Die kleine Zeitzeugin

Die Frauen haben ihren Tag

d'Lëtzebuerger Land vom 19.03.2021

Frauentag, erinnert ihr euch noch, dieser Tag, an dem das Wort Frau öfter vorkam als das Wort Corona- Virus, das muss wahrlich ein besonderer Tag sein? Gut, ja, er wurde begangen und ist gnädig vergangen, und die Frauen mit oder ohne Sternchen haben jetzt wieder ein Jahr Zeit und Muße, um den nächsten Weiberweihetag vorzubereiten. Macht man ja auch so beim Karneval in Rio.

Mit oder ohne Pandämonin, der nächste kommt bestimmt. Und es geht wieder los, und es geht wieder auf uns los. Fr-au!, Fr-au!, Fr-au! tönt es aus allen Sprachrohren, die Frau!-ensalve ballert los, gnadenlos. Bei manchen Betroffenen werden zunehmend Abwehrreaktionen festgestellt. Noch einmal das Wort Gläserne Decke, dann geh ich durch die Decke! Noch einmal Quote, und es gibt Tote! Es gibt noch nicht mal eine Impfung, oder sonst was Prophylaktisches. Höchstens Medienfasten, aber dann ruft eine gutgelaunte Freundin an. Sie will eine Blume vorbeibringen.

Richtig feierlich wird er in Berlin begangen, ein echter Feiertag, Papi kann ausschlafen! Und vielleicht ist Mami dann auch mal ausnahmsweise gut drauf, ist schließlich ihr Tag!

Aber so schlimm ist das doch nicht! Nicht schlimmer als Corona oder Krieg oder Weihnachten, und das Beste, es geht vorbei, niemand stirbt, wobei es dazu wohl keinerlei Studien gibt, die Datenlage ist noch dünn. Nur ein paar Allergieschübe oder auch mal Tobsuchtsanfälle, beruhigt das Roberta-Köchin-Institut. Und das sicher bei solchen, die auch sonst bei jeder Gelegenheit ausfällig und auffällig werden.

Die Frauen sollen sich nicht so haben, sondern lieber ihr Sein feiern, ihr Frausein feiern, sich toll freuen und frauen und sich allerhand trauen. Karnevalkrawall! Widerständig sein, auch lustig, und kreativ, Aufbauendes posten. Oder eben echte Rebellin, etwas aufführen, im öffentlichen Raum, zu „One Billion Rising“ an einer Straßenecke frieren mit anderen Friererinnen weltweit. Statt sich nur unproduktiv aufzuführen, Hysterie ist doch nun wahrlich out.

Frauen halten doch bekanntlich viel aus. Da werden sie diese Frauentagskitschorgie doch auch aushalten, das weihevolle Zelebrieren von Hochämtern, das Salbadern der Hochwürdenträger, das Gelaber und Geschwafel, die frommen Wünsche. Die Hochwürdenträger sind auch ganz benebelt vom Weiherauch, den sie selber versprühen, gerührt von sich selber und den schönen Sprüchen. Schöner als Muh-ttertag! Hat der Dalai Lama auch was gesagt? Habt ihr eurer Lieblingsfrau schon ein paar Komplimente gemacht? Was sie doch nicht alles so toll managt! Nennen wir es ab jetzt womanagen, dieses S-witch-en, dieses Muttitasken, wir müssen in der Sprache der Frau endlich ihren Platz einräumen, aufräumen kann sie dann später. Sogar Sternchen gibt es, Dr. Duden ist an ihrer Seite statt der olle Dr. Oetker.

Sie kann ihre Eier einfrieren, sie kann auf den Mond oder in die Kneipe nebenan, sie kann auf einem Tisch tanzen, aber auch draufhauen. Sie kann Kanalräumerin werden und Imamin und Rabbinerin, so ziemlich alles und jede_r_s. Außer Pfarrerin natürlich. Von Aufopfern ist keine Rede mehr, kein Mensch verlangt von ihr mehr, sich aufzuopfern, was bringt denn auch so ein Menschenopfer? Im Ranking ganz vorn liegt die autofahrende Vollverdienerin, Karriere immer gut, nur diese nervige immer lauter tickende biologische Uhr soll sie dem mit den vorwiegend männlichen Attributen nicht dauernd unter die Nase reiben!

Allround-Weib, das alles kann, selbst Mann? Prinzessin und Ministerin und Astronautin, Barbie-Pionierin hat es längst vorgemacht, vielleicht soll Barbie die Frau auch noch am Frauentag anschreien. Sie motivieren, sich zu feiern.

Sich ein bisschen zu freuen, dass die tollen Systemerhalterinnen, die dieses System aushalten und das System erhalten, mitfühlend beklatscht werden aus den Logen, dazu gibt es gratis Elogen. Manchmal wird sogar das unschöne Wort Gehalt erwähnt, Stimmungskiller wie Dreifachbelastung, Altersarmut und Küchentischoffice. Aber dann gibt es Sekt, dieses Jahr online. Auszuhalten, dass Frauen ihre Forderungen und Überforderungen runterratterknattern, brav, schnellschnell. Ist ja nur ein Tag Zeit. Und der geht auch vorbei.

Michèle Thoma
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