Isoliert in aller Öffentlichkeit: Die Ausgangssperre ist für Obdachlose eine von vielen Herausforderungen der Pandemie

„Zuhause bleiben?” Ja, wo denn, bitte?

d'Lëtzebuerger Land du 06.11.2020

Der Begriff der Vulnerabilität hat sich innerhalb kurzer Zeit in den aktiven Wortschatz der Gesellschaft gedrängt. Während diese Verletzlichkeit für viele ein unsichtbares, bisher unbekanntes Damoklesschwert ist, das vor Umarmungen, Küssen und Handschlägen mahnt, ist sie für eine andere, oft unsichtbare Bevölkerungsschicht alltägliche Realität, die sich nicht durch AHA-Regeln abwenden lässt: Für sozial und finanziell schwach Gestellte ist Covid-19 nur ein weiteres Problem unter vielen – das potentielle Auswege aus ihrer Lage noch komplizierter macht. Den Institutionen und Sozialarbeitern, die ihnen bei den schweren Schritten aus der Armut helfen wollen, verlangt die sanitäre Krise viel Anpassungsfähigkeit ab.

„Die Leute auf der Straße wollen Arbeit, sie wollen eine Wohnung, warmes Essen, etwas Einkommen“, erklärt David Mallinger, der als Streetworker mit einer Klientel zusammenarbeitet, die sich einer einfachen, umfassenden Definition entzieht. Als „Feldarbeiter” sind er und sein Kollege Djillali Mokeddem oft die ersten Kontaktpersonen für sozial schwach gestellte Personen, Jugendliche, die riskieren, abzustürzen, working poor und Drogenabhängige, jeder von ihnen ein komplexer Einzelfall. Streetworker kennen die Probleme der Betroffenen aus erster Hand, versuchen zwischen ihnen und den Institutionen, die die Schwächsten der Gesellschaft unterstützen, zu vermitteln.

Ihre Probleme haben nicht unbedingt direkt mit Covid zu tun, aber die Pandemie hat den Prozess, aus ihrer Situation herauszukommen, gebremst bis unmöglich gemacht. Gleichzeitig wurden bereits bestehende Probleme erschwert: Unternehmen schreiben kaum Arbeitsplätze aus und durch den Rückzug ins Private lassen sich weniger Spenden erbetteln. Personen, die sich mit Trinkgeldern in der Gastronomie über Wasser gehalten haben, müssen nun ohne sie überleben, während viele der gewohnten Anlaufstellen für Essen oder Hygieneprodukte nicht erreichbar oder geschlossen waren. Gleichzeitig bedeutet Kurzarbeit für Personen, die monatlich auf ihr gesamtes Einkommen angewiesen sind, dass das, was vorher nur knapp reichte, um zu überleben, nun eindeutig zu wenig ist. Wenn die Straßen leergefegt sind, sind die einzigen, die dort noch zu sehen sind, diejenigen, die keinen Ort haben, um sich zurückzuziehen. Unübersehbar werden die sonst Unsichtbaren erst dann, wenn sie nicht mehr auf der Straße bleiben dürfen: Wohin gehen, wenn Ausgangssperre herrscht und man kein Zuhause hat?

Für aktuell knapp 50 Personen ist die Antwort seit vergangenem Montag das Gebäude der Wanteraktioun in der Nähe des Flughafens, die von der Caritas, dem Roten Kreuz und Inter-Actions organisiert wird. Es wären wohl mehr Besucher, hätte die Information schon die Runde gemacht, aber in der Straße zirkulieren Informationen oft langsam. Während die jährliche Aktion mit dem Ziel, Personen vor der Kälte zu schützen, erst nächste Woche startet – früher als geplant –, wird jetzt schon die Möglichkeit angeboten, sich über Nacht hierher zurückzuziehen, um nicht mit dem Covid-Gesetz in Konflikt zu geraten. Und nicht jetzt schon nachts unter der Kälte und Nässe des Herbstes zu leiden.

