Binge watching

Das Schwert im Stein

d'Lëtzebuerger Land du 21.08.2020

Der Stoff der Artus-Saga wurde bereits mehrfach für Film und Fernsehen adaptiert, weibliche Perspektiven sind indes eher selten. Der Zeichentrickfilm Magic Sword (1998) ist eines der wenigen Beispiele, in dem eine weibliche Perspektive gewählt wurde, und er verstand sich als Lanzenbrechen für Diversität und Randgruppen. Mit Cursed legt Netflix eine feministische, aber weniger kindgerechte Neuinterpretation der Artus-Saga vor, in der nicht der Mann das magische Schwert Excalibur führt, sondern eine Frau: die junge Nimue (Katherine Langford), der walisisch-bretonischen Sagengestalt, die zur „Dame im See“ werden wird. Ihr naturverbundenes Feenvolk lebt im harmonischen Miteinander, doch der Anbeginn des christlichen Zeitalters droht die Festen der „alten Macht“ zu erschüttern.

Augenscheinlich ist diese Neuauflage für die Gameboy- und Barbiepuppen-Generation angedacht mit einem zeitgemäßen Update in Sachen Diversity. Mit vergangenen filmischen Darstellungen der mittelalterlichen Dark Ages hat Cursed nichts mehr gemein. Keine Düsternis wie noch in John Boormans Excalibur (1981), keine Untergangsstimmung zu der Musik von Richard Wagner und Carl Orff. Cursed zeigt seine mittelalterliche Welt mehr als farbenprächtiges Märchenland voller opulenter Landschaften, deren grelle Farben die Künstlichkeit und Andersweltlichkeit dieses Sagenlandes visuell zwar berauschend in Szene setzt, sich dafür aber auch schmerzlich nahe an der Grenze zum Kitsch bewegt: Blüten steigen in den Himmel, naturverbundene Kinder des Waldes weisen den Weg, Feenstaub wird Nimue zur großen Beschützerin der Feen und des Waldes auserwählen, und Bambi ist auch dabei. In dieser fantastischen Welt erweist sich die weiße Heldin als tapfer und kampferprobt. Ihr zur Seite stehen der schwarze Artus (Devon Terrell), der sie anschmachtet, und der Zauberer Merlin (Gustaf Skarsgård), der bei weitem kein strahlender Magier mehr ist; er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein heruntergekommener Trinker. Gemeinsam treten sie den Kampf gegen den blutigen Prozess der Christianisierung an, der vom finsteren Weeping Monk (Daniel Sharman) angeführt wird. Er will alles Magische und Heidnische ausmerzen.

Den Serienschöpfern Frank Miller und Tom Wheeler – deren gleichnamiges Buch bietet die Grundlage der Adaption – gelingt es nicht recht, bei all dieser Oberflächlichkeit dem Sagenstoff ein wenig kreatives Novum einzuhauchen. Vielmehr geht es um die Variation von Geschlechterrollen und der Modernisierung von Genre-Standards, die „Gender“ und „Race“ mitführen, um den heutigen Diversity-Ansprüchen Rechnung tragen. Die Erschließung einer mythischen Essenz, die noch Boormans Film auszeichnete, sucht man in alledem vergebens. Die Serie behauptet sich denn auch nicht gegen die Schnelllebigkeit der Popkultur, indem sie noch an so etwas wie einer mythischen Konstante festhielte, nein, sie ist vielmehr deren Produkt.

Bei allem Durchspielen der klassischen Fantasy-Elemente und dem zunehmenden Figurenaufgebot geht der Glanz des Abenteuers so sehr verloren, dass sich kein Gefühl für die Lust an der Reise anbahnen will; da gibt es auch kaum Raum zur Entfaltung der Figuren, wie die klassische Heldenreise sie verlangt. Schematische Figurenzeichnungen und -konstellationen gewinnen an Prominenz und erschweren in der Folge eine engere Beziehung, gar eine Identifikation mit diesen. Besonders aber geht es um eine Akzentsetzung auf das Melodramatische, das Schön-Traurige. Eine Szene der intensiven Zärtlichkeit kommt in Cursed dann auch nicht aus, ohne dass sich der Himmel ganz blutrot verfärbt und die Natur sich in einen Schauplatz der Leidenschaften verwandelt. Und umgekehrt gibt die melodramatische Schreibweise Negativfiguren unserem Hass nicht nur deshalb preis, weil sie schablonenhaft böse sind, sondern weil sie dem jungen Glück von Nimue und Arthur im Wege stehen und deswegen böse sein müssen. Diese Bilder stehen aber in Cursed immerhin für den augenscheinblichen Willen, eine Naivität des Märchenerzählens zurückzufordern. Marc Trappendreher

Marc Trappendreher
© 2020 d’Lëtzebuerger Land