Die kleine Zeitzeugin

Osterruhe ist ein schönes Wort

d'Lëtzebuerger Land vom 26.03.2021

Auferstehung, verhieß der österreichische Kanzlerknabe, und es ward Hoffnung, und es ward Licht, und die Menschen krochen aus ihren Behausungen und warfen verzückte Blicke auf alles, was sich ihnen darbot. Was sie noch vor kurzem verschmäht hätten, nicht eines Blickes gewürdigt. Sie hatten frisch gewaschene Augen und ihre Herzen pochten jung. Sie konnten ihre Liebsten oder ihre Zweitliebsten wieder sehen. Ihnen nicht gerade um den Hals fallen, das sparte man sich für ein noch ekstatischeres Später auf. Wenn diese dummen Zeiten mal vorbei sein würden. Ewig konnte das ja nicht dauern.

Das war so ein Intermezzo, so ein schräges, irgendwann würde man mal herzlich darüber lachen. Wie man sich so ins Bockshorn hatte jagen lassen. Von einem Virus, man desinfizierte sogar die Desinfektionsmittel, würde man den Enkelkindern erzählen. Die Oma kontrollierte, ob der Opa sich die Hände wusch. Manche trugen gar Masken!

Das mit der Auferstehung war 2020, und das ist so lange her, oder auch nicht, mit der Zeit ist das derzeit so eine Sache, man kriegt sie nicht mehr zu fassen. Sie ist unfassbar geworden. Sie rinnt und schleicht, und geht und steht und geht, vorbei. Irgendwie. Ein Haar ist plötzlich grau, und noch eins, im Kinderzimmer hockt ein Mutant, es gibt welche, die auf die Welt kommen und welche, die sie verlassen, dafür gibt es Beweise. Also gibt es die Zeit doch. Alles ist so unfassbar geworden. Weihnachten, sagten die Politiker_innen. Noch mal richtig zusammenhalten, jeder für sich, eine für alle, noch mal richtig durchhalten und aushalten und dann ist es Weihnachten. Noch so und so oft einsam schlafen, einsam aufwachen, und dann Weihnachten und Liebe und die Lieben. Dann gibt es zur Belohnung Menschsein unter neben mit Menschen, die jetzt Haushalte heißen.

Dann war Weihnachten vorbei, und der Braten gegessen, und der Haushalt geküsst, mit zwei Meter langen Armen, auf den Hinterkopf oder die Hinterköpfe, und die Zahlen stiegen wieder. Die Zahlen steigen, hieß es dann die ganze Zeit, wieder. Die Modellierer erschienen und modellierten an der Zukunft herum, bis es sie gar nicht mehr gab. Die Gesichter der Virolog_innen waren nicht mehr erleuchtet, sie wirkten wie abwesend. Das Virus wurde nicht mehr als niedliche Stachelkugel dargestellt, in leuchtendem Kinderbuchrot, oder als flippige Diskokugel aus einem Siebzigerjahretanzschuppen. Es mutierte zu einem unappetitlichen, schlammig- schleimigen Geschmiere im Hintergrund der Talk Shows.

Die meisten Bojen im Meer der Zeit oder der Zeitlosigkeit waren untergegangen. Eigentlich war es eher ein Sumpf, er verschluckte sie nach und nach. Die kleinen Zukunftsfeuer, die sich die Einzelnen aufgestellt hatten, Lebens- Zeichen, die ihnen in das Künftige hineinleuchten sollten, verglommen. Geburtstagsfeiern? Hochzeiten? Treffen mit Freund_innen, einfach nur Treffen mit Freund_innen? Reisen? Reisen, was war das, komische Erinnerungen an Bewegung, an Tempo, an Stille, einfach so, irgendwo? Dann die großen Eh-und-je- Pflöcke, die allen ein Begriff waren, was auch immer für einer. Anhaltspunkte, an denen sich die Menschen anhalten konnten. So genannte offizielle Feiertage, Feiertage, die von allen begangen wurden. Wenn vielleicht auch nur mit Schlafen, oder Schwänzen, mit Türmen vor diesen Tagen. Feiertagsfluchtszenarien. Osterhase in der Wüste.

Bis zum Sommer, sagten die Politiker_innen vor kurzem, sie winkten mit dem Meer, aber so richtig scheint das Sommersonnenwort nicht mehr. Und dann sagen sie es nicht einmal mehr. Der österreichische Kanzlerknabe redet nicht mehr von Auferstehung. Die deutsche Kanzlerin redet von Osterruhe. Wenn es schon mit Trost und Prost, frohen Gelagen, geselligem Beisammensein nichts wird. Osterruhe ist ein schönes Wort. Aber es gibt einen Haken. Es passt nicht. Es gibt die Totenruhe und die Winterruhe und den Weihnachtsfrieden, aber Ostern ist kein Fest der Ruhe. Ein Frühlingsfest ist Kindheit und Pubertät, alles ist neu, alles ist möglich, alles ist offen. Sogar das Grab Christi. Es ist das Gegenteil von zugesperrt. Die Kanzlerin cancelt die Osterruhe. Bald ist…?

Michèle Thoma
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