Philippe Ernzer hat einen Wetterdienst gegründet. Er erzählt dem Land in seiner Öslinger Heimat wie unbeständig, aufregend und politisch das Wetter ist

Außeruniversitärer Autodidakt

d'Lëtzebuerger Land vom 04.03.2022

Auf Facebook hatte Philippe Ernzer bis Pandemie-Beginn mehr Follower als Xavier Bettel. Dabei ist er kein Fußballspieler, Politiker oder Musiker – er betreibt den Wetterdienst Météo Boulaide. Seine Bekanntheit ist vor allem auf den 6 Juli 2014 zurückzuführen: An dem Sonntag, an dem die Landwirtschaftsmesse in Ettelbruck stattfand, warnte Ernzer morgens vor einem Unwetter – der staatliche Wetterdienst hingegen erst als die Gewitterfront für alle sichtbar war. Und es kam wie Météo Boulaide vorhersagte: Starke Böen zogen über die Deichwiesen. Ein Besucher wurde auf dem Parkplatz von einem Ast getroffen und schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Vor Aufregung sprang ein Pferd in die Alzette und musste von der Feuerwehr gerettet werden. Philippe wird daraufhin von unterschiedlichen Medien interviewt; die Anzahl an Personen, die seine Webseite abruft, schwillt an.

Ausgelöst wurde sein Interesse am Wetter von einem ästhetischen Schauspiel. Als Junge stößt er auf Satelliten-Bilder von der Erde, und sieht: So wie die Wolken um den Erdball schweben, sich das tiefe Blau der Ozeane zeigt, die meteorologischen Phänomene sich stets wandeln – das ist schön! Er beginnt Was ist Was-Bücher abzutippen und Dokus zu schauen – ein autodidaktisches Vollzeitprojekt beginnt. Auf discovery channel begeistert ihn eine Sendung über Wissenschaftlerinnen und Laien, die Tornados hinterher jagen und über Sonden versuchen, mehr Daten über Stürme zu generieren. Er entdeckt dabei zugleich eine andere meteorologische Kultur: „In der US-Bevölkerung ist ein wetterkundliches Vokabular weit verbreitet und Updates über Gefahren werden zeitnah vermittelt“. Mit zehn Jahren wird ihm eine erste Wetterstation geschenkt, er beginnt Satellitenbilder auszuwerten und denkt sich: „Ich werde nun selber Unwetter-Risiken für Luxemburg auswerten und meine Resultate an Verwandte senden“. Im Internet könne man sich alles selbst beibringen, freut sich Philippe. In der Schule reden die anderen Kinder über Playstation-Spiele; er wundert sich über Cumulonimbuswolken; seine Mitschüler/innen können seine Leidenschaft zumeist nicht nachvollziehen.

Während Philippe von seiner Jugend erzählt, sitzen wir in seinem Zimmer in seinem Elternhaus. Hinter ihm stehen drei Bildschirme; auf einem schaltet ein Wetterradar Wolken in Gelb. Der 24-Jährige hat zwar eine große Reichweite; fast 300 000 Klicks zählt seine Webseite mittlerweile. Aber der finanzielle Gewinn seines Wetterdienst-Unternehmens „Ernzer Media“ wächst nur gemächlich: „Es ist seit einem Jahr ein Projekt zwischen Hobby und Beruf“. Seine Prioritäten stehen trotzdem fest. Er wolle nicht an seinem Lebensende stehen und einsehen müssen, dass sein Beruf sinnlos oder sogar schädlich für die Gesellschaft war. „Das würde mich nicht glücklich machen“. Geld verdiene er mit Apps – „und da gibt es noch ein paar Überraschungen in der Pipeline, die Game-Changer für Luxemburg sein werden“, verspricht er. Daneben verfasst er unter anderem für Versicherungen Wetterberichte, die bestätigen, dass ein Schaden zu einem bestimmten Zeitpunkt womöglich durch Hagel entstanden ist. Der Autodidakt ist eine Art Dauer-Wetterdienst: Nachts um drei schreibt er seinen ersten Bericht, der um fünf Uhr morgens freigeschaltet wird. Sein Motto lautet denn auch: Präzis an aktuell – Dag fir Dag.

Dass sich Laien auf den Weg machen, sich selbst naturwissenschaftlich-technisch zu bilden, begann in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Spektrum an neuen Möglichkeiten außerakademischer Beschäftigung etablierte sich: Naturaliensammlungen und Raritätenkammern wurden publik, und öffentliche Sternwarten sowie Museen wurden zu Publikumsattraktionen wie Andreas Daum in seiner Geschichte der Wissenschaftspopularisierung nachzeichnet. Hinzu kommen die zahlreichen Vereine, die öffentliche Vorträge veranstalteten und Bildungs-Exkursionen anboten. Wanderredner zogen ihrerseits mit Schaubildern und physikalischen Versuchsapparaturen über Land. Ebenso wandelte sich die publizistische Landschaft: Bildungszeitschriften vervielfältigten sich und die Tagespresse führte Rubriken ein, die naturwissenschaftlichen Fragestellungen nachgingen – was maßgeblich zum Transfer naturwissenschaftlicher Begriffe in die Alltagssprache beitrug. Weil naturwissenschaftliche Belange zunehmend öffentlich diskutiert werden, greifen seitdem Politiker, Parteien und Parlamente vermehrt wissenschaftliche Anliegen auf.

Der Wetterenthusiast aus Boulaide, erlebt seinerseits zusehends, dass das Wetter eine politische Dimension bekommt. Ihm wird manchmal vorgeworfen, wegen finanziellen Interessen auf den Klimawandel hinzuweisen. „Ebenso absurd ist es, wenn Leute behaupten, die Überschwemmungen von Juli 2021 seien ausschließlich auf zubetonierte Flächen zurückzuführen. Der Klimawandel trägt seinen Teil dazu bei – da muss ich reingrätschen und auf diese Tatsache hinweisen“. Leute, denen diese Antwort nicht passt, reagieren mit emotionalem Druck und schreiben: „Jetzt bin ich aber enttäuscht von Dir! Ich entabonniere mich!“. Diese Attacken nehmen zu; „seit der Corona-Krise trauen sich Personen vermehrt Quatsch zu behaupten“, so seine Einschätzung. Auch die Erwartungshaltung der Follower sei groß: Vom Hobby-Meteorologen wird gefordert, seine Prognosen sollten stets zutreffen. „Als 2015 das Gewitter während des Rock-A-Field entgegen meiner Vorhersage knapp an Roeser vorbeizog, waren Einige nicht erfreut, dass das Gewitter ausblieb. Verärgerte traten deshalb einen Shitstorm gegen mich los“, lacht Philippe

Später am Nachmittag staksen wir im Garten seiner Grossmutter herum. Hier hat der Wetterbeobachter seinen Pluvio-, Thermo- und Hydrometer installiert. Am Haus seiner Oma ist ein Strömungsgeschwindigkeits-Messer installiert; in ihrem Wohnzimmer steht ein Funkgerät, das Philippe die Rohdaten in sein Schlafzimmer sendet und von dort werden diese weltweit kostenlos zur Verfügung gestellt. Endlos teuer sind diese Geräte nicht – die Ausstattung kostet um die 3 000 Euro. Die Softeware zur Datenauswertung lässt seine Investition jedoch ins Fünfstellige schießen.

Im 19. Jahrhundert fand nicht nur ein solider Schub der Wissenschaftspopularisierung statt, sondern zeitgleich optimierten sich die Messgeräte und Datenvergleichsmöglichkeiten. Meteorologische Dienste begannen ab 1880 ihre Wetterdaten über telegrafische Infrastrukturen auszutauschen. Eine wetterkundliche Revolution, denn nun konnten präzise Wetterkarten und Vorhersagen erstellt sowie statistische Korrelationen gezielter erkannt werden. Vor dem ersten Weltkrieg avancierten zudem Flugzeuge zu bedeutenden Wettermessgeräten: Wolkendecken können seitdem von Oben dokumentiert und das Wetter in unterschiedlichen Luftschichten gemessen werden. 1960 kommt der erste Wettersatellit zum Einsatz. Laut Statista schweben aktuell 4 550 Wettersatelliten im All.

An einer Universität hat der Öslinger nicht studiert. Teilweise ist diese Entscheidung sozialpsychologisch begründet. Die Schulzeit hat er in keiner guten Erinnerung. Er wurde gemobbt; zunächst von Mitschülern und mit zunehmender Bekanntheit von einem bestimmten Lehrer: „Er warf mir vor, mir sei die Schule egal, weil sie mich nicht sponsore. Solche Sachen eben“. Die rekurrierenden Provokationen führen zu Schweißausbrüchen und Angst. Sein Erfolg wurde von Lehrkräften mit Arroganz verwechselt – das kommt bei einer Konfrontation im Klassensaal zum Ausdruck. Entschuldigen kann diese Wahrnehmung das Verhalten des Lehrers trotzdem nicht.

Die Entscheidung, gänzlich außerhalb akademischer und staatlicher Institutionen zu forschen, ist gewagt. Im 19. Jahrhundert waren viele Laienforscher als Scharniere zwischen universitären Einrichtungen und naturkundlichen Sammlungen tätig. Heute ist dies selten der Fall. Die Disziplinen haben sich spezialisiert und in manchen MINT-Branchen sind die Messgeräte für Privatpersonen ohnehin unbezahlbar – wer kann sich ein Teilchenbeschleuniger in seinen Garten bauen? Darüber hinaus vernetzen sich Wissenschaftlerinnen weltweit über Universitäten und Forschungsgelder kann nur beantragen, wer für eine anerkannte Institution arbeitet.

Philippe sieht das allerdings nicht so eng. Er schreibt seiner Arbeit Forschungswert zu und diese unterliege gar einer Art peer-review: „Meine Beiträge werden von Kennern gelesen, die im Stande sind, mich zu korrigieren. Daneben sind meine Prognosen zeitnah über Wetterbeobachtungen zu überprüfen“. Ein wichtiger Qualitätsmotor ist bei dem Autodidakten wohl auch der eigene Anspruch. Wenn er falsch liegt, ärgert er sich über sich selbst: „Wéi konnts de nëmmen“.

Außerdem scheint die Laienforschung seit fünf Jahren wieder einen Aufschwung zu erleben; mittels Smartphones suchen Menschen häufig unentgeltlich nach unentdeckten Planeten, Insekten, Pflanzen und kuriosen statistischen Korrelationen. Vermehrt ist die Rede von Bürgerwissenschaft (auch noch Citizen Science) und wie diese künftig finanziert und unterstützt werden könnte. Der zehn Jährige, der in Boulaide begann Wetterkarten zu erstellen und Prognosen zu verbreiten, kann demnach als Vorkämpfer einer internetgestützten Bürgerwissenschaft betrachtet werden. Ebenso unterhält er eine Sendung, die es ihm ermöglicht, wetterbezogene Analysen mit einer breiten Zuhörerschaft zu teilen. Jeden Dienstagmorgen sitzt der Meteorologe vor einem Mikrophon, um über die 100komma7-Sendefrequenz Wetterereignisse zu kommentieren. „Es freut mich, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mich angefragt hat“. Das zeige das gesellschaftliche Vertrauen in seine Arbeit; „ich bin stolz“.

Stéphanie Majerus
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