Plan A oder Plan B? Ein Besuch im Jugendhaus, wo von Musikkarrieren geträumt wird

Tiktok, die Zeit läuft

d'Lëtzebuerger Land du 06.05.2022

Draußen scheint die Sonne, doch Elias und Marco* haben sich trotzdem in die Unterwelt zurückgezogen. In einem Jugendhaus im Zentrum der Stadt, am Ende eines Graffiti-besprühten Gang, sitzen sie in einem dunklen Raum, der Bass wummert, blau-rote Lampen leuchten im Rhythmus des Beats auf. Elias, 19 Jahre alt, die Boxer Braids eng am Kopf tragend, sitzt hinter seinem Laptop und begutachtet die letzte Veränderung des Trap-Tracks. Marco, 21, eher zurückhaltend, sitzt daneben, ein Mikrofon vor dem Gesicht. Er leiht dem Song seine Stimme: „Les chances de réussite infimes..“ rappt er im Hintergrund.

Aus ihrem kreativen Flow herausgelockt, sitzen die beiden etwas später auf den schwarzen Ledersofas des Aufenthaltsraums. Sind die Chancen wirklich nur „infimes“? Nein nein, nicht im Allgemeinen. Im Lied geht es um die Chancen, die Marco sich im Musikbusiness ausrechnet. Er stammt aus der französischen Provinz, ging hier zur Schule und ist nun nach Stationen in Rotterdam und Paris wieder in Luxemburg. Seitdem er wieder hier ist, hängt er sich voll in die Musikproduktion, in der Hoffnung, daraus seinen Beruf zu machen.

Elias ist 19, und seinerseits erst vor fünf Monaten aus Rom nach Luxemburg gezogen, um bei seiner Familie zu sein. Er macht derzeit eine Ausbildung zum Linienpiloten, lernt am INL Luxemburgisch und Französisch und jobbt nebenbei in einem Restaurant. Aber er gibt sich nun fünf Monate Zeit – so lange dauert es, bis der Praxis-Teil der Pilotenausbildung in Amerika anfängt – um es mit der Musik zu versuchen. Ziel sei es, soviele Tracks wie möglich zu produzieren. Deswegen nimmt er auch drei Mal die Woche die Anreise aus Troisvierges ins Zentrum der Stadt in Kauf. Trotzdem „bleibt es ein Plan B“, sagt er, „das Pilotenleben, die Sicherheit, das ist Plan A.“ Er verspüre Leidenschaft für das, was er macht, sei es Sport (in Italien war er kurzzeitig im nationalen Leichtathletik-Team für Stabhochsprung) oder eben Musik. Das Schwierige sei, wirklich zu entscheiden, worauf man seine Energie konzentriert. „In Italien haben junge Menschen keine Ahnung, was sie in ihrem Leben machen sollen; bei mir ist es eher, dass ich mir viele Lebenswege vorstellen kann und eine Wahl treffen muss.“ Elias’ Mutter zeigt sich skeptisch, was die Musikkarriere angeht.

Und Familiengründung? „Ich bin tatsächlich eine ruhige Person, die später eine Familie will. Das passt nicht zum Stereotyp des Musikproduzenten, der Gras raucht und viel Alkohol trinkt.“ Marco ist eher unsicher, was das angeht: „Ich weiß nicht, was morgen sein wird. Ich projiziere mich ungern in die Zukunft. Heute mache ich das, was mir gefällt.“ Außerdem spräche er ungern über seine Ambitionen, konkrete Resultate seien besser. „Meine Mutter und ich sehen die Dinge anders“, fügt er hinzu. Seine Studien in Kommunikation hat er im vergangenen Jahr abgebrochen.

