Die kleine Zeitzeugin

Viren nicht diskriminieren!

d'Lëtzebuerger Land vom 04.06.2021

Es ist nicht so einfach, niemand und nichts zu diskriminieren, gerade bei der Namengebung, man kann sich nur rechtschaffen bemühen. Was Saucen und Süßspeisen angeht, ist nicht mehr so viel Aufklärungsarbeit nötig. Auch bei Wetterphänomenen gibt es allmählich Kriterien. Wie man mit Machogedonner umgeht, wie mit Tiefdruck, Trübsal, Depression. Ist Nieselregen ein Miesepeter oder eine Heulsuse? Derzeit weder noch, in diesem Jahr haben die Neuen deutschen Medienmacher*innen 14 Wetterpatenschaften übernommen und sowohl Hochs als auch Tiefs migrantische Namen verliehen. Was einfach zu merken ist, ist, dass die diesjährigen Tiefs alle männlich sind und die Hochs alle weiblich.

Gerade steht die virologische Szene vor mindestens so großen Herausforderungen. Das gute alte heimische Corona-Virus, es wurde gar schon als Einheimische gesehen, ging ja bekanntlich, während wir in unsern vier Wänden versauerten, auf Weltreise. Während wir erschlafften, bekam es neue Spikes oder andere Zutaten, die es robuster und wendiger machten, um auf dem globalen Terrain zu reüssieren. All das war sehr zielführend, kaum hatte uns Großbritannien schnöde den Rücken zugekehrt, plätscherte schon ein britischer Mutant frischfröhlich in unseren Abwässern. Wir atmeten ihn ein und aus, er war zwischen und mitten unter uns. Er wurde berühmt, wegen ihm feierten die polnischen Fernfahrer Weihnachten am Rand der Autobahn. Bald schon bekam er Konkurrenz, Brasilianer* mischten sich ein und Südafrikanerinnen und südafrikanische Brasialianer*innen. Inder* und neuerdings Vietnames*innen. Alle mit allen, wurde gemunkelt, ein Virenwoodstock, von Luxemburgerinnen war zwar noch nicht die Rede.

Aber jetzt ist Schluss mit Lust-ig! Schluss mit der viralen Völkerverständigung! Schluss sogar mit Viren, die vielleicht auf dem eigenen Mist gewachsen sind! Schluss mit dem Migrationshinter- oder Vordergrund, Schluss mit der diskriminierenden Herkunftsgeschichte! Von wo wer jetzt ist, spielt überhaupt keine Rolle mehr. Zumindest in der Namengebung ist Schluss, underground macht die Corona- Crew natürlich weiter.

Aber es werden keine Virenstaatsbürgerschaften mehr verliehen. Weil die Länder, in dem das Virus in neuem Look gesichtet wird, mit ihm möglichst wenig zu tun haben wollen. Sie seien nur die Entdecker, nicht die Eigentümer! Sie wollen partout kein Virenvolk sein.

Obschon man die Muh-Tante ja schon umgetauft hat, sie heißt ja jetzt Variante. Was doch viel spielerischer und kreativer klingt. Aber nicht mal so eine Variante wollen sie. Deswegen wird will die WHO jetzt die nationenbezogene Bezeichnung abschaffen.

Eine Zeitlang mixte man Zahlen mit Buchstaben, Herr Lauterbach z.B. jonglierte sehr gekonnt mit dieser Kombi, die an ein Zahlenschloss, das keiner knacken kann, erinnerte. Aber je mehr global players in die Arena einstiegen, desto sperriger und raum- und zeitfordernder wurden diese Ungetüme.

Jetzt hat die WHO die großartige Idee, das griechische Alphabet einzuspannen. Aber wieso eigentlich das griechische, das klingt wieder mal so nach Alten Weißen Männern, Zeus & Co? Warum nicht mal was Matriarchales, wobei, ja, die Forschung würde vielleicht etwas Zeit in Anspruch nehmen? Warum nicht mal Aztek*innenschrift? Oder wenigstens die unzähligen chinesischen Schriftzeichen, die unzähligen Mutationsmöglichkeiten ein Zuhause bieten würde? Aber das würde sicher wieder zu Spekulationen führen.

Es ist nicht so leicht, so eine WHO zu sein. Andererseits lässt das griechische Alphabet ja Kultur anklingen, Tragödien, Sisyphus, Hades, all die immer schon gestorbenen Tode, in dem Sinn beruhigend.

Sind dann die Virenstämme Alpha- oder Beta- Stämme je nach Virulenz, bzw. impotente Gammas, gibt es ein Ranking à la Brave New World? Nein, die WHO ist sehr weise, globale Fairness ist ihr wichtig. Es gibt keine Hierarchien, keine Top- oder Floplisten. Ob es sich um ein Alpha oder ein Omikron handelt, hängt exklusiv von der Zeit seiner Entdeckung ab. So wird kein Mutant stigmatisiert, nicht mal durch ein stigma. Die Briten sind natürlich Alpha-Viren, logisch. Und was sagen eigentlich die Betroffenen dazu, die Virenstämme selber?

Michèle Thoma
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