Die kleine Zeitzeugin

Ich fürchte mich vor dir

d'Lëtzebuerger Land du 25.09.2020

Es gibt so viel Angst im Moment, keine Angst, es ist genug für alle da. Jeder kriegt was vom Angstkuchen, obschon wir ja eigentlich schon genug haben und die Angst schon satt. Wir werden immer mehr Angstprofis, schließlich lernen wir mit ihr umzugehen. Das raten uns die Talkshow-Weisen ja auch immer.

Im Ranking der Furcht Erregenden in Europa liegen die Franzosen derzeit gut, die Tschechen holen auf, am Fürchterlichsten sind die Spanier. Und am Allerfürchterlichsten die armen Spanier/innen, die in Vierteln leben, die etwas brutal Armenviertel genannt werden. Deutschland fürchtet sich vor Luxemburg, davor fürchtet sich wiederum Luxemburg am meisten. Dass die Deutschen sich wieder vor ihnen fürchten, und dass sie dann wieder was verhängen. Über sie. Etwas Verhängnisvolles. Dabei werden sich die Deutschen bald wieder vor sich selber fürchten müssen, können wir uns getrost trösten.

Weil schlussendlich ist ja alles ganz fair, im Angstkarussell. Es dreht sich und dreht sich und alle drehen abwechselnd durch, und schon kommt der Nächste dran, der dann dran ist. Nicht wirklich, nur light, Durchdrehen light, chronisch light, ein chronisches Leiden. Ist gar nicht so schlimm mehr. Weil, ja, jetzt alle wissen wie. Wie man leben muss. Mit ihm. Und ohne den Rest. Ist gar nicht so schlimm, man darf sogar arbeiten. Dann halt mit Maske. Dann halt ohne Kuss. Ohne Gäste. Nur wir. Der Teufelskreis der Liebsten. Nur ich. Weil jetzt leben wir mit Ihm. Du musst mit ihm leben, wird geraunt. Er ist nun halt mal da, freiwillig geht er nicht.

Ist halt so mit dem. Bringt dich wahrscheinlich nicht um. Wenn du. Wenn du. Falls du nicht. Bloß nicht. Dann nicht.

Sich abwechselnd fürchten, es ist abwechslungsreich, gibt ja viele Länder auf der Welt. Wenn man schon nicht hinreisen darf. Dann eben immer schauen, wo man nicht hinreisen darf. Oder soll. Es ist ein Riesenangebot, jeden Tag wird die Liste aktualisiert. Jeden Tag tritt jemand ab, mal der, mal die, wer ist heute pfui? Wer ist Musterschülerin? Wer der nächste Schwarze Peter auf der nächsten Roten Liste?

So kommt jeder mal dran, jeder ist im Gesellschaftsspiel, bis er in die Ecke muss, auf Bewährung. Aber dann, nach harten Prüfungen und Bewährungen, sogar Einzelhaft, wird die Bewährung aufgehoben, das Spiel währt weiter und es gibt ein kurzes Aufatmen. Man traut sich sogar auszuatmen. Aber schon steht Karl Lauterbach hinter einem und malt das Virus an die Wand. Es ist ein Monster und es ist im ganzen Land. In der ganzen Welt. Jemand niest, und es gibt eine großräumige Fluchtbewegung. Alles wird evakuiert. Alle sperren sich auf Nummer Sicher ein. Damit die Welt garantiert gesund bleibt.

Eigentlich würde ich dich gern treffen. Aber hast du nicht gesagt, deine Schwiegermutter würde so hüsteln, so komisch hüsteln, nicht normal? Und P. hat eine rinnende Nase. Außerdem kennt er jemand, der jemand kennt, der positiv ist. Und L. war in Kroatien. Und S. hat Herzstolpern, das ist atypisch, aber das Typische und Tückische an diesem Virus ist das Atypische. Es ist wie bei den Terroristen, es sind nicht immer die mit den eckigen Bärten. Und T. hat gar nichts, das sind die Allerschlimmsten, die Asymptomatischen, das sind Superspreader/innen. Massenmörder/innen, wie man früher gesagt hat. So jemand will ich eigentlich nicht treffen.

Und dann die, die sich überhaupt nicht fürchten. Weil sie vor dem Frühstück Urin-Aperitifs zu sich nehmen, Eigenanbau natürlich, in Zeiten wie diesen ist Eigenversorgung das einzig Wahre. Autonom leben, autark, autistisch. Das ist die Zukunft. Das haben die erkannt. Oder weil sie Chlor schlucken, oder weil ihre Chakren in die richtige Richtung drehen und nicht durchdrehen wie beim Rest der Gesellschaft. Deshalb sind sie geerdet, also stark und nicht so durch den Wind. Oder ganz einfach, weil sie nicht an das Virus glauben, aber ganz stark an sich selber.

Die, die sich gar nicht fürchten, vor denen fürchten sich die meisten am allermeisten.

Michèle Thoma
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