se sech d’oueren ugebass. den hals mat der zong propper geriwen.“23 Obwohl die Luxemburger Armee die „Fraternisation“ zwischen ihren Soldaten und deutschen Frauen aktiv durch Heiratsverbote, sozialen Druck und moralische Appelle vonseiten der Militärgeistlichen zu verhindern suchte, unterhielten viele Besatzer und Besetzte dennoch sexuelle Beziehungen. Eheschließungen erfolgten hingegen wiederum seltener. Denn obwohl solche ab Anfang der 1950er möglich wurden, gingen sie auf beiden Seiten weiterhin oft mit einer sozialen Ächtung einher.

Weniger intim, jedoch genauso konstitutiv für die deutsch-luxemburgischen Beziehungen erwiesen sich die Begegnungen in sakralen Räumlichkeiten. Jeden Sonntag hielt die luxemburgische Garnison einen exklusiv für die Besatzer und ihre Familien vorgesehenen Gottesdienst in der Bitburger Liebfrauenkirche ab. Allerdings wurde diese Messe – laut einem von der Militärzensur abgefangenen Brief eines Bitburgers von 1946 – „auch von den Deutschen stets bewohnt.“ Ausschlaggebend für den Andrang waren dabei nicht nur der gemeinsame katholische Glaube, sondern vor allem sprachliche Affinitäten zwischen dem Luxemburgischen und dem Bitburger „Platt“. Denn während die zivilen Gottesdienste in Bitburg traditionellerweise als lateinische Messen gefeiert wurden, lief die Messfeier der Garnison in großen Teilen auf Luxemburgisch ab. Dies zur großen Freude der Besetzten, da die „Predigten in Luxemburger Sprache ja von den alten Beberigen [Bitburgern] verstanden“24 werden konnten. Individuelle Interaktionen zwischen den Kirchgängern ermöglichte die gemeinsame Messe jedoch nicht; eine kollektive religiöse Annäherung hingegen schon. Dies beweist mitunter auch eine symbolische Geste der luxemburgischen Garnison bei deren Abzug im Juli 1955: Im Zeichen der deutsch-luxemburgischen Freundschaft stiftete die Armee der Liebfrauenkirche eine neue Glocke.

Von Besatzern zu…?

Zu Beginn der 1950er-Jahre hatten sich die deutsch-luxemburgischen Besatzungsbeziehungen in der Eifel weitestgehend normalisiert. „Heute ist das Verhältnis zwischen den Soldaten und Einheimischen ausgesprochen freundschaftlich“, berichtete der Berliner Telegraf bereits 1947. „Denn die Luxemburger Soldaten unterscheiden sich nur durch die fremden Uniformen von den Menschen, unter denen sie leben. Sie sprechen den gleichen Dialekt wie die Bitburger, sie haben die gleiche Religion wie die Einheimischen, und viele der Soldaten besuchen Familien, mit denen sie durch verwandtschaftliche Beziehungen verbunden sind.“25 Bitburger und luxemburgische Soldaten sahen sich aufgrund ihrer vielfältigen Kontakte nicht mehr zwangsläufig als Besatzer und Besetzte, sondern unter anderem auch als Gleichsprachige, als Gleichgläubige, gar als potenzielle Lebensgefährten. Die Geschichte der Luxemburger Besatzung erscheint in diesem Licht als die einer unvermeidlichen Annäherung; geradezu als ein Erfolgsmodell in Sachen Völkerverständigung. „Und so verließen die Luxemburger am 9. Juli 1955 als Freunde“26, könnte man schließen. Ein solch „europäisch“ angehauchtes „Von-Besatzern-zu-Freunden“-Narrativ kann der historischen Realität jedoch nicht gerecht werden. Denn ein solcher Pfad war 1945 in keiner Weise vorgegeben; eine rasche oder gar zwangsläufige Wiederannäherung erschien bei Kriegsende geradezu utopisch. Zudem verkennt eine solche Darstellung die Komplexität der deutsch-luxemburgischen Besatzungsbeziehungen. Denn diese blieben bis zum Abzug der kleinen Besatzungsmacht höchst ambivalent und unberechenbar – wie dies auch der französische Délégué in Bitburg Anfang 1955 nochmals feststellte: „Si de nombreux citadins [allemands] regrettent pour des raisons diverses le départ de cette garnison, d’autres ont toujours vu avec amertume les soldats de cette petite nation fouler leur sol.“27

Félix Streicher (*1996) ist FNR-Stipendiat und Doktorand an der Universität Maastricht. Für seine Forschungen zur luxemburgischen Besatzungszeit in Bitburg wurde er mit dem Deutsch-Französischen Geschichtspreis des Deutschen Historischen Instituts in Paris ausgezeichnet.


1 Archives de l’Armée Luxembourgeoise (ARMLux), ‘Correspondance 1945-1946’, Pierre Dupong an Major Arthur Ginter (14.11.1945).

2 The National Archives, London (TNA), FO 371/67664B, Major H. W. Holt, ‘The Luxembourg Army’ (30.04.1947).

3 Bericht des G-1 an Pierre Dupong (26.01.1946), zit. nach: Jacques Leider,
L’armée luxembourgeoise d’après-guerre: structures, fonctions, fonctionnement, Luxemburg 1993, S. 132.

4 Guillaume Albrecht, 13. November 1945, in: Booby Trap. Zeitschröft vum I. Bataillo’n (23.11.1945), S. 2.

5 Onsen zaldoten matt op de wé, in: D’Unio’n (10.11.1945), S. 2.

6 P[aul] M[uller], Luxemburgs historische Stunde. Mit dem 2. Bataillon im besetzten Bitburg, in: Escher Tageblatt (13.11.1945), S. 2.

7 Pe’l [Paul Schlechter], An elo ass et un ons fir ze besetzen!, in: Ons Jongen (30.11.1945), S. 1.

8 P[aul] M[uller], Luxemburgs historische Stunde, S. 2.

9 Letzeburg besetzt Deitschland. Eso’ geseit onsen Zéchner (Pierre Bergem) d’Besetzong, in: Luxemburger Wort (17.11.1945), S. 3; sowie Ons Jongen vom 15. Februar 1946.

10 J.P.H., Letzeburger besetzen Deitschland, in: Revue (1.12.1945), S. 68.

11 Centre des Archives Diplomatiques, Paris (CAD), 1RP/111/3, Jean Maquart an Claude Hettier de Boislambert (17.10.1946).

12 ARMLux, ‘Correspondance 1945-1946’, Secrétaire pour les Affaires Militaires an Pierre Dupong (17.11.1945).

13 Interview mit Marcel G. und Joseph W. (16.08.2016).

14 Ute Frevert, Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht, Frankfurt a. M. 2017, S. 76.

15 Archives Nationales de Luxembourg (ANLux), AE-AA-353, Procès-verbal d’enquête relative à l’arrestation de M[…] Pierre, à Bitbourg,
le 20 mars a.c. (10.05.1946).

16 CAD 1RP/111/3, Jean Maquart an den Général Commandant la 3ème D.B. Trèves (29.03.1946).

17 ANLux AE-08361, Albert Wehrer an
Joseph Bech (30.04.1946).

18 ANLux AE-08361, Albert Wehrer an
Joseph Bech (26.05.1946).

19 Compte Rendu des Séances de la Chambre des Députés, Session ordinaire de 1945-1946, S. 413.

20 Rapport confidentiel du Lt. Heldenstein (03.01.1946), zit. nach: Paul Modert, Le Luxembourg participe à l’occupation militaire de l’Allemagne après 1945, in: Collection „Les amis de l’histoire“ 13 (1983), S. 114.

21 Johann der Blinde und das blinde Volk, in: Die Zeit (25.11.1948), S. 9.

22 Die Franzosen übergeben einen Teil der Eifel den Luxemburgern, in: Obermosel-Zeitung (13.11.1945), S. 1.

23 Roger Manderscheid, Feier a Flam. Geschichten äus de fofzeger Joeren, Echternach 1995, S. 214.

24 ANLux ET-044, J. Peter W. an Charlotte L.-W. (10.09.1946).

25 Luxemburger als Besatzung, in: Telegraf (28.09.1947), S. 3.

26 Petra Willems, Zu Gast bei neu gewonnen, alten Freunden, in: Trierischer Volksfreund (05.07.2005).

27 CAD 1RP/160/2, Délégué du Cercle de Bitburg an den Commissaire pour l’État de Rhénanie-Palatinat (30.04.1955).

Felix Streicher
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