Die kleine Zeitzeugin

Der letzte Sommertag

d'Lëtzebuerger Land du 18.09.2020

Es ist der letzte, das verkünden die Meteorologen, und jemand ruft an und sagt, es ist der letzte. Der allerletzte. Oder man ruft selber an und macht Terror bei den Liebsten, es ist der Letzte. Man muss. Man muss. Man muss ihn genießen. Profitieren, wie die luxemburgischen Profittiere sagen. Weil nie mehr so wie jetzt. So wie heute. Weil nie mehr so blau. Nie mehr so Himmel so Erde Wasser so lau. So viele Grade! Gab es noch nie! Und dann wieder nie! Nie mehr dieses Brennen auf der Haut. Dieses Brennen gegen die Kälte in den Knochen, sie kommt schon angekrochen, die Alten nicken wissend. Ihre Haut brutzelt über dem Gebein, sie schauen sich beim Verdorren zu, aber sie können nicht weg vom Platz in der Sonne. Denn sonst.

Der letzte Sommertag, heißt es bedeutungsvoll, und wir blicken in ihn und auch schon zurück. Es war. Er war. Was? War? War was? Das soll der Sommer gewesen, das soll Sommer gewesen sein? Wie bitte? So was Mickriges, Geiziges, so ein kleiner kümmerlicher, mit zögernden Schritten, auf Sparflamme. Und ohne Flugzeuge, um dem Nichts oder dem Bisschen zu entrinnen. Ohne Fluchtangebote. Und auch sonst, von allem möglichst nichts. Keine Überdosis, alles schön dosiert, wie wir es ja schon gelernt haben. Rationiert, rationell. Die Körper kontaktierten einander nicht, Dionysos wurde therapiert. Der Rausch immer nur ein vorsichtiger. Aber so geht Rausch nicht. So geht Sommer nicht.

Und jetzt, wo er noch einmal. Wo er groß aufrauscht. Also jetzt! Letzter Tag. Krall ihn dir, raube ihn dir, sei eine Tagediebin, schnapp dir den letzten Tag, es ist der einzige, den du hast. Schnapp über! Drück dich vor allem, vor der Arbeit, vor Terminen, hock dich mit dem Baby ins Gras, es darf nackt sein, vergiss die Pädophilen! Rutsch vom Operationstisch und krieche ins Freie. Oder lass dich in die weite Welt draußen vor der Tür schieben wie in kitschigen Oldie-Romanen. Beiß ins Gras! Es ist Sommer, noch, wieder, noch einmal! Schleck ein Eis, die Wespe kommt auch angetanzt, sie tanzt den Last Day in Summer Dance. Last Day in Summer Trance Dance.

Offiziell der letzte. Jetzt aber wirklich der letzte. Keine Gnadenfrist mehr. Keine Begnadigung mehr. Kein Ansuchen um Aufschub hilft, kein Jammern, kein Winseln. Der Tag war groß und er geht zu Ende. Er neigt sich seinem Ende zu. Du bist dem Ende nicht zugeneigt, es ist unfair, es war zu kurz, alles, warum hat uns keiner gesagt wie kurz das ist, Sommer? Sonne, geh nicht weg, geh nicht unter, lass uns nicht allein mit dem Heizkörper. Lass uns nicht allein im Nachtschwarz und alle Nachtlokale zu. Lass uns nicht allein mit den Maskierten, die durch Frostnebel tappen, auf der Suche nach einem Auto, das ihnen zuzwinkert. So wie wir. Die Meteorologen schauen sachlich fachlich, es wird alles so sachlich werden. Unbestechlich wie Ärzte, die Todesurteile fällen, sie nennen es Diagnosen. Herbst, sagen die Meteorologen. Der Herbst ist eine schöne Jahreszeit.

Und dann das goldene Blatt auf dem See, und noch eins, du bist von goldenen Blättern umschaukelt. Wenn die Sonne weg ist, sind sie welk. Du auch. Du stehst am Ufer und schaust und schaust und kannst nicht aufhören zu schauen, weil der Himmel ist weit offen. Er ist sperrangelweit aufgesperrt, entrez! Und morgen fällt die Nacht. So sagen die Franzosen, sie kennen sich aus.

Noch einmal eintauchen in den Indianerinnensee, noch einmal. Die Sonne scheint uns auf den Pelz und wir sind glückliche Tiere. Noch einmal. Noch einmal.

Nicht noch einmal.

Vielleicht ist ja nicht Last Day oder Last Minute, versuchst du dich zu trösten. Die irren sich ja immer bei der Wettervorhersage, warum sollte es ausgerechnet jetzt stimmen? Vielleicht ist morgen wieder so ein schöner letzter Tag, und dann noch einer, und noch einer und so weiter. Und es geht so weiter, mit Vitamin D tanken, noch einmal, mit Vitamin D speichern. Mit dem Schönheitsstress, mit dem Melancholiestress.

Bis du aufatmend an einem grauen feuchten Tag in einen Bus steigst.

Michèle Thoma
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