Die kleine Zeitzeugin

Ich versteh die Welt nicht mehr!

d'Lëtzebuerger Land vom 15.04.2022

So was sollten Kolumnist*innen nicht schreiben, es disqualifiziert sie, sie sollten natürlich die Welt verstehn, Putin nicht, das kommt nicht gut rüber, aber sonst. Oder ihr Nichtverstehn kompetent tarnen, vielleicht durch Kommentare, die so eloquent sind, dass sie keine*r versteht.

Tja. Leider habe ich das mulmige Gefühl, dass ich nicht die Einzige bin, wobei Weltverstehen natürlich ein hehrer, philosophischer Anspruch ist, seit einigen Jahrhunderten ein quasi uneinlösbarer, wie soll man denn so was wie eine Welt verstehen? Die Allerklügsten begnügen sich damit, ein Mikro- Weltteilchen ansatzweise und immer mehr zu kapieren. Was ist eine Welt? fragt meine dreieinhalbjährige Enkelin.

Leider habe ich das Gefühl, dass ich nicht die Einzige bin, der das alles über den Kopf wächst, es ist alles eine Nummer zu groß. Eine große Nummer zu groß.

Der Krieg ist zu groß. Er ist ein richtiger, nicht so ein Quickie, der schnell mal hingelegt wird und dann machen die sich im Osten das schon irgendwie aus und dann ist es aus, wenigstens für uns hier. Dieses Treiben dort, in Gebieten mit Namen à la Transnistrien oder Südossetien, Labels die auf dem Weltmarkt nicht bestehen, das werden keine Weltmarken.

Dieser Krieg ist ein echter, nicht so ein sauberer mit ein paar Drohnen und dann liegen Hochzeitsgesellschaften in ihrem Blut, wie in Afghanistan. Städte sind umzingelt, eingekreist, werden ausgehungert. Pazifist*innen fachsimpeln über Haubitzen, Marder und Leoparde, auf Spiegel Online gibt es Werbung für Militärjacken, Military First! Die deutsche Außenministerin führt schwere Waffen im Mund. Kommt jetzt die große Schlacht? fragen TV-Moderator*innen, es klingt alles immer weltkriegerischer.

Geht so Weltkrieg? Kommt so Weltkrieg? Der war doch mal out, etwas was es nur noch in Geschichtsbüchern gibt, wovon die Väter der Boomer*innen nach dem Dessert erzählten, am Sonntag. Ligne Maginot.

Der Russe will das Traumhaus Europa jetzt kaputt machen, kündigt er an. Wenigstens ist er jetzt wieder der gute alte böse Russe, der Ur-Russe, der Urangstrusse.

Der Krieg ist zu groß. Zu real. Zu surreal. Er war plötzlich da, wir hatten gerade Virus, und nach zwei Jahren Intensivstation ist im Fernsehen Krieg. Bitte könnten wir mal eine Pause haben, Putin? Warum bist du nicht in deiner Yacht, warum schwingst du nicht das Tanzbein wie einst bei der Hochzeit der österreichischen Außenministerin, was habt ihr beide für ein entzückendes Tänzchen hingelegt, sie so weizenblond im Dirndl und du mit deinem Sphinxcharme? Lavrov, alter zynischer kluger Wolf, jetzt bist du ein richtig böser Wolf, is this what you wanted? Aber wir sollen sie nicht verstehen wollen, wir, der therapeutische Softie-Westen, während sie alles niederballern und schluck! uns im Visier haben. Den Westen! Den ganzen milden Westen, uns, die Dekadenten. Bzw. uns Nazis, es wird immer durcheinanderer, wir werden immer durcheinanderer.

Bitte Putin, go home, chill mal! Der österreichische Außenminister, der jüngste Müllerssohn, betritt forsch die Hölle des Löwen und verlässt sie wieder. Mann kann es ja mal versuchen, Xavier Bettel hat auch angerufen, sogar zwei Mal. Sie versuchen, sie suchen, sie machen ihr Bestes, so wie die Virolog*innen, die einem Virus hinterher sind, der vor ihren Augen Karneval spielt. Wo ist der Drachentöter, bitte melden?!

Die Nummern, die gerade ablaufen sind zu groß, niemand kann sie mehr einordnen. Die Kategorien sind neue, alle tappen im Dunkel der Geschichte, die gerade erst entsteht, in der wir alle mitspielen, klitzekleine Rollen die meisten von uns. Nur so halt weil wir halt auch da sind. Noch.

Dann wählen diese Franzo(e)s*innen auch noch die Nazis, die Putin so schätzt und fördert. Das Giftspinnenmännchen bekommt bei den in Luxemburg wählenden Franzo(e)s*innen gar 10% der Stimmen. Was die Luxemburger*innen so gar nicht verstehen, ist das jetzt der Dank? Aus den unschuldigen Augen des Giftspinnenmännchens rinnen Tränen der Rührung. Bald. Bald.

Ah ja, Klima, Klima ist auch noch, jetzt kippt das auch noch, ausgerechnet jetzt. Wo wir so im Stress sind! Es kommt immer alles zusammen, wissen die weisen alten Frauen.

Michèle Thoma
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