Spricht man mit diesen jungen Männern, kann man den Eindruck bekommen, dass sie abgekoppelt von einer Welt leben, die von einer Krise in die nächste taumelt. Wie tangiert sie der Krieg in der Ukraine, der Klimawandel? „Ich habe letztens gedacht, dass wir Menschen es sein werden, die die Apokalypse herbeiführen. Die Zukunft ist ungewiss, ich mache mir schon Sorgen über die Erderwärmung. An den Krieg denke ich ehrlich gesagt nicht“, erklärt Elias. Auch herrscht ein gewisses Gefühl der Machtlosigkeit vor: „Was kann ich denn machen? Außer mehr Fahrradfahren und die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen“, sagt er. Einmal habe er sich in Rom an einem Klimaprotest beteiligt – aber was soll das nun gebracht haben? Er schüttelt den Kopf. Auch Marco zeigt sich von diesen Krisen besorgt, aber es verändert nicht unbedingt, wie er seinen Alltag lebt oder sein Leben plant. „Es ist nicht einfach die Hoffnung zu behalten, aber zu spät ist es nie“, sagt er mit einem Schulterzucken.

Ein Lachen ertönt aus dem Nebenraum, wo zwei Dreizehnjährige Playstation 4 spielen. Wie sieht es mit Screentime aus? Elias und Marco sagen, sie würden „zu viel“ Zeit auf sozialen Netzwerken verbringen. Instagram und Co. seien ein schwarzes Loch und sie würden deswegen versuchen, sich mit Arbeit und anderen Dingen zu beschäftigen.

Aus „Vie et Société“-Unterrichtsstunden an Luxemburger Schulen hört man derweil, dass Schüler heute oftmals durch social media den Eindruck vermittelt bekommen, es ließe sich mit Musik und Fußball schnell viel Geld verdienen. Vor allem Jugendliche aus sozial schwächeren Familien bekämen so ein verzerrtes Bild der Realität vorgegaukelt. Eine Karriere als Influencer ist heute durchaus eine Möglichkeit – wie nachhaltig und gesund das ist, sei dahingestellt. Durch diesen stärkeren Druck von außen sei es schwieriger geworden, sein eigenes Selbst zu finden.

Christina Conversa ist seit drei Jahren Erzieherin in dem Jugendhaus, das Elias und Marco besuchen. „Bei diesen Karriereoptionen sind wir vorsichtig. Wir unterstützen die Jugendlichen in ihren Hobbys, möchten ihnen aber auch solide Werte mit auf den Weg geben, den berühmten Plan B – etwas Sicheres.“ Was die Probleme der Welt angeht, so kommt die Pandemie in den Gesprächen gar nicht mehr vor, seitdem die Corona-Maßnahmen fast vollständig gelockert wurden. „Im Allgemeinen haben die Jugendlichen gerade so viel um die Ohren, dass sie das, was in der Gesellschaft passiert, ein wenig verdrängen“, sagt sie. Die Examen stünden an, und die meisten von ihnen arbeiten auch noch, sodass über den Krieg und andere Krisen in den letzten Wochen weniger gesprochen wurde. „Wir versuchen ihnen zur Seite zu stehen, was ihre Herausforderungen angeht, ihnen Tipps und Tricks zu geben – ihren Weg müssen sie natürlich alleine finden und beschreiten.“

Inzwischen hat Stacy sich zu Elias und Marco hinzugesellt. Sie ist gerade in ihrem Abschlussjahr an der Sekundarschule. Ins Jugendhaus kommt sie nicht nur für die Hiphop-Tanzkurse, sondern auch zum Lernen. Die Konzentration sei hier besser als zu Hause. Fragt man sie, ob sie positiv in ihre Zukunft schaut, zögert sie keinen Moment. „Ja, auf jeden Fall.“ Sie schwankt zwischen einem Psychologie- und einem Englischstudium, bewerben wird sie sich für beides. Aus dem Proberaum tönt schon ein Oldschool-Track von Timbaland „If you see us in the club we’ll be acting real nice…“ Die Welt kann warten – jetzt wird erst mal getanzt.

*Name von der Redaktion geändert.

Sarah Pepin
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