Sozialarbeiter werden regelmäßig von der Polizei kontaktiert, die sich über den Fortschritt informiert: Man will nicht unnötig in Konflikte mit Personen geraten, die ein Gesetz brechen, an das sie sich unmöglich halten können. Wird eine Person von der Polizei gefunden, kann sie zur Wanteraktioun gebracht werden, um dort die Nacht zu verbringen? Bis zu 250 Personen finden dort einen Schlafplatz und ein Dach über dem Kopf, nur etwas mehr als in den vergangenen Jahren tatsächlich gekommen sind. Die normalerweise getrennten Tages- und Nachtanlaufstellen wurden erstmals während des Lockdown zusammengelegt, eine Lösung, wie die Beteiligten sagen, die Informationswege weiter verkürzt und die Zusammenarbeit vereinfacht hat. Neben frisch bezogenen Betten erhalten die Hilfsbedürftigen – unter ihnen eine steigende Zahl Familien und Frauen, die getrennte Schlafzimmer bewohnen – Hygieneprodukte, Zahnbürsten und Essen. Die Betten werden durch eine Ticketsystem verteilt, Covid-bedingt wird versucht, sie so weit wie möglich auseinander zu halten, was mit steigender Besucherzahl eine zunehmende Herausforderung werden wird.

Unnatürliche Selektion Die Infektionsrate unter den Obdachlosen scheint bisher ziemlich niedrig, stellen nicht nur die Streetworker, sondern auch Raoul Schaaf, Direktor des CNDS (Comité national de défense sociale) fest. Sowohl bei der Wanteraktioun wie auch im Abrigado, der Anlaufstelle für Drogenabhängige in der Nähe des Hauptbahnhofs, das auch etwa 40 Betten zur Verfügung stellt, werden Maßnahmen ergriffen, um den Überblick über die Infektionszahlen zu behalten. Symptome werden sofort gemeldet und die Temperatur der Anwesenden kontrolliert. Die Infektionszahlen scheinen durchgehend niedrig zu sein: Während einige isolierte Fälle aufgetreten sind, kann von einem Cluster keine Rede sein, Tote soll es laut allen Beteiligten gar keine gegeben haben. In einem ersten Schritt lässt sich daraus schließen, dass viele der Maßnahmen der Organisationen greifen: Masken und Desinfektionsgel konnten schnell unter die bedürftige Bevölkerung gebracht werden und sind auf große Akzeptanz gestoßen. Viele Betroffene sind sich ihrer gesundheitlichen Situation bewusst, wollen sich bestmöglich schützen. Medizinische Betreuung war bereits vor der Pandemie eine Priorität in der Arbeit mit sozial Schwachen, Covid hat jedoch einen weiteren Akzent auf sie gesetzt: Im Abrigado haben allein im Oktober rund 900 medizinische Untersuchungen stattgefunden, dies nachdem die Beratungszahlen Anfang des Jahres drastisch gesunken waren.

Insbesondere im Abrigado jedoch, wo Drogenabhängige in sicherem Umfeld konsumieren können, sind Symptome nicht immer leicht festzustellen. Der Stoff, der auf der Straße eingekauft wird, ist laut Raoul Schaaf „weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinne berauschend“: Der freie Markt wurde durch die Grenzschließungen stark getroffen und hat sich bis heute nicht komplett erholt, die Drogen bleiben stark gestreckt, oft mit Paracetamol, das schmerz- und fieberlindernd wirkt. Mögliche Symptome werden dadurch unterdrückt, da die Personen sich unbewusst selbst medikamentieren. Fieber ist ein Zeichen für ein funktionierendes Immunsystem, erklärt eine Ärztin des Sammelpunkts: Bei vielen der Personen vor Ort sei dieses jedoch bereits so geschwächt, dass es nicht zu einer normalen Reaktion des Körpers komme und das Fieber ausbleibe. Dennoch: Im Gebäude hinter dem Hauptbahnhof steigt das Durchschnittsalter der Konsumenten auch gegenwärtig noch, ein Zeichen, dass die Hilfsangebote greifen, schließt Schaaf. Die Gesundheitsschäden, die vor allem durch beigemischte Stoffe in den Drogen, aber auch Lebensumstände hervorgerufen werden, sind weniger schnell tödlich als vorher. Christof Mann, Chargé de Direction des Affaires sociales und selbst ehemaliger Streetworker, sieht noch einen weiteren Erklärungsansatz für die niedrige Infektions- und Sterberate: „Jeder, der lange auf der Straße überlebt, ist nicht leicht unterzukriegen.“

Isolation im öffentlichen Raum Während viele der Angebote und Hilfeleistungen auch während des Lockdown durchgehend verfügbar waren, sind Gruppenaktivitäten vom Service Streetwork bis heute komplett zum Erliegen gekommen. Vor allem Sportaktivitäten, an denen in vergangenem Jahr über 1 100 Personen teilgenommen haben, können einen wichtigen Schritt zur Resozialisierung beitragen, ein Gefühl der Normalität vermitteln und helfen, gesund zu bleiben. Oder wieder gesünder zu werden. „Einzelne Aktivitäten die Leute individuell betreffen, können wir wieder aufnehmen, zum Beispiel Streethair, wo die Leute sich die Haare schneiden lassen können. Aber Gruppenaktivitäten bleiben unmöglich, das können wir nicht riskieren“, bedauert Djillali Mokeddem. Sie waren gezwungen, sich neu zu erfinden: Neben größerer Präsenz auf der Straße wurde das Aktivitätsangebot so gut wie möglich angepasst: Gemeinsames Fischen oder Kayakfahren bieten Möglichkeiten, dem Straßenalltag für einen Moment zu entfliehen. Im Abrigado wurden zu Beginn der Pandemie Mund-Nasenmasken genäht. Dennoch, stellen die Streetworker fest: Die Atmosphäre hat sich geändert, die Leute vorsichtiger geworden. Selbst bei Einzel-Aktivitäten sehen sie deutlich weniger Leute als vorher. „Kontakte minimieren“ ist auch für Leute auf der Straße Modus operandi. Und wer glaubt, es sei stressig, sich zuhause zu isolieren, soll es einmal zusammen mit fünf anderen Personen auf fünfzig miteinander geteilten Quadratmetern versuchen.

Dennoch ziehen alle beteiligten Akteure eine den Umständen entsprechend gute Bilanz: Man habe schnell reagiert, und während am Anfang kein „Covid-Notfallplan A“ aus dem Hut gezaubert werden konnte, sei es durch die kurzen Wege und die guten Kontakte zwischen allen Organisationen, der Regierung und der Stadt Luxemburg gelungen, schnell einen solchen Plan aufzustellen und umzusetzen, sagt der Stater Sozialschöffe Maurice Bauer (CSV), begleitet vom Nicken der Streetworker. Während die Situation anfangs nicht einfach war, habe man mittlerweile Routine bekommen, bestätigen beide. „Covid-Plan B und C“ lägen in den Schubladen des Abrigado und der Wanteraktioun. Eine Essenspende-Aktion des Außenministeriums, die im Frühjahr begonnen hatte, wird nun bis Mitte nächsten Jahre fortgesetzt: 170 Lunchpakete werden täglich ins Abrigado geschickt. Unter den Sozialarbeitern fühlt man sich gehört, respektiert. Die Gesellschaft ist im Laufe der vergangenen Monate mit dem Gefühl der Verletzlichkeit vertraut geworden. Möglicherweise könnte dieses Gefühl in Zukunft zu noch mehr Mitgefühl ausgebaut werden, denn gegen Armut ist kein Impfstoff in Entwicklung..

Misch Pautsch
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