Luxemburgisch-Kurse werden immer beliebter – nicht nur wegen des Sproochentests. Auch Nachfahren luxemburgischer Auswanderer nach Amerika wollen die Sprache vermehrt lernen

Back to the roots

d'Lëtzebuerger Land vom 29.07.2022

Ech well mäi Croissant op Lëtzebuergesch bestellen! So hieß vor Jahren, als social media noch ein Dorf und die Welt halbwegs in Ordnung war, eine Facebook-Gruppe. Populismus beiseite – es ist für viele ausländische Mitbürger erstrebenswert, ihr Hörnchen auf Lëtzebuergesch bestellen zu können. Die Sprache und ihre Kuriositäten kann man heute auf einer Reihe unterschiedlicher Online-Plattformen und an Instituten lernen, der Andrang ist so groß wie nie. Allein am Institut national des langues (INL) gab es 2009 lediglich 77 Luxemburgisch-Kurse, heute sind es 345, die Einschreibungen haben sich mehr als verdoppelt und liegen für das eben vergangene Schuljahr bei 5 707. Im April kündigte Bildungsminister Claude Meisch (DP) an, die Angebote zum Spracherwerb zu erweitern, unter anderem mit einem neuen digitalen Einstufungstest und einer Ergänzung des derzeit gebrauchten Lehrmaterials „Schwätzt dir Lëtzebuergesch?“. Auch sollen die Online-Kurse weiter ausgebaut und die Gratis-Lehrplattform „Lëtzebuergesch léieren online“ im Herbst live gehen – neben dem Niveau A1 und A2 wird jedes Jahr eine Stufe hinzukommen.

Diese Plattform wird dem multilingualen Kontext, in dem Lëtzebuergesch sich entwickelt, gerecht: Sie wird auf Portugiesisch, Deutsch, Französisch, Englisch und Luxemburgisch angeboten werden. Allgemein sind Englisch-Angebote noch relativ neu: Learn Luxembourgish hieß die erste Lernressource auf Englisch, gegründet wurde sie 2017 von der in Kanada lebenden Luxemburgerin Liz Wenger, aus einem Wunsch heraus, ihrer Familie ihre Muttersprache näherzubringen. Ihr Angebot fand Anklang, sie schrieb das gleichnamige Buch dazu, die Skype-Kurse wuchsen stetig.

Die Autorin Florence Sunnen unterrichtet dort seit Gründung der Sprachplattform. Die Motivationen der Schüler seien unterschiedlich, viele seien kürzlich erst im Land angekommen und würden versuchen, sich möglichst schnell zu integrieren und den mit dem Nationalitäten-Gesetz von 2008 eingeführten Sproochentest zu absolvieren. Derzeit ist der Erhalt der Staatsbürgerschaft an die Absolvierung der Prüfung gekoppelt, die ein mündliches Niveau von A2 und ein Hörverständnis von B1 voraussetzt. „Viele Menschen, die nicht gerade in Luxemburg-Stadt wohnen, wollen mit ihren Nachbarn reden können und sind von ganz praktischen Alltagsaufgaben motiviert, wie etwa ein Brot zu kaufen“, erzählt sie. Sie passe ihre Kurse an die jeweiligen Bedürfnisse der Schüler an. Eine Reihe von ihnen würden nach den „Basics“ aufhören, wenn sie ihr Ziel erreicht hätten. Auf höheren Niveaus würden viele auf Privatklassen zurückgreifen, um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Die größte Schwierigkeit für die Schüler sei oft, jemanden zu finden, mit dem sie Luxemburgisch sprechen können; oder eine Muttersprache, die durch ihre Phonetik oder stark abweichende Grammatik den Spracherwerb erschwert.

Völlig andere Beweggründe haben jene luxemburgischen Amerikaner, deren Vorfahren in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind. „Sie befinden sich in einem anderen linguistischen Kontext, das bringt unterschiedliche Herausforderungen mit sich.“ Da sie die Sprache weniger hören, fiele ihnen die Aussprache schwerer. Auch hätten sie eine weitgehend emotionale Motivation, sich irgendwie über diese spezielle Sprache mit dem „alten“ Land ihrer Vorfahren, mit ihrem heritage, wieder zu verbünden. In diesem Kontext finden regelmäßig Reisen zwischen den Vereinigten Staaten und Luxemburg statt. René Daubenfeld, Genealoge, organisiert sie seit 2005 unter dem Namen Building Bridges. Er begleitet auch Menschen, die ihre Vorfahren und deren Wohnorte in den Dörfern des Großherzogtums wiederfinden wollen. „Dat maachen ech iewer nëmmen fir Lékt, déi keng Trump-Supportere sen!“, stellt er klar.

Mit einem großen Lächeln ruft Dawn Larson zu Interviewbeginn auf Zoom „Moien, wéi geet et!“ in die Kamera. Zurzeit ist sie mit ihren drei erwachsenen Kindern auf Reisen in Norwegen, wohnt aber im Bundesstaat Washington und kommt ursprünglich aus Chicago, Illinois. Dorthin war ihr Urgroßvater mütterlicherseits 1894 ausgewandert, aus dem Dorf Tadler unweit des Stausees. Als Floristen und Gärtner erhoffte die Familie sich in der „neuen Welt“ ein besseres Leben, dieser Wunsch ging weitgehend in Erfüllung. Im Haus ihres Großvaters wurden noch Träipen und Kachkéis gegessen, und obwohl sich das etwas verloren hat, dachte Dawn vor ein paar Jahren, es könnte interessant sein, ein paar Wörter zu lernen, und meldete sich bei Learn Luxembourgish an. Im Kurs fand sie drei andere amerikanische Frauen, eine in Kalifornien, die anderen in Wisconsin und in Illinois, mit denen sie zusätzlich zu ihren Privatkursen zwei Mal im Monat auf Zoom das Sprechen übt. „Es ist sehr zufriedenstellend für mich, wenn ich jetzt Artikel auf RTL lese und sie verstehe – und wenn ich bei Anne’s Kitchen weiß, ob sie Mehl oder Milch zum Teig gibt.“ Die Anziehungskraft der Vergangenheit zog sie auch back to the roots nach Tadler, in das Haus, in dem ihre Urgroßeltern gelebt haben. Sie glaubt an ein Leben nach dem Tod, und was wäre schöner, als ihre Vorfahren im Himmel in deren Muttersprache begrüßen zu können? Gilles Roth (CSV) würde sich über das Interesse freuen: „Wéi sympathesch ass ët dach, vun engem Amerikaner oder Hollänner ze héieren, dass deen wëllt mat Iech Lëtzebuergesch schwätzen?“, sinnierte er während der Debatte um die Nationalität 2013.

Dawn Larson hat keinen luxemburgischen Pass und wird wahrscheinlich auch keinen anfordern. Zum Teil liegt nämlich die Identifizierung der Luxemburger Amerikaner auch daran, dass Nachfahren wie Dawn seit 2008 das Recht haben, die Staatsangehörigkeit par recouvrement zu beaantragen, ein Sproochentest ist nicht nötig, allerdings müssen sie sich in Luxemburg vorstellen. „Sicherlich finden die Nachfahren Luxemburg und die Sprache auch attraktiv, weil es ihnen exotisch erscheint“, erklärt Jean Ensch, Mitglied im Verwaltungsrat der Luxembourg American Cultural Society (LACS). Im nördlichen Wisconsin wisse man vielleicht noch, was Boune-
kraitchen ist. Die großen Auswandererströme in die Staaten sind im 19. Jahrhundert zu verorten, zwischen 1845 und 1890. Im Mittleren Westen, etwa Illinois, Wisconsin, Minnesota und Ohio (und später weiter westlich) eröffnete das Land den Auswanderern eine attraktive Version des American Dream: „Wir essen zweimal in der Woche Fleisch“, lockte etwa ein Auswanderer die Gromperen-essenden Hinterbliebenen.

Die Menschen, die heute in Amerika noch Luxemburgisch zuhause sprechen, sind jedoch fast völlig ausgestorben, sagt Jean Ensch. Um die Kultur aufrecht zu erhalten, hat die LACS in Belgium, Wisconsin – einer der Hauptauswanderungsorte – das Luxembourg Cultural Center gegründet, samt eines Museums namens Roots & Leaves. Hier gibt es für alle interessierten Mitglieder ebenfalls Sprachkurse, und jährlich findet ein Luxembourg American Fest statt: Fotos von einer in Gold geschminkten Frau, die die Gëlle Fra darstellt, begleiten die Ankündigung der Veranstaltung. Dieses Jahr wird es Mitte August ein Panel über The Jewish Experience in Luxembourg mit der Historikerin Renée Wagener geben, ein bereits ausverkauftes al fresco-Abendessen Dine like a Luxembourger mit Weinen und Crémant von der Mosel, Bofferding und Quetschentaart und eine Messe mit Erzbischof Jean-Claude Hollerich. Diese Erinnerungskultur wirkt für Lëtzebuerger von heute fast etwas befremdlich in ihrem folkloristischen Stolz und in dem, was sie primär als identitätsstiftende Merkmale Luxemburgs ausstellt. Vielleicht ist man solche Aufmerksamkeit als kleines Land aber auch einfach nicht gewöhnt.

Sarah Pepin
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