Die kleine Zeitzeugin

ESC, Erlöser einer Nacht

d'Lëtzebuerger Land vom 28.05.2021

Die Italiener haben Drogen genommen! Live sogar, es gibt Belege, eine Geste, unmissverständlich, jemand hat sie gefilmt. Eine Rockband, die Drogen nimmt!

Gerade haben wir die jährliche Heimsuchung überlebt, der ungeschützt sich durch Fernsehkanäle Zappende ausgeliefert sind. Schon hängen sie in den Fängen von Fabelwesen, übergossen mit klebrigem Kitsch, bombardiert mit schrillem Schrott, im Schmalz schmorend, behämmert, belämmert. Irgendwann wachen sie auf, mit einem brummenden Schädel, was war das jetzt?

Das war ESC, Europäischer Songcontest, einst Eurovision geheißen, einst Mainstream, Must, Familiencouchchipsession par excellence. Damals, Australien gehörte noch nicht zu Europa, Europa war noch gemütlich klein und übersichtlich, keine komischen Balkanstaaten, die einander die Punkte zuschoben. Es gab noch nicht mal einen Osten. Meist gewann England oder Frankreich oder sonst ein richtiges Land. Luxemburg z.B. Es ging geschniegelt und gebügelt zu, die Männer trugen Krawatten und die Frauen Roben, man konnte sie nicht verwechseln. Einmal gewann zwar eine, die barfuß war.

Diese Heimbesuchung hat aber eine große Fangemeinde, die ihr entgegenfiebert, vorwiegend jüngere Herren ergötzen sich an den mannigfaltigen Darbietungen, die von Jahr zu Jahr komplexer, ausgefuchster werden, Licht-, Nebel-, die ganz großen Mythenmaschinen. Poptheoretikerinnen- und historiker. Immer grübeln, immer bedeutungsbeladener wird der Laden. Dazu natürlich die herkömmlichen Zutaten, Verrenkungen, Schweiß, Schicksal, Tränen. Und Glitzer, dieses Jahr viel.

Inmitten schwebender Heiligenscheine und Wurzelgeweihe g(r)ellt Grusella aus der Ukraine bucklig nachtvogelig durch Mark und Bein, eine Bulgarin trauert auf einer Art Eisscholle. Geschlechtlich neutrale ironisch movende Isländer*innen, niedliche litauische Hoppelroboter. Schweres finnisches Metall, serbische Haarauswüchse, eine Französin, die Französisches macht. Deutsche mit Pimmelmützen. Ein gefallener Engel aus Norwegen mit einer Sonnenbrille aus dem 1-Euro-Shop ist an sich abrackernde Teufel gekettet und singt trotzdem. Aserbaidjan wartet mit gutem alten Strip ohne Strip aus dem Provinzpuff auf, wobei die Künstlerinnen immerzu Mata Hari schreien.

Es ist also nicht allzu verstörend feministisch. Die Frauen sind im Bonbonnière-Look mit üppiger Schleife. Die Sprecherinnen der Jury haben Gesichter mit den gern getragenen prominenten Backenknochen und den festsitzenden Bäckchen, Gold fließt lockig über eine Schulter. Die Frauen sind durchgehend goldhaarig, selbst die moderierende Tatoo-Hünin. Die Herren sind diverser, der Kroate trägt sogar Anzug und Krawatte.

Zumindest ein paar Künstlerinnen bemühen sich aber. Tina Turner tritt für San Marino unter einem unbequemen Kopfputz an, Frauen müssen stark sein. Die Russin bricht vor mythisch bewegtem Hintergrund aus einem traditionell gemustertem Riesinnenreifrock aus, in sowjetsternrotem Jump-Suit, dazu wird „Be yourself! Be strong!“ eingeblendet. Die Botschaft der üppigen Malta-Sängerin in Babypink ist sicher auch feministisch, vielleicht ist Don’t Break Me von den holländischen Schlangenmenschen mit Lionel Richie anti- rassistisch. Das hilft Letzteren aber nicht, und obschon sie meine Lieblinge sind kriegen sie wie immer meine Lieblinge null Punkt.

Und dann sie! Statt französischem Stil und Schweizer Schwulst dampfender Rock inkl. stampfender Rockerin. Erscheinungen aus einem verschollenen Nirwana, Jungs aus Gräten, heilige Stricher, dreckige Dealer. Paradiso-Pasolini, Italo-Gangster aus amerikanischen Filmen, aus einem anderen Jahrtausend. Weißes altes Weib assoziiert drauf los, deliriert drauf los, sie darf das, sie ist ein Weib*.

Ok, vielleicht ist der Sänger mit dem in Knochen gemeißelten Antlitz, der verruchte Heilige aus der Gosse ein Mittelklassejunge mit einem Latein lehrenden Elternteil. Vielleicht ging er gar in eine Waldorfschule. Und clean ist die Band jetzt auch noch, unanfechtbar wie eine Miss Universe, die ihre Ehrbarkeit bewiesen hat.

Aber, mille grazie, Erlöser einer Nacht!

Michèle Thoma
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