Binge watching

Elend und Prunk

d'Lëtzebuerger Land du 25.09.2020

Um aufzusteigen, bedarf es stets der Bewährungen, der Proben, der Initiation. So auch für den unbeholfenen, kindlich überforderten Genny Savastano (Salvatore Esposito). Er ist der Sohn von Don Pietro (Fortunato Cerlino) und damit der Kronprinz der Camorra, der neapolitanischen Mafia. Unter der Obhut von Ciro (Marco D’Amore), der rechten Hand des Dons, soll er seinen ersten Mord an einem hilflosen Drogenjunkie begehen. So will es die Ordnung der Unterwelt in Gomorra – der Titel ist eine Bibelreferenz auf die sündhafte Stadt Gomorrha und zugleich eine Anspielung auf die kriminelle Organisation der Camorra in Neapel. Die italienische Fernsehserie dehnt diese an Matteo Garrones 2008 preisgekrönten gleichnamigen Film angelehnte Erzählung zu einem breiten Mafia-Epos aus. Es ist bereits die zweite Adaption des Tatsachenromans von Roberto Saviano, einem Journalist und Autor, der insgeheim Recherchen anstellte, um die kriminellen Machenschaften dieser Verbrecherorganisation und insbesondere deren Kokainhandel auf der ganzen Welt näher zu beleuchten.

Kämpfe um die Hierarchie, Versuche, einander zu verpflichten, Gegenleistungen und Programmierung von „Respekt“ schaffen ein Netz gegenseitiger Abhängigkeiten, das durchzogen ist von blitzartig einsetzender, brutaler Gewalt. In diesem Netz muss man sich selbst vergessen, die eigene Identität muss zuerst abgelegt werden, bevor man seinen Platz in der Rangordnung einnehmen kann. Diesen Werdegang beobachten wir hauptsächlich bei Kronprinz Genny. Mit Salvatore Esposito ist diese Rolle nicht mit einem hochkarätigen Star des italienischen Kinos besetzt, sondern ein starker Persönlichkeitsschauspieler, dem eine genuine Authentizität anhaftet. Aus diesem Umstand heraus stellt er auch die hohe Zeichenhaftigkeit des Gangsters als solche aus, die teuren Anzüge sind nur Ausdruck des wohlhabenden Status, sie kaschieren indes nicht sein niederes Wesen. So eilen ihm denn auch die Zeichen seiner neu gewonnen Macht genauso voraus, wie die seines Scheiterns. Auch seine erhoffte Verbindung von krimineller Karriere und kleinem Familienglück kann ihm nicht gelingen, keine Anbindung an diese Figur will dem Zuschauer gelingen. Gomorra verwendet bewusst Strategien, die eine Einfühlung in die Figuren gezielt untergraben. Denn diese Mafiahelden scheitern, anders als etwa Michael Corleone (Al Pacino) in The Godfather oder Lefty Ruggiero (auch Al Pacino) in Donnie Brasco, nicht so sehr an den aufgebauten Beziehungen, sondern vielmehr an der Beschaffenheit dieses kriminellen Regelwerks, gegen das niemand wirklich gewinnen kann, ja, das in jedem Freund seinen Mörder vermuten lässt. Das macht sie im Grunde tragisch.

Seiner naturalistischen Tendenz verpflichtet, versucht sich Gomorra als Milieustudie, wartet mit einem semidokumentarischen Stil auf, der Unmittelbarkeit und größtmöglichen Realismus anstreben will. Dazu dienen die langen Kameraeinstellungen, der überwiegende Verzicht auf künstliche Lichtquellen und der Dreh- und Originalschauplätzen wie etwa die prominent genutzte Hochhaussiedlung „Vele di Scampia“, die beinahe gänzlich zur Ruine verkommen ist. Nicht nur dienen diese establishing shots zur klaren Situierung im filmischen Raum, sie vermitteln auch ein Gefühl von trauriger Alltäglichkeit. In den Siebzigerjahren noch als eines der bedeutendsten Gebäude des sozialen Wohnungsbaus, im Hinterland von Neapel situiert, hat die „Vele di Scampia“ nunmehr den Ruf eines verkommenen Begegnungsortes für den Drogenaustausch. So wechseln sich dann auch diese Bilder der Prekarität der Elendsviertel, der heruntergekommenen Exterieurs mit der detailversessenen Ausstattung der Interieurs der reichen Gangsterbosse ab. Diese erstreckt sich von Kunstobjekten hohen Rangs bis zum Kitsch. Geschmack ist in Gomorra augenscheinlich keine Frage des Geldes. Das Elend und den Prunk, die Abstoßung und die Anziehung in den Bildern zu vereinen, ist das formale Ziel der Serie: Stefano Sollima, den man für die Fortsetzung von Sicario kennt, zeichnet neben seiner Rolle als einer der Regisseure sich auch als künstlerischer Produktionsleiter verantwortlich und bestimmt so maßgeblich die visuelle Ästhetik der Serie, die sich von amerikanischen Vorbildern bewusst distanziert, die Genrekonvention aber aufrecht erhält.

Auf Sky und DVD verfügbar (z.B in der Mediathek des CNA)

Marc Trappendreher
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