Seit anderthalb Jahren ist Ricardo Marques CSV-Abgeordneter.Eine Begegnung während der Echternacher Springprozession

„Eng reell Verbonnenheet mam Härgott“

d'Lëtzebuerger Land du 29.05.2026

Die Sonne brennt an diesem Dienstagmittag im Nacken. Die Menschen, die angereist sind, um sich die Sprangpresessioun anzuschauen, flüchten in den Schatten, den die Bäume am Marktplatz in Echternach werfen. Hunderte Pilger/innen stehen in Fünfer-Reihen, halten die Ecken weißer Taschentücher und wippen einen Schritt nach links, dann nach rechts. Blasmusik ertönt, als die Gruppe der Lëtzebuerger Guiden a Scouten vorbeihüpft, manche mit Kleinkindern auf dem Rücken. Dann herrscht wieder Ruhe, die Pilger bleiben stehen – bis die gleiche Melodie erneut erklingt und sie weiterziehen. Die Springprozession hat Tradition und kann bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Sie dient der Verehrung des Heiligen Willibrord, der in der Basilika der Abteistadt begraben liegt, und zählt seit 2010 zum Immateriellen Kulturerbe der Unesco. Aus diesem Grund wartet auch die Politik auf, unter anderem die Ost-CSV: Innenminister Léon Gloden, die Abgeordneten Octavie Modert und Stéphanie Weydert. Und Ricardo Marques, smart in weißem Hemd und Sonnenbrille, schwarzer Hose und glänzenden Lederschuhen.

26 Mal hat der Abgeordnete und Gemeinderat mittlerweile in seiner Heimatstadt an der Sprangpresessioun teilgenommen. Als er aufgrund von Abschlussprüfungen in seiner Studienstadt Paris zwei Mal aussetzen musste, habe er „richtige Trauer“ empfunden. Stark in seinem Heimatstädtchen verankert, wählte er den Weg der Gemeindepolitik. Er kam gut an – immerhin war er schon Messdiener in der Basilika und in den Echternacher Vereinen aktiv, besuchte das dortige Lyzeum und war Schülersprecher. Er kenne die Stadt in- und auswendig, sagt er. Nach seinem Eintritt in die CSV wurde er 2017 in den Schöffenrat gewählt. 2023 ging die große Gewinnerin der Wahlen, Carole Hartmann (DP), mit der LSAP eine Koalition ein und wurde Bürgermeisterin; die CSV und Ricardo Marques mussten in die Opposition.

Als Max Hengel, Bürgermeister von Wormeldingen und Freund von Ricardo Marques, im August 2024 starb, rückte Marques als Fünftgewählter im Osten ins Parlament nach. Seine Interventionen dort drehen sich vor allem um Bildung und soziale Themen; insbesondere um mentale Gesundheit und den Umgang mit Social Media und Smartphones für Jugendliche. Dabei ist der Unterschied zwischen DP und CSV in Jugend- und Bildungspolitik nicht immer ersichtlich, außer beim Ausbau der internationalen Schulen, den die CSV ablehnt. „Mir sin zevill kamoud gin an der Orientatioun“, sagt Ricardo Marques nach der Springprozession im Trifolion. Hinter der französischen Alphabetisierung steht er – und beschrieb im Parlament, wie er stets alleine seine Hausaufgaben machte und für seine Prüfungen lernte, weil seine Eltern kein Deutsch sprachen.

Sein Interesse an Bildung und Gesundheit lässt sich auch auf seinen Beruf zurückführen, Marques ist Psychologe. Er sei fasziniert davon gewesen, den „Menschen verstehen zu wollen“. In Paris beginnt er nach seinem Studium Familien zu begleiten, deren Kinder an einer neuromuskulären Krankheit leiden. Oftmals muss er den Eltern beistehen, wenn ihre Kinder sterben. Um das Schöffenamt anzunehmen, lässt er die Möglichkeit des Doktorats und seinen Job in Paris sausen. Zurück in Luxemburg tritt er eine Stelle im Sipo an, einem ambulanten Hilfezentrum für Kinder und Familien, wo er Kinder mit sozioemotionalen Störungen unterstützt. Nach vier Jahren Praxisarbeit wechselt er ins Bildungsministerium in den Service Stratégie et Projets.

Religion war Teil seiner Erziehung. Er spüre eine „reelle Verbundenheit mit dem Herrgott“, sagt Ricardo Marques. Dass die CSV die Freiheit auf Abtreibung in der Verfassung verankert habe, erklärt er damit, dass es eine Partei sei, die mit der Zeit geht; außerdem sei die eklatante Mehrheit der Frauen intern dafür gewesen. Er selbst setze das Recht der Frau moralisch nicht über das Recht auf Leben. Auf seinem rechten Oberarm hat er das portugiesische Wort viver tätowiert, gefolgt von einem Punkt. Jeden Tag wirklich zu leben, sei eine bewusste Entscheidung.

Dass die CSV in der jüngsten Sonndesfro so schlecht abschnitt, erklärt Ricardo Marques erst damit, wie die Fragestellung lautete. (Das erklärt den Sitzverlust nicht.) Trotzdem könne man das Resultat „nicht schönreden“. Die Stimmung im Land sei nicht gut und die Leute könnten den Unterschied zwischen Gambia II und der schwarz-blauen Regierung nicht ausreichend erkennen. Die CSV habe nocht nicht genug geliefert und müsse sich trauen, eine „andere Politik“ zu machen. Auch müsse der Anschein aufhören, dass die Christsozialen und ihr Premier die Letzten seien, die Entscheidungen treffen, etwa in Bezug auf die Tripartite; diese habe Premier Luc Frieden schon „seit Monaten beschäftigt“. Aufrechter Parteisoldat.

Im Gegensatz zu Octavie Modert, Stéphanie Weydert und Léon Gloden entstammt Marques keiner gut vernetzten Notabelfamilie, sondern ist der Sohn eines portugiesischen Arbeiterpaares. 1989 kam sein Vater aus der Region Braga nach Luxemburg und begann als „homme à tout faire“ in einem Hotel. Ein Jahr später schloss sich seine Frau an, um „das Gleiche zu tun“. Der Vater arbeitet später auf dem Bau, die Mutter als Putzhilfe. „Ich weiß demnach, was es bedeutet, mit dem Mindestlohn auskommen zu müssen.“ 1993 kam Ricardo Marques in Ettelbrück zur Welt, fünf Jahre später sein Bruder, der heute Zahnarzt ist. Eine lusophone Aufstiegsgeschichte also: Marques ist nach Félix Braz und Liz Braz der dritte portugiesischstämmige Politiker in der Kammer. Er selber betitelte sich zu Beginn seines Mandats als „Stimme der Einwanderer“. Dass er mit 24 Jahren zur CSV ging, erklärt er neben dem christlich-sozialen Aspekt auch damit, dass die Partei seinen Eltern in diesem Land „einen sicheren Boden bereitet“ habe. Würde er mit etwaigen zukünftigen Kindern Luxemburgisch oder Portugiesisch sprechen? „Beides.“ Zuerst Luxemburgisch, dann Portugiesisch – die Sprache soll als Kommunikationsmittel in der Familie nicht verloren gehen.

In seinem Heimatbezirk wurde er mit großer Mehrheit (98 Prozent) als Bezirkspräsident bestätigt. Doch wie stark die CSV ihn im Osten aufbauen wird, bleibt abzuwarten. Der sogenannte soziale Flügel, zu dem Ricardo Marques zählt, ist unter Luc Friedens business-friendly Fokus geschrumpft. Marques bekennt sich zwar zu einer „starken Wirtschaft“, die man brauche, um die Sozialausgaben zu stemmen. Weiter entfernt als er kann man jedoch kaum von Luc Friedens technokratischem, wirtschaftsorientiertem Profil sein. Ricardo Marques pflegt das Image eines christlichen Menschenverstehers. Im Gespräch ist er zugewandt, gut im Zuhören, eloquent. Seine Parteifreunde erklären, er sei jemand, der die Menschen zusammenbringt. „Er merkt, wenn sich etwas zusammenbraut und sucht dann das Gespräch“, sagt Metty Steinmetz, Präsident der CSJ und ehemaliger LCE-Schüler. Er habe das „Herz am rechten Fleck“, meint seine Sitznachbarin im Parlament, CSV-Generalsekretärin Françoise Kemp. Es sei ihm wichtig, dass es den Menschen gut geht, und er versuche zu verstehen, weshalb sie so reagieren, wie sie es tun, erklärt der Nord-Abgeordnete Jeff Boonen. „Er ist ein großer lokaler Sympathieträger“, sagt Stéphanie Weydert. spricht gar von einem „Ricardo-Effekt“ aufgrund seiner positiven Ausstrahlung. Das klingt wie ein perfekter Schwiegersohn ohne Ecken und Kanten.

Wirklich offensiv tritt Marques selten auf. Gerson Rodrigues und die FLF prangerte er zwar auf Facebook an, vors Stadion stellte er sich jedoch nicht. Das würde einer modernen CSV wohl zu weit gehen. Im Gespräch erklärt er, misogynes Verhalten müsse man von Anfang an „brechen“. Ausgerechnet in seinem ersten RTL-Interview lehnte er sich weit aus dem Fenster, indem er das Ausländerwahlrecht befürwortete – und erntete einen kleinen Shitstorm. (Marques hat erst seitdem er 18 Jahre alt ist die doppelte Staatsbürgerschaft.) Weitere offensivere Stellungnahmen ließen auf sich warten. Bis Januar dieses Jahres, als sich Marques mit Bildungsminister Claude Meisch (DP) in Sachen Unisex-
Toiletten anlegte. Die gesamte CSV-Fraktion sei dagegen und sei nicht informiert gewesen, erklärte er damals. „In einer Arena muss man sich wehren, wenn man angegriffen wird“, sagte er dem Wort und spielte damit auf die Kritik der ADR an, die die CSV in der Toiletten-Debatte angegriffen hatte. Carole Zeimetz, die für die Grünen im Echternacher Gemeinderat sitzt, bemängelt einen Mangel an Oppositionsgeist in Marques’ Arbeit. Er versuche zu sehr, jedermann zu gefallen, und habe selten ein kritisches Wort gegenüber Projekten. Das sei jedoch der Kern von Oppositionspolitik.

Im Trifolion haben Kardinal Hollerich und das Bistum ebenso wie Politiker und Vereinsleute fürs Mittagessen Platz genommen. Der Altersdurchschnitt ist hoch. Bevor Ricardo Marques sich hinzugesellt, fragen wir ihn, wer ihn am besten kennt. „Meine Mutter“, antwortet er.

Sarah Pepin